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Priv.-Doz. Dr. Udo Krolzik: Das Wöllnerische Religionsedikt


2 Einrichtung der Immediaten Examinationskommission

Am 14.5.1791 wird eine besondere Kommission die spätere sogenannte "Königliche Examinations-Commission in geistlichen Sachen!" durch Kabinettsorder an Minister v.Woellner eingesetzt.(15) Diese Kabinettsorder bestimmt zunächst, daß das Oberkonsistorium(16) um drei Räte (17) erweitert werden soll. "Zu desto besserer Befolgung des Religions-Edicts vom 9ten Juli 1788 desgleichen in Absicht der Examinum der Candidaten und der Ausarbeitung verschiedener neuern Consistorial und Schulreglements". Diese drei sind bei den Sitzungen anwesend, ansonsten von den gewöhnlichen Sitzungen des Oberkonsistoriums befreit. Ausgewählt für diese Stellung hat der König den Oberkonsistorialrat Hermann Daniel Hermes (1731-1807) aus Breslau(18), den Hofrat Gottlob Friedrich Hillmer (1756-1835) ebenfalls aus Breslau(19) und den Prediger Theodor Carl Georg Woltersdorff (1727-1806) aus Berlin(20). Weiterhin ordnet diese Kabinettsorder an, daß an allen Konsistorien eine besondere "Commission" eingerichtet werden soll, die aus drei geistlichen Räten besteht. Diese Kommission soll alle Kandidaten, die ein Pfarr- oder Schulamt erhalten sollen, auf ihr Glaubensbekenntnis hin prüfen, ob sie "nicht von den schädlichen Irrthümern der jezzigen Neologen und sogenannten Aufklärer angesteckt" sind. Erst wer diese Prüfung bestanden hat, kann sich zum weiteren Examen beim Konsistorium melden. (21) In Berlin soll diese Kommission aus den drei geistlichen Räten Silberschlag, Hermes und Woltersdorff bestehen. Diese drei Oberkonsistorialräte sollen für jedes Konsistorium im preußischen Lande drei "orthodoxe" Männer für eine entsprechende Kommission vorschlagen. "Orthodox" ist in dieser Kabinettsorder durch den Gegensatz zu den "schädlichen Irrthümern der jezzigen Neologen und sogenannten Aufklärer" bestimmt.(22) Diese orthodoxen Männer müssen nicht Mitglieder eines Konsistoriums sein, sie können einfache Dorfpfarrer sein. Hierin drückt sich wohl Friedrich Wilhelm II. Mißtrauen gegen die geistliche Führungsschicht aus und tatsächlich stellen sich große Schwierigkeiten bei der Suche nach geeigneten Personen ein, so daß diese Kommissionen erst am 3.2.1793 eingesetzt werden können(23), obgleich der Entwurf einer Instruktion für solche Kommissionen schon am 5. 9.1791 von Silberschlag, Hermes, Woltersdorff und Hillmer vorgelegt wurde(24).

Die Kabinettsorder vom 14.5.1791 besitzt einige Unklarheiten. Zum einen werden eigentlich zwei Kommissionen eingesetzt: die eine aus Hermes, Hillmer und Woltersdorff bestehend, sie soll für die Befolgung des Religionsediktes und der Examensvorschriften sorgen, die Prüfungen im Oberkonsistorium beobachten(25) und Konsistorial- und Schulverordnungen vorbereiten. Die andere Kommission besteht aus Silberschlag, Hermes und Woltersdorff, sie soll eine Glaubensprüfung vornehmen. Der Grund dafür, daß zu dieser zweiten Kommission Silberschlag statt Hillmer berufen wird, liegt wohl darin, daß nur Geistliche diese Glaubensprüfung vornehmen sollen, Hillmer aber Geheimer Rat ist.

Eine weitere Unklarheit besteht darin, daß das Verhältnis dieser Glaubensprüfung zu der Prüfung für die Genehmigung zu Predigen (pro licentia concionandi) nicht bestimmt wird, denn diese Prüfung ging ebenso wie die neue Glaubensprüfung einer Prüfung zum Predigtamt voraus, wird aber in dieser Kabinettsorder gar nicht erwähnt. Die Kabinettsorder ordnet nur an, daß die Kommission "einen jeden Candidaten, der eine Pfarre oder ein Schul-Amt verlangt, vorhero, und ehe er zu dem bisherigen gewöhnlichen Tentamine und Examine admitiert wird, über sein Glaubensbekenntniß" prüfen soll. (26) Erst das Reskript vom 13.3.1792 bringt hier Klarheit, indem es festlegt, daß die Predigterlaubnis nicht durch das Oberkonsistorium, sondern durch die IEK erfolgen soll.(27) Die Glaubensprüfung vor dem Examen pro ministerio ist dadurch nicht erledigt.

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Zurück zum Text  15. Philippson, Geschichte I, 343, verweist auf P.S.A. Repos.47, No.4, entspricht GStA Merseburg Rep 47 Tit 4; der vorliegende Bestand enthält jedoch diese Kabinettsorder nicht mehr. Teile sind in anderen Schriftstücken zitiert: GStA Merseburg Rep 76 alt XV Nr.1,3 6; LHA Magdeburg Rep A 12 Gener Nr.2840, 15.11.1791 3. Die Kabinettsorder ist zu großen Teilen abgedruckt bei Philippson, Geschichte I, 343f.; Schwartz, Kulturkampf, 203; Hoffmann, Hermes, 66. Sack, Geschichte, 455 datiert die Errichtung der Examinationskommission fälschlicherweise auf August 1791. Im August 1791 wurde die Instruktion für diese Kommission verordnet.

Zurück zum Text  16. Das 1750 gebildete Oberkonsistorium gehört zum Geistlichen Departement, eine von fünf Abteilungen des Justizministeriums. Ihm unterstehen alle Provinzialkonsistorien außer dem schlesischen. Das Oberkonsistorium ist gleichzeitig - mit Ausnahme des Präsidenten - Provinzialkonsistorium für die Kurmark. Zusammensetzung des Oberkonsistoriums 1791 laut GStA Merseburg Rep 47 Tit 4: Anstellung beim Consistorium 1770 - 93: der Präsidenten Johann Christopf von Woellner (seit 1788) und der Vizepräsident Thomas Philipp von der Hagen (seit 1767); die geistlichen Räte Johann Joachim Spalding (seit 1763), Wilhelm Abraham Teller (seit 1767), Friedrich Anton Büsching (seit 1767), Esajas Silberschlag (seit 1768), Johann Samuel Diterich (seit 1771), Friedrich Samuel Gottfried Sack (seit 1786), Johann Friedrich Zöllner (seit 1788 mit Übernahme des Propstenamtes von Spalding), und die weltlichen Räte: der Garnisonsprediger Johann Christoph Nagel (seit 1773), die Juristen Carl Franz von Irwing (seit 1760), Joachim Friedrich von Lamprecht (vor 1788); und der Schulmann Friedrich Gedicke (seit 1785). Zur Zusammensetzung des Oberkonsistoriums s. Themel, Mitglieder, 85-96.

Zurück zum Text  17. Es ist nicht von geistlichen Räten die Rede, wie Schwartz, Kulturkampf, 203 sagt.

Zurück zum Text  18. Studium gleichzeitig mit Woellner in Halle unter S.J.Baumgarten; Anschluß an eine pietistische Gruppe, zu der auch zwei Söhne der Familie Woltersdorff aus Berlin (s.Semler, Lebensbeschreibung I, 76ff.); zu dieser Familie enge Verbindung in der Berliner Zeit; Pfarrer und dann Professor am Magdalenengymnasium in Breslau, letzteres durch Vermittlung von Th.C.G.Woltersdorff; 1771 Propst in Breslau, seitdem hat er plötzlich eine orthodoxe Theologie vertreten mit starker Betonung der Sündenlehre, wodurch er wohl von weiteren Beförderunge bis zum Tode Friedrich d.Gr. ausgeschlossen war; die Tochter heiratet 1782 Heinrich Sigismund Oswald, der genauso wie sein Schwiegervater und seit 1779 Woellner und seit 1781 der Kronprinz zu den Rosenkreuzern gehörte; auf Empfehlung von Hermes wird 1783 Gottlob Friedrich Hillmer, ebenfalls ein Rosenkreuzer, als Professor Magdalenengymnasium berufen; 1787 wurde Hermes außerordentlicher Oberkonsistorialrat in Breslau; 1790 lernte Hermes Friedrich Wilhelm II. und den Kronprinzen bei dere Aufenthalt in Breslau persönlich kennen und machte den König vermittelt durch Oswald mit einer "Geisterbeschwörerin" bekannt; 1791 Berufung in die IEK; 1798 Entlassung aus dem Dienst; Er lebte als Privatmann in Berlin bis zu seiner Berufung (1805) als Kirchenrat und Professor der Theologie nach Kiel. Lit: Hoffmann, Hermes; ADB 12, 196f.; Doering, Kanzelredner, 121-123.

Zurück zum Text  19. Nach Jurastudium war er Mentor junger Edelleute, mit denen er zahlreiche Reisen unternahm; er trat früh den Rosenkreuzern bei und wurde auf Vermittlung von Hermes 1783 als Professor an das Magdalenengymnasium in Breslau berufen; nach einem kurzen Aufenthalt in Paris siedelte er 1786 nach Berlin über, von wo aus er die Breslauer Freunde über die neuesten Entwicklungen am Hof informierte; 1791 wird er in die IEK berufen; nach Auflösung der IEK zog er sich, der in seiner Jugend in der BrüdergemeindeNiesky erzogen worden war, in die Brüdergemeinde Neusalz in Schlesien zurück und gab eine erbauliche Zeitschrift heraus. Lit.: Hoffmann, Hermes, 45ff.; Schwartz, Kulturkampf, 177; Epstein, Ursprünge, 421.

Zurück zum Text  20. Nach dem Theologiestudium in Halle übernahm er 1762 die Predigerstelle seines Vaters an der Georgenkirche in Berlin; er war ein beliebter Prediger mit einer von Zinzendorff beeinflußten Frömmigkeit, so daß verschiedene Menschen von Bekehrungserlebnissen in seinen Gottesdiensten berichteten; s. die Zitate bei Wendland, Wirksamkeit, 371ff.

Zurück zum Text  21. Theisinger, Irrlehrefrage, 41, nimmt fälschlicherweise an, daß die Prüfung durch die IEK der wissenschaftlichen durch das OK folgt.

Zurück zum Text  22. Zit. nach LHA Magdeburg Rep A12, Nr. 2840, 15.11.1791 3.

Zurück zum Text  23. GStA Merseburg Rep 47 Tit 4, 1794-.

Zurück zum Text  24. GStA Merseburg Rep 47 Tit 4, 1770-93, 23ff.

Zurück zum Text  25. Der Ausschluß Hillmers von dieser Aufgabe ergibt sich noch nicht aus dieser Kabinettsorder, wie Hoffmann, Hermes, 67, meint. Er unterschlägt in seiner Auflistung diese Aufgabe. Erst die Instruktion vom 31.8. schließt Hillmer von den theologischen Examina aus, indem sie festlegt, daß immer zwei geistliche Räte der Kommission den Examina beiwohnen sollen.

Zurück zum Text  26. Zit. nach GStA Merseburg Rep 76 alt XV Nr. 1, 3 6.

Zurück zum Text  27. GStA Merseburg Rep 76 alt XV Nr. 2,15; GStA Merseburg Rep 76 alt XV Nr. 2,32; GStA Berlin X HA Rep 40 1789, 220.222; GStA Berlin X HA Rep 40 1791, 87; Archiv St.Marien Berlin Insp.Gen. A Nr. 5; NCCPB 9, 877ff.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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