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Priv.-Doz. Dr. Udo Krolzik: Das Wöllnerische Religionsedikt


Der folgende Paragraph beginnt mit dem Topos der "in den Preußischen Staaten von jeher eigenthümlich gewesene Toleranz", um dann ganz im Sinne der Beschreibung der Religionsverfassung festzustellen, daß es "öffentlich geduldete Secten" gibt, nämlich "außer der jüdischen Nation, die Herrenhuter, Mennonisten und die Böhmische Brüdergemeine".(47) Diese dürfen auch weiterhin ihre gottesdienstlichen Zusammenkünfte halten. Diese Duldung ist in der Tat eine "eigenthümliche" Preußische Toleranz, jedenfalls war sie in Preußen besonders ausgebildet und trendbildend. Im Reichsrecht hieß es nämlich: "Sed praeter religiones supra nominatas (sc. der protestantischen und der katholischen) nulla alia in sacro imperio Romano recipiatur vel toleretur" (IPO Art VII 2 II); und dieser Grundsatz galt bis zum Ende des Reiches.(48)

Der Topos von einer dem preußischen Staat eigentümlichen Toleranz hat sich wohl unter Friedrich II. ausgebildet und war Grundlage für die borussophilen Darstellungen späterer Jahre, die Preußen bis heute zum Musterland der Toleranz und Gewissensfreiheit stilisierten. So schrieb der Königsberger Jurist Philipp Zorn: "Der preußische Staat war geradezu der Bannerträger der religiösen Duldung in der Geschichte der Menschheit".(49) Gemeint war damit das Toleranzverständnis Friedrich II.

Betrachtet man allerdings den Topos der eigentümlichen preußischen Toleranz kritisch, so war die Toleranz in der dem RE vorausgehenden preußischen Geschichte weniger von einer humanen oder religiösen Einsicht bestimmt, obgleich die "ökumenischen" Gedanken des Pietismus und der Aufklärung die preußische Toleranz gefördert hatten, als vielmehr von politischem und wirtschaftlichem Kalkül. So diente etwa das Verbot des "kontrovers Predigens" der Stärkung der Reformierten, die sich besonders loyal gegenüber dem Herrscherhaus verhielten, da es ihrer Konfession angehörte, und sie auf dessen Unterstützung angewiesen waren. Außerdem verfolgte das Herrscherhaus das Ziel, mit Hilfe einer reformierten Elite eine preußische Staatsauffassung auszubilden. (50) Die wirtschaftliche Bestimmtheit dieser Toleranz zeigt sich etwa darin, daß Friedrich II. im Jahre 1742 die Schwenkfelder nach Schlesien zurückrief, die von der vorigen Regierung zum "größten Nachteil des Commerzii und Schaden des Landes" vertrieben worden waren.(51) Und den Katholiken in Krefeld erlaubt er die freie Religionsausübung, um "immer mehr und mehr bemittelte Leute und Fabrikanten zur Beförderung des daselbst bereits florierenden Commerci ... hereinzuziehen."(52) Aber auch Friedrich Wilhelm I. hatte aus wirtschaftspolitischen Gründen Toleranz geübt, wenn er katholische Gottesdienste in Tilsit und Lingen zuläßt, damit die Leute nicht außer Landes gehen. (53)

Diese im RE benannte eigentümliche preußische Toleranz, die eine Entleerung der Lehre und einen Indifferentismus der Bevölkerung zur Folge hatte, scheint im Widerspruch zu stehen zu der starken Betonung der orthodoxen Lehre und Wiederbelebung der Religiosität im RE. Dieser Widerspruch ist nur erklärbar dadurch, daß inzwischen "ökumenische" Gedanken des Pietismus und der Aufklärung in die Orthodoxie eingewandert sind und somit die Orthodoxie ihre kontroverstheologische Schärfe verloren hatte.

Diese Anreicherung der Orthodoxie durch die Ökumenetendenzen des Pietismus und der Aufklärung macht auch die auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinende die Unionstendenz im RE verständlich. So heißt es in 5, daß zwar das Proselytenmachen dem König zuwider sei, aber es erfreulich wäre, wenn die Konfessionen, ob Geistliche oder Laien, miteinander vertragen wollten und einander "in Absicht ihrer Kirchen und Bethäuser zu Haltung des öffentlichen Gottesdienstes, oder auf andere Weise, ... hülfliche Hand bieten." Verstärkt wird diese Unionstendenz im RE durch politische Überlegungen. Allerdings erhielten die Unionsbestrebungen erst unter Friedrich Wilhelm III. neuen Auftrieb. Schon kurz nach seinem Regierungsantritt am 18. Juli 1798 gab er seiner Hoffnung Ausdruck, daß nunmehr Anzeichen für die Möglichkeit beständen, eine gemeinsame Agende für Lutheraner und Reformierte zu schaffen.(54)

Wie wenig das RE neue Verhältnisse schaffen oder erlauben wollte und wie sehr gerade auch die Toleranz nur auf die bestehende Religionsverfassung bezogen ist, zeigt sich daran, daß sogleich verboten wird, daß sich neue Sekten zum Gottesdienst versammeln. Eine mögliche Neuzulassung von nicht genannten Sekten - wie schon Henke 1793 meinte (55) - kann dem Wortlaut des Textes nicht entnommen werden. Vielmehr hat v.Woellner in einem Reskript an das Oberkonsistorium dies ausdrücklich ausgeschlossen.(56) Dies widerspräche auch der gesamten Tendenz des REs - nämlich die Hauptkonfessionen und Sekten im gegebenen Bestand zu erhalten, Veränderungen aber allein dem Individuum zuzugestehen. Erst das Allgemeine Landrecht von 1794 nimmt in Teil II Titel 11 20f. die Möglichkeit der Neuzulassung einer Sekte als geduldeter Religionsgesellschaft in den Blick.(57)

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Zurück zum Text  47. Die hier genannten Gruppen haben durchaus unterschiedliche Privilegien in Preußen, die für die Herrenhuter und Böhmische Brüdergemeinde mit der Bezeichnung als "öffentlich geduldete Sekten" nicht erfaßt werden, wie denn auch Friedrich Wilhelm II. am 10.April 1789 ausdrücklich bestätigt; vgl. Mühler, Geschichte, 264f.; Jacobson, Arten, 394f.; Rieker, Stellung, 315.

Zurück zum Text  48. Vgl. zu dieser Bestimmung im IPO Rieker, Stellung, 275ff.; Conrad, Staat, 52.

Zurück zum Text  49. Zorn, Hohenzollern, 7.38; vgl. auch Schwartz, Kulturkampf, 101.

Zurück zum Text  50. Krolzik, Geistlichkeit, 513f..

Zurück zum Text  51. Lehmann, Preußen 2, 68, Nr. 96.

Zurück zum Text  52. Lehmann, Preußen 2, 403.

Zurück zum Text  53. Lehmann, Preußen 1, 413.442.

Zurück zum Text  54. GStA Merseburg Rep 47 Tit 1 Heft 33, 68.

Zurück zum Text  55. Henke, Beurteilung, 30f.; Hubrich, Staat, 327 folgt Henke.

Zurück zum Text  56. S. Volkmar, Religionsprozeß, 194; vgl. auch Holtze, Geschichte, 452.

Zurück zum Text  57. S. dazu Rieker, Stellung, 315.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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