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Priv.-Doz. Dr. Udo Krolzik: Das Wöllnerische Religionsedikt


Mit der Formulierung "Geheimnisse der geoffenbarten Religion" (§7) klingt der Titel von John Tolands Schrift "Christianity not mysterious" 1696 an, der Programm für den Deismus war.(67) Toland war in Preußen gut bekannt, wie Mosheims Biographie dieses Mannes und eine Schrift Tolands von 1706, die der preußischen Königin Sophie gewidmet war, zeigen. Deisten und Naturalisten wurden am Anfang des 18. Jahrhunderts gleichgesetzt.(68) Es muß geprüft werden, ob diese Gleichsetzung auch noch am Ende des Jahrhunderts zutrifft (69), da in dieser Zeit das Gegenüber des Naturalismus´ der Supernaturalimus ist. Es könnte sein, daß ab Mitte des Jahrhunderts der Begriff Deisten vor allem die englichen Deisten bezeichnete, während der Begriff Naturalisten die französischen Schriftsteller wie Voltaire und Diderot meinte, die die Wirklichkeit jeder göttlichen Offenbarung leugneten. Karl Friedrich Bahrdt (1741-1792) hat sich am Ende seines Lebens als "Naturalist" bekannt im Sinne der Leugnung jeglicher göttlichen Offenbarung. Vielleicht paßt dazu auch, daß die Haltung des Fragmentisten und der sich ihm anschließenden Denker naturalistisch genannt wurde.

Die Vertreter dieser Lehren stellen nach dem RE die Bibel als Wort Gottes infrage und leugnen besonders "das Geheimnis des Versöhnungs-Werkes und der Genugthuung des Welterlösers". Wie die spätere Auseinandersetzung zeigt ist das der Punkt, um den der Streit zwischen den Verteidigern des RE´s und seinen Gegnern vor allem im Oberkonsistorium geht.

Das RE will nun die "zügellose" Freiheit der Geistlichen dadurch einschränken und damit dem Unwesen steuern, daß die christliche Wahrheit nur so gelehrt werden darf, "wie sie in der Bibel gelehret wird und nach der Ueberzeugung einer jeden Confession der Christlichen Kirche in ihren jedesmaligen Symbolischen Büchern einmal festgesetzt ist".

Um 1770 hatte in der deutschen Theologie eine intensive Auseinandersetzung um die Bedeutung und Verbindlichkeit der Symbolischen Bücher begonnen.(70) Ausgelöst war diese Diskussion wohl durch Friedrich Germanus Lüdkes Schrift "Vom falschen Religionseifer" (1767).(71) Lüdke hebt in seiner Schrift darauf ab, daß die Lehrsätze nicht unwandelbar festgehalten werden dürfen und der Lehrer durchaus von den Lehrsätzen abweichen und gemäß der Schrift lehren darf. Die Verpflichtung auf die Symbole müßte eigentlich durch die Verpflichtung "auf Gottes Wort und die Schrift" ersetzt werden. Teller hat dieser Schrift 1768 zugestimmt.(72) Johann Gottlieb Toellner versucht in seinem "Unterricht von symbolischen Büchern überhaupt" (1769) zu vermitteln, indem er die menschlichen Lehrformulierungen für ein Übel, aber für ein notwendiges Übel ansieht. Die Symbole enthalten viel Entbehrliches und die Formulierungen seien nicht immer biblisch begründet. An dieser Diskussion hat sich 1770 Anton Friedrich Büsching mit seiner Schrift "Allgemeine Anmerkungen über die symbolischen Schriften der lutherischen Kirche" beteiligt, indem er die Symbole zu unvollkommenen menschlichen Versuchen erklärt, die christliche Lehre aus den Evangelien richrig zu bestimmen. Fünf Jahre später behandelt Johann Salomo Semler die Symbole in seinen Prolegomena des "Apparatus ad Libros Symbolicos Ecclesiae Lutheranae". Entsprechend seiner Unterscheidung von privater und öffentlicher Religionsübung ist die Verordnung von Symbolen eine öffentliche Angelegenheit und damit Sache des Staates. Dabei ist aufgrund der Zeitbedingtheit keine symbolische Formel unabänderlich. Die äußere Symbolverpflichtung der Prediger auf den Landesherrn begründet Semler alttestamentlich und profangeschichtlich. Weitere Schriften über die Symbole und die Symbolverpflichtung folgten. Johann Melchior Goeze hat sich als Vertreter der Orthodoxie in diesen Streit eingemischt und 1770 mit seiner Schrift "Die Gute Sache des wahren Religionseifers" zu Lüdke Stellung genommen. Dabei betont er nicht nur die bleibende Gestalt der Symbole, sondern auch ihre Verbindlichkeit, da sie im Gegensatz zu Büsching und Semler nicht quatenus, sondern quia der Schrift gemäß sind.(73) Interessant ist diese Schrift auch, weil Goeze hier eine weniger enge Orthodoxie als die zu Anfang des Jahrhunderts vertritt und insbesondere die Streitigkeiten mit den Pietisten mißbilligt.

Der Grund für diese plötzliche Diskussion über die Symbole und ihre Aufwertung bis hin zur Symbolverpflichtung im RE durch Friedrich Wilhelm II. und seinem Minister, v.Woellner, bedürfen einer weiteren Untersuchung. Die Erklärung durch Hirsch, daß mit dem Streit die Neologen gleichsam einen "Versuchsballon" gestartet haben, dürfte kaum ausreichen(74), zumal dadurch nicht die zentrale Bedeutung der Symbole für das RE verständlich wird.

Im Paragraphen §8 des RE´s werden dann Predigern oder Schullehrern, die sich der Irrtümer nach § 7 schuldig machen, die Cassation oder noch härtere Strafen angedroht. Denn genauso wenig wie es Richtern erlaubt ist, an dem Inhalt der Gesetze "zu klügeln", sondern sie sich einfach an diese Gesetze zu halten haben, darf der Prediger oder Schullehrer die Grundwahrheiten des christlichen Glaubens nach Gutdünken verändern. "Sein Amt, seine Pflicht, und die Bedingung, unter welcher er in seinem besonderen Posten angestellet ist", binden den Prediger und Schullehrer an die Symbole seiner Kirche.

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Zurück zum Text  67. Gestrich, Art. Deismus, bes. 399ff.; Wallmann, "Kichengeschichte II", 158; s. auch die zahlreiche antideistische Literatur, die sich mit Tolands Schrift befaßt und bei Fabricius, Delectus, 474-482 aufgelistet ist.

Zurück zum Text  68. S. den Titel und die Kapitelüberschrift XXII von Fabricius, Delectus, wo es heißt: "contra Naturalistas seu Deistas"; s. auch Barth, Atheismus, 186.

Zurück zum Text  69. Insbesondere muß geprüft werden, inwieweit die von Spinoza herkommende Denkweise als naturalistisch bezeichnet wurde; s. Gericke, Theologie, 65ff.

Zurück zum Text  70. S. zu dieser Diskussion Karowski, Bekenntnis; Hirsch, Geschichte IV. 102-105.

Zurück zum Text  71. Wach, Religionsgeschichte, 329ff und Schlegel, Kirchengeschichte, 577 benennen Lüdkes Schrift als Auslöser der Diskussion; vgl. Aner, Lüdke; ders., Theologie, 254-57; Gericke, Theologie, 109.

Zurück zum Text  72. S. ADB 7,II. 126-142.

Zurück zum Text  73. Zu Semler s. dessen Prolegomena, 13 § 17; dies gegen Hornig, Anfänge, 13.

Zurück zum Text  74. Hirsch, Geschichte IV, 104.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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