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Priv.-Doz. Dr. Udo Krolzik: Das Wöllnerische Religionsedikt


1 Einleitung

Das Urteil der Geschichtsschreibung über die kirchenpolitischen Maßnahmen Friedrich Wilhelm II. und seines Ministers Johann Christopf v.Woellner lautet nahezu übereinstimmend: Rückfall in mittelalterliche Zustände. Friedrich WilhelmII. erscheint als ein Weichling, Frauenheld und religiöser Obskurant und v.Woellner als sein Großinquisitor.(1) Beide sind umgeben von spiritistischen Dunkelmännern, die sie für ihre persönlichen Vorteile ausnutzen.(2) Preußen unter Friedrich II. galt als ein fortschrittlicher, der Aufklärung aufgeschlossener Staat.(3) Demgegenüber wird die Zeit Friedrich Wilhelm II. als Zeit der Reaktion gesehen.(4) Deshalb ist nach dem Urteil der Historiker(5) die weitere Geschichte und entsprechend auch die Geschichtsschreibung über sie hinweggeschritten. Nach Auffassung vor allem von amerikanischen und britischen Historikern war diese reaktionäre Zeit möglich, weil Preußen zur Zeit der Aufklärung unpolitisch und autoritär war.(6) In der neueren Forschung war es vor allem Valjavec, der dieser Überzeugung grundlegend widersprochen hat, indem er die Entstehung der politischen Strömungen bis in diesen Zeitraum zurückverfolgte. Dabei sieht er die liberale und demokratische Strömung sich gegen Kirche und Theologie entfalten.(7)

Hauptbelege für die Reaktion unter Friedrich Wilhelm II. sind das Religionsedikt (RE), das erneuerte Zensuredikt, der Landeskatechismus, die Examensordnung für Theologen, und die Immediate Examinationskommission (IEK). Es wird allerdings zugestanden, daß das Religionsedikt die erste Kodifizierung der Toleranz war, die weit über die üblich erlaubte hinausging, indem sie auch Sekten zuließ. Es wird im Laufe der Arbeit deutlich werden, daß beide Beurteilungen des REs, nämlich Beleg sowohl für die Reaktion als auch für die Toleranz zu sein, zutreffen, da damit jeweils unterschiedliche Ebenen angesprochen werden.

Die Beurteilung der Zeit Friedrich Wilhelm II. als Zeit der Reaktion hatte sich im deutschen Liberalismus des 19. Jahrhunderts durchgesetzt, indem Friedrich Wilhelm II. an dem Friedrichbild dieser Zeit gemessen wurde.

Eine grundsätzlichere und "parteilose" Beschäftigung mit der Religionspolitik in dieser Zeit forderte die "Königlich Privelegierte Berlinische Zeitung" in ihrer Beilage zur Ausgabe vom 11.4.1858.(8) Dieselbe Forderung bezogen auf den Minister v.Woellner erhob Fontane in einen Brief vom 19.1.1870 an v.Medling. Ansatzwiese hat er dies dann auch in seiner Arbeit "Geheime Gesellschaften im achtzehnten Jahrhundert" verwirklicht.(9) Die erste wohl gerechtere Beurteilung Friedrich Wilhelm II. und seines Ministers findet sich in dem Artikel "Woellner"der ADB.

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Zurück zum Text  1. Zuerst findet sich diese Charakterisierung in: Das Religions-Edikt. Ein Lustspiel in fünf Aufzügen. Eine Skizze von Nicolai dem Jüngern, Thenakel 1789, das Carl Friedrich Bahrdt verfaßte; s. zu dieser Schrift das Referat bei Schwartz, Kulturkampf, 144ff.; zu Bahrdt s. Valjavec, Entstehung, 136f. Obgleich diese Charakterisierung verurteilt wurde - s.Henke, Beurteilung, 82f. -, haben spätere Darstellungen ihre Grundaussagen aufgegriffen, so schon Leopold von Gerlach, in: Denkwürdigkeiten 2, 737 s.Philippson, Geschichte I, 214.344; Kapp, Aktenstücke I, 138f.; Schwartz, Kulturkampf, 197, s. jedoch S. 202; Brunschwig, Gesellschaft, 269f., vgl. auch Gericke, Glaubenszeugnisse, 93. Wahrscheinlich sind in diese Urteile über Friedrich Wilhelm II. und v.Woellner die negativen Aussagen über beide durch Friedrich d.Gr. eingeflossen, der z.B. in einem Brief an Königin Ulrike von Schweden vom 14.11.1770 über den Kronprinzen Friedrich Wilhelm urteilt: "Ungeschickt in allem, was er tut, ungehobelt, halsstarrig, launenhaft, ein Wüstling, verdorben in seinen Sitten, töricht und widerwärtig, das ist er, nach der natur gemalt." (Correspondenz 30, 261) Und Woellner bezeichnet er - wie in der Literatur häufig zitiert - als einen "betriegerischen und intriganten Pfafen" (z.B. Preuß, Beurtheilung, 582; Schwartz, Kulturkampf, 36; u.ö.).

Zurück zum Text  2. So schon Teller in seiner Gedächtnisrede auf Friedrich Wilhelm II., s.dazu Stölzel, Svarez, 267 A1; ebenfalls Nicolai in der Vorrede zur Neuen Allgemeinen Deutschen Bibliothek, Bd. 56, s.dazu Fontane, Wanderungen 3, 326; Philippson, Geschichte I, 344; Schwartz, Kulturkampf, 205; Hoffmann, Hermes, 70.

Zurück zum Text  3. S.neben vielen anderen Tschirch, Geschichte, 10f.

Zurück zum Text  4. Valjavec, Religionsedikt; Philippson, Geschichte I, 214; Schwartz, Kulturkampf, 101; Vierhaus, Deutschland, 13; Huber, Verfassungsgeschichte 1,109; Birtsch, Religions- und Gewissensfreiheit, 192; anders Hintze, Hohenzollern, 411; ders., Epochen, 91f.

Zurück zum Text  5. Birtsch, Christian, 325.

Zurück zum Text  6. Belege bei Klippel, Concept, 447f.

Zurück zum Text  7. Valjavec, Entstehung; 1965 und 1967 hat Vierhaus in zwei Aufsätzen ähnliche Zusammenhänge aufgezeigt, s. Vierhaus, Bewußtsein, und ders., Montesquieu.

Zurück zum Text  8. GStA Merseburg Rep 47 Tit 1 Heft 33, 67f.

Zurück zum Text  9. Fontane, Wanderungen 3, 308 (Aufsatz). 602 (Brief).

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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