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Priv.-Doz. Dr. Udo Krolzik: Das Wöllnerische Religionsedikt


Bei eingehender Untersuchung der Quellen stößt man nicht nur auf einige falsche Informationen in der Forschung, sondern auch auf Schwierigkeiten bei der Interpretation. So fällt die Schwierigkeit auf, die Tatsache zu verstehen, daß Johann Salomo Semler, einer der Väter der deutschen Aufklärung, das antiaufklärerische Religionsedikt rechtfertigt. Vertieft man sich in die Quellen zur Lage der Pfarrerschaft in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, so liest man fast wörtlich übereinstimmende Klagen über den Zustand der Pfarrerschaft bei den Vertretern der staatlichen Politik wie den Gegnern, so daß ein Eingreifen zur Kontrolle und "Qualitätssicherung" der pastoralen Arbeit nicht nur wünschenswert, sondern unbestritten notwendig erscheint. Betrachtet man die Gesetzesentwicklung, so wird man nicht übersehen können, daß die Toleranzaussagen des Ediktes abgesehen von der Virginia Bill of Rights (1776)(10) die weitestgehenden in jener Zeit waren und daß unter Friedrich Wilhelm II. das Allgemeine Landrecht (ALR) eingeführt wurde, das - selbst wenn man mit einigen Forschern eine Abschwächung der ursprünglich fortschrittlichen Tendenzen annimmt - doch ein fortschrittliches Gesetzeswerk im Range einer Verfassung darstellt. Es kann auch nicht übersehen werden, daß die Aufklärungsjuristen durchaus dem Staat ein Eingreifen in die kirchliche Lehre zugestehen. Wenn sich dabei Differenzen zur Wahrnehmung dieses Rechtes durch Friedrich Wilhelm II. wie etwa im Fall des Schultz ergeben, dann muß genauer gefragt werden, worin diese Differenzen bestehen.(11) Auch das häufig als Hauptbeweis für die reaktionäre Haltung genannte Zensuredikt vom 19.12.1788 ist keineswegs außergewöhnlich für diese Zeit. Es gab solche Edikte sowohl davor - das Edikt ist als "erneuertes" Zensuredikt eingeführt worden (12) - als auch danach - so etwa die Verordnung Friedrich Wilhelm III. vom 14.9.1798.(13) Es muß also genauer gefragt werden, worin unterscheidet sich die Gesetzgebung Friedrich Wilhelm II. von der vorherigen und nachfolgenden, und wie läßt sich die unterschiedliche Bewertung dieser Gesetze in der Forschungsgeschichte erklären.

Da der Gegensatz zur Aufklärung bei Friedrich Wilhelm II. und seinem Minister v.Woellner weniger im Theoretischen liegen dürfte als vielmehr in der unterschiedlichen Auffassung von der Durchsetzung, soll im Folgenden eine Einrichtung, die Schöpfung Friedrich Wilhelm II., seines Ministers und ihrer "Getreuen" ist, in ihrer Entstehung und Durchführung genauer untersucht werden. Es handelt sich um die "Königliche Examinations-Commission in geistlichen Sachen" (IEK). Dabei sollen die wirklichen Unterschiede zu den Gegnern herausgearbeitet werden.

Ziel dieser Untersuchung ist es zu zeigen, daß der politische Pluralismus des deutschen Protestantismus, wie er sich in der Zeit zwischen 1815 und 1848 zeigte (14), sich in der Auseinandersetzung um das Religionsedikt und dessen Umsetzungen bildete, indem die zuvor fügsame, sozial ruhige und konformistische protestantische Geistlichkeit eine dynamische, selbstbewußte und einflußreiche politsche und soziale Gruppe wurde, die zur Ausbildung unterschiedlicher politischer Strömungen in Preußen beitrug. Diese Bedeutung der protestantischen Geistlichkeit für Preußen im ausgehenden 18.Jh. soll an der Auseinandersetzung um die IEK aufgezeigt werden.

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Zurück zum Text  10. Conrad, Staat, 63.

Zurück zum Text  11. Conrad, Staat, 60f.

Zurück zum Text  12. Am 1.6.1772 hat Friedrich d.Gr. ein Zensuredikt erlassen, das er als Erneuerung und Präzisierung des von ihm am 11.5.1749 erlassenen Zensurediktes bezeichnete; s. Novum Corpus Constitutionum Prussico-Brandenburgensium (NCCPB), 175ff. Nr.XXXV.

Zurück zum Text  13. S. dazu Widdecke, Geschichte, 175.

Zurück zum Text  14. S. dazu Schnabel, Geschichte 4, 279-577; vgl. Bigler, Politics.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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