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Priv.-Doz. Dr. Udo Krolzik: Das Wöllnerische Religionsedikt


3.2 Reaktion im Oberkonsistorium

3.2.1 Wilhelm Abraham Teller (1734-1804)

Als erster reagierte Wilhelm Abraham Teller. Er schrieb unter dem 21. Juli 1788, am Tage seiner Abreise zur Kur nach Freyenwalde und eines Aufenthaltes in Frankfurt, wovon er am 20. August zurückkehrte, an den Minister v.Woellner, daß er zu denjenigen gehöre, die "in Glaubenssachen eine andere Überzeugung haben, als es die Vorschrift der Kirche mit sich bringt".(80) Dabei rechne er sich jedoch nicht zu denen, "die von Irrthümern angesteckt sind, oder nach dem 7ten sich eine zügellose Freyheit in Wegläugnung der Grund-Wahrheiten der Protestantischen Kirche erlaubt haben". Er habe vielmehr nur das gelehrt, was dem Geist der Schrift entspreche. Alles, was nur dem Buchstaben der Schrift entspreche, habe er als unwesentlich beiseitegelassen.

Teller unterschied also zwischen wesentlichen und unwesentlichen Glaubensüberzeugungen. Die wesentlichen, die Grundwahrheiten, die dem Geist der Schrift entsprechen und sich insbesondere beim Lesen in der Ursprache erschließen, hat er festgehalten. Die unwesentlichen, die dem Buchstaben der Schrift entsprechen, hat er zurückgestellt. Die Symbole enthalten beides, deshalb kann es bei gleichzeitiger Treue zu den Symbolen und zu der Wahrheit zu Spannungen kommen. Der dahinter stehende Wahrheitsbegriff entspricht dem der Neologen: Wahrheit wird durch Rückgang zum Ursprung, - zur Schrift in den Ursprachen und dem darin sich ausdrückenden Geist, das ist die Religion Jesu - gewonnen. In den Symbolen sind Wahrheit und Zeitbedingtes miteinander vermischt, deshalb kann kein Prediger darauf verpflichtet werden.

Teller hat in seinen Arbeiten seit seiner Berliner Zeit immer wieder die historische Betrachtung als Verbündeten "im Kampf um die Freiheit von der Last der Tradition" verstanden(81). Sie zeigt, daß alles im Fluß ist(82), auch die christliche Lehre, denn sie ist in menschliche Unvollkommenheit eingebettet. Dabei sind vielfache Mißbildungen entstanden, die die ursprüngliche Reinheit der christlichen Lehre verdeckt haben. Zwar gab es die christliche Religion niemsals rein, denn sie brauchte immer Zusätze(83), um leben zu können, aber in der Religion Jesu(84) hat sie ihre vollkommenste Ausprägung erfahren. Diese Religion Jesu bedeutet "Gott ehren, Liebe üben. und in gleichförmiger guter Gesinnung voll guter froher Erwartungen für Zeit und Ewigkeit sein."(85) Der Blick zurück zu Jesus und den Aposteln befreit das Christentum progressiv von allen geschichtlichen Fesseln, der "Kirchenglaube (n)[wird] nach und nach in reinere Religionsbegriffe" umgeformt(86). Wenn dies geschieht, schreitet der Christ nicht nur "vom bloßen Glauben zum eigenen Nachdenken", von einer bloß sinnlichen zu einer geistigen Religion(87), sondern er kann schließlich zur "Religion der Vollkommeneren" gelangen, so daß er "im Geist und der Wahrheit" anbetet (Joh. 4,23f.).(88) Auch wenn Teller der Perfektibilität des Christentums erst 1792 eine eigene Schrift über "Die Religion der Vollkommeneren" gewidmet hat, findet sich dieser Gedanke - wie er selbst feststellt(89) - schon 1780 bei ihm, nämlich in der Vorrede zur 3. Auflage seines Wörterbuches(90). Somit sind diese Überzeugungen Tellers als Hintergrund für seine Stellungnahme zum RE zu sehen. Von daher ist deutlich, daß er die Verpflichtung auf die Symbole geradezu als Rückschritt zur kindlichen Stufe des Christentums sehen muß, zur "Anhänglichkeit an fremde Systeme" statt "zur Entwerfung seines eigenen", das er allerdings"oft niederreißen und ein anderes wieder aufbauen" wird. (91) Deutlich ist sowohl aus dem zur Religion Jesu Gesagten als auch aus dem beschriebenen Erziehungsprozeß, daß für die Versöhnungslehre kein Raum mehr ist.

In seinem Schreiben an v.Woellner betont Teller, daß er mit seiner Auffassung nie hinter dem Berg gehalten habe, wie seine theologischen Arbeiten und auch Predigten zeigen. Um so mehr erstaunt ihn diese plötzliche Verurteilung, denn seine Auffassung war all die Jahre bekannt und er hat sie, "wenn auch nicht mit Billigung, doch Nachgebung meiner höchsten und hohen Obrigkeit" gelehrt. In Kenntnis dieser Überzeugung, das heißt als Aufklärer, ist er vor 21 Jahren berufen worden, "ohne alle besondere Verpflichtung auf Symbolische Bücher". Und seine "religiöse Denkungsart" ist bis in die Gegenwart von seinen Zuhörern akzeptiert und geschätzt worden. Hierin wird neben der Ablehnung der Verbindlichkeit der Symbolischen Bücher eine zweite Differenz zwischen Teller"s Überzeugung und den Aussagen des RE"s deutlich. Erlaubt das RE den Aufklärern ihre abweichende Meinung, solange sie sie für sich behalten ( 8), so sieht Teller in ihrer öffentlichen Verkündigung seine Treue zur Wahrheit. Alles andere wäre für ihn Heuchelei: "wie klein müßte ich mir vorkommen! wie verabscheuungswürdig den bisherigen Zuhörern meiner Predigten seyn!"

Teller geht damit weiter als es etwa Semler forderte, der eine Unterscheidung der religiösen Praxis eines Theologen von seiner wissenschaftlichen Theologie postulierte. Und auch Kant hatte 1783 in seinem Aufsatz "Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?" unterschieden zwischen "privatem" und "öffentlichem" Gebrauch der Vernunft und festgestellt, daß der Geistliche beim Gemeindevortrag an die Symbole seiner Kirche gebunden sei, denn er sei auf diese Bedingung angenommen. Als Gelehrter könne er jedoch frei seine Gedanken über das Fehlerhafte in den Symbolen äußern. Meinte er jedoch, daß das Symbol der "inneren Religion" widerspreche, "so würde er sein Amt mit Gewissen nicht verwalten können, er müßte es niederlegen".

Teller ist eine solche Unterscheidung zwischen religiöser Praxis und wissenschaftlicher Theologie oder "privatem" und "öffentlichem" Gebrauch der Vernunft unmöglich. Er kann und will nur predigen, wovon er selbst überzeugt ist. Wenn er "das Uebergewicht der Gründe nicht selbst fühlt(e)", kann er die Aussagen der Lehre nicht vortragen.

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Zurück zum Text  80. Der Brief ist abgedruckt bei Sack, Verhandlungen, 44-48.

Zurück zum Text  81. S. Gabriel, Teller, 42.

Zurück zum Text  82. ADB 7 II 242.

Zurück zum Text  83. Teller, Wörterbuch, XXVI.

Zurück zum Text  84. Dieser Ausdruck ist von Semler;Teller spricht im allgemeinen vom reinen oder allgemeinem Christentum. (Religion, 69f.). Da Semlers Ausdruck in der damaligen Zeit sehr verbreitet war und auch Teller ihn gelegentlich benutzt, ist er hier verwandt worden.

Zurück zum Text  85. Teller, Wörterbuch. XXIX.

Zurück zum Text  86. Teller, Magazin 7, 2.4 (1799); s. auch Teller, Religion 60; vgl. Gabriel, Teller, 42.

Zurück zum Text  87. Teller, Religion, 59f.

Zurück zum Text  88. Teller, Religion, 67.70.

Zurück zum Text  89. Teller, Religion, 69 Anm.

Zurück zum Text  90. Z.B. XXXIX; vgl. Gabriel, Teller, 44; Gericke, Theologie, 104; die Nähe zu Lessings "Erziehung des Menschengeschlechts" ist an vielen Stellen deutlich - allein dadurch, daß er vom Kindesalter und von Erziehung und entsprechenden Mitteln der Erziehung spricht (s. z.B. 49ff. 54. u.ö.) - und im "Magazin" 7, 4 (1799) wird dieser Bezug ausdrücklich benannt.

Zurück zum Text  91. Teller, Religion, 60.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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