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Priv.-Doz. Dr. Udo Krolzik: Das Wöllnerische Religionsedikt


Unklar ist, was mit den nicht genannten, aber schon im Lande existierenden Sekten, ist, etwa den Schwenkfeldern, deren Privilegien Friedrich Wilhelm II. am 10.4.1789 bestätigte (58), oder den Sozinianern, die 1776 in Andreaswalde ein Bethaus bauen durften, und noch einigen weiteren Gruppen(59). Vermutlich sind sie - wie schon Henke annimmt(60) - auf Grund ihrer geringen Mitgliederzahl nicht aufgezählt.

Das Verbot des "Proselytenmachens" ( 3) für alle Konfessionen, besonders aber für die Katholiken ( 4), läßt ebenfalls das Interesse des Ediktes am Bestandsschutz erkennen. Auch der 5, der das "bisher verträgliche und brüderliche" Zusammenleben der Hauptkonfessionen begrüßt, will nicht eigentlich neue Verhältnisse einleiten, wie gelegentlich in der Literatur bemerkt wird (61). Wenn der König feststellt: "werden niemals entgegen seyn, wenn die verschiedenen Konfessionen sich, in Absicht ihrer Kirchen und Bethäuser zu Haltung des öffentlichen Gottesdienstes, oder auf andere Weise, einander hülfliche Hand bieten, sondern es wird Uns sothane Verträglichkeit vielmehr allzeit zum besondern Wohlgefallen gereichen", so sind damit die unter Friedrich I. begonnenen Simultangottesdienste beschrieben. Damit wird - wie schon in der Einleitung des Ediktes - auf die Zustände zur Zeit vor Friedrich d.Gr. als Ideal verwiesen.

Es wäre allerdings kaum notwendig gewesen, dieses RE zu erlassen, nur um die Religionsverfassung in den preußischen Staaten zu beschreiben, und eine solche Beschreibung hätte wohl auch kaum eine solche Kontroverse ausgelöst, wie es das RE tat. Das eigentliche Anliegen des RE"s ist es, daß - wie schon das Vorwort feststellt - "die Christliche Religion der Protestantischen Kirche, in ihrer alten ursprünglichen Reinigkeit und Aechtheit erhalten, und zum Theil wieder hergestellet werde, auch dem Unglauben eben so wie dem Aberglauben, mithin der Verfälschung der Grundwahrheiten des Glaubens der Christen" Einhalt geboten wird. Dies soll geschehen, indem die Freiheit bei der gottesdienstlichen Gestaltung und vor allem die Lehrfreiheit der Geistlichen eingeschränkt wird.

6 stellt fest, daß die "alten Kirchen-Agenden und Lithurgien ferner beybehalten werden sollen". Veränderungen dürfen nur aus sprachlichen Gründen im Sinne einer Anpassung an den modernen Sprachgebrauch vorgenommen werden. Daß keine inhaltlichen Änderungen vorgenommen werden, ist vom geistlichen Departement zu beobachten.

In den folgenden 7 und 8, die die längsten des ganzen Edikts sind, wird nun die Lehrfreiheit der Geistlichen eingeschränkt; denn es erlauben sich "manche Geistliche der Protestantischen Kirche .. ganz zügellose Freyheiten, in Absicht des Lehrbegriffs ihrer Confession". Sie leugnen einige der Grundwahrheiten des christlichen Glaubens und passen sich dem "Modeton" in ihrer Lehrart an, obgleich dieser "dem Geiste des wahren Christentums völlig zuwider ist, und die Grundsäulen des Glaubens der Christen am Ende wankend" macht. So werden "das Geheimniß des Versöhnungs-Werkes und der Genugthuung des Welterlösers den Leuten verdächtig oder doch überflüssig" gemacht und stattdessen "entblödet (man) sich nicht, die elenden, längst widerlegten Irrthümer der Socinianer, Deisten, Naturalisten und anderer Secten mehr wiederum aufzuwärmen, und solche mit vieler Dreistigkeit und Unverschämtheit durch den äußerst gemißbrauchten Namen:

Aufklärung,

unter das Volk auszubreiten."(62)

Die Bezeichnung Aufklärung dient also nach 7 als Deckmantel für die Irrlehre der Sozinianer, Deisten und Naturalisten. Wenn an dieser Stelle von Sekten die Rede ist, dann sollen damit nur die Anhänger dieser Lehren zusammengefaßt werden, denn obgleich es eine Sekte der Sozinianer gab, die vor allem in Polen verbreitet war, sind hier - wie die beiden anderen Begriffe zeigen - einfach die gemeint, die das Trinitätsdogma leugnen. Ein Vorwurf, dem die Aufklärungstheologen immer wieder ausgesetzt waren.(63) Sekten der Deisten und der Naturalisten gab es nicht, sondern mit Deisten sind die Anhänger der westeuropäischen Aufklärung gemeint. Anfang des Jahrhunderts wurden vor allem die englischen deistischen Schriftsteller, vermittelt durch die antideistische Literatur, in Deutschland bekannt.(64) Mitte des Jahrhunderts hat Sigmund Jakob Baumgarten mit seinen beiden mehrbändigen Werken "Nachrichten von einer Hallischen Bibliothek" und "Nachrichten von merkwürdigen Büchern" einer breiten deutschen Leserschaft die englische deistische und antideistische Literatur in Auszügen und Berichten vermittelt. Gleichzeitig wurden auch die französichen Deisten, insbesondere die Schriften von Voltaire bekannt. (65) Ein Reflex auf dieses verstärkte Eindringen ausländischer Schriften des Deismus; nach Preußen ist das zweibändige Werk August Friedrich Wilhelm Sacks "Verteidigter Glaube der Christen", Berlin 1748-51. Sein Sohn schreibt 1788, daß "seit mehr als 40 Jahren eine große Menge atheistscher und naturalistischer Schriften aus der Fremde zu uns herüber gekommen, und als wichtige Werke angepriesen und gelesen worden" sind.(66)

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Zurück zum Text  58. NCCPB 8, ?; Acten 2, 173.

Zurück zum Text  59. Vgl. Henke, Beurteilung, 30; Jacobson, Arten, 392ff..

Zurück zum Text  60. Henke, Beurteilung, 30.

Zurück zum Text  61. Theisinger, Irrlehrefrage, 25.

Zurück zum Text  62. "Aufklärung" ist auch im Gesetzestext selbst herausgehoben!

Zurück zum Text  63. Vgl. Hirsch, Geschichte IV, 98-102; Aner, Theologie, 32f.; zur Sekte der Sozinianer s. Guggisberg, Art. Sozinianer, 207.

Zurück zum Text  64. S. Fabricius, Delectus.

Zurück zum Text  65. Zum Einfluß der französischen Aufklärung in Preußen s. Gericke, Theologie, 90-94.

Zurück zum Text  66. GStA Merseburg Rep 47 Tit 1 Heft 33, 21-26, 14.Absatz.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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