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Priv.-Doz. Dr. Udo Krolzik: Das Wöllnerische Religionsedikt


In der Einschränkung der Lehrfreiheit durch das RE sieht Teller auch eine tiefgreifende Veränderung der Rolle des Predigers und eine Einschränkung der Gewissensfreiheit. War er bisher "Rathgeber und Freund" des Gemeindegliedes, "der ihm in der wichtigsten Angelegenheit seine Meinung mittheilt, und Alles seiner eigenen Prüfung überläßt",(92) so sieht er sich nun in die Rolle des "Herrn seines Glaubens" versetzt. Versteht das RE unter Gewissensfreiheit die Möglichkeit des einzelnen Bürgers, verschiedene "Orthodoxien" zu hören und sich denen anzuschließen oder sie abzulehnen, so gibt es für Teller nur Gewissensfreiheit, wenn es Lehrfreiheit gibt; denn nur dann kann dem "freien Nachdenken [des einzelnen] über Absicht und Inhalt des Evangeliums Christi durch eine Predigt ... aufgeholfen" werden. Für Teller folgt also aus der unbeschränkten Lehrfreiheit nicht Unsicherheit und damit Unordnung und Zügellosigkeit, wie das RE behauptet, sondern völlige Gewissensfreiheit. Erst eine durch keine Autorität geleitete Beurteilung der Wahrheit ist frei. Predigthörer, die das freie Nachdenken wollen, bilden für Teller "die würdigste Claße der Religionsbekenner". Teller traut also der Urteilsfähigkeit zumindest dieser Gruppe mehr zu als das RE.

Von daher ergibt sich ein vierter Widerspruch zum RE: "Hätte auch meine Gemeine je Klagen gegen meine Rechtlehrigkeit erhoben, so würde ich selbst freiwillig mein Predigt-Amt niedergelegt haben, wie ich dieses G e m e i n e n - R e c h t , und die Pflicht des Predigers, wie der Obrigkeit, es anzuerkennen, in meinen Gesprächen Valentinian der I., ..., unpartheyisch behauptet habe"(93). Die Mündigkeit der Bürger bedarf also weder der Bevormundung durch die Prediger noch durch den Staat.

Teller hat damit nicht nur die aus der Reformation stammende Verpflichtung des Herrschers, für das Seelenheil der Untertanen zu sorgen, aufgegeben - eine Verpflichtung, die allerdings mit der Ableitung des ius circa sacra aus der Landeshoheit, der Souveränität des Staates, aufgehoben ist, auch wenn sie noch lange faktisch festgehalten wurde(94) -, sondern auch das Recht des Staates über die rechte Lehre zu wachen.

Auch das RE hatte die Verantwortung für das Seelenheil dem Gewissensurteil des einzelnen überlassen: "jeder Mensch [hat] für seine eigene Seele allein zu sorgen" ( 2 I). Es bleibt jedoch im Zwiespalt von Freiheit und Schutz befangen, weil es das Gewissen des einzelnen nur für begrenzt urteilsfähig hält, und es von daher durch neue Lehren verunsichert werden kann, so daß den "guten Unterthanen die Ruhe ihres Lebens und ihr Trost auf dem Sterbebette" geraubt und sie unglücklich gemacht werden ( 7 am Ende). Deshalb ist es nach Auffassung des RE"s die erste Pflicht eines christlichen Regenten, "in seinen Staaten die Christliche Religion, ..., bey ihrer ganzen hohen Würde und ihrer ursprünglichen Reinigkeit, so wie sie in der Bibel gelehret wird und nach der Überzeugung einer jeden Confession der Christlichen Kirche in ihren jedesmaligen Symbolischen Büchern einmal festgesetzt ist, gegen alle Verfälschung zu schützen und aufrecht zu erhalten" ( 7). Teller geht einen Schritt weiter und ist damit eindeutiger, wenn er die Aufsicht "über die Rechtlehrigkeit" als "Gemeinen-Recht" postuliert. Damit wird die religiöse Urteilsbildung eine öffentliche Angelegenheit, sie bekommt demokratische Züge.

Teller zieht aus diesen Überlegungen für sich die Konsequenz. Da nach 8 des Ediktes nur die in Ämtern belassen werden sollen, die trotz gegenteiliger Überzeugung, "die Vorschrift des Lehrbegrifs bei dem Unterrichte ihrer Gemeinden sich heilig und unverletzbar seyn laßen - auch ihn treu und gründlich vortragen"(95), muß er um Dispens von den gewöhnlichen Sonntags- und Montagspredigten bitten; denn er kann "das Christenthum nach dem System und den Formularen der Symbole" nicht "treu und gründlich vortragen" ohne der Wahrheit, wie er sie erkennt, untreu zu werden. Da er das nicht kann, macht er es sich "zu einer großen heiligen Pflicht, ungesäumt, und noch ehe das Edikt officiel mir insinuirt worden ist, Euer Excellenz angelegentlichst zu ersuchen,

bei dem huldvollen Monarchen mir die allergnädigste Dispensation von meiner bisherigen Verpflichtung, alle Sonntage und Montage zu predigen, gnädig zu bewirken".

Seine übrigen Ämter wolle er beibehalten, da sie von der Verpflichtung auf die Symbole nicht betroffen sind. Wie Teller in einer Nachbemerkung schreibt, hat er nach seiner Rückkehr von v.Woellner mündlich die Zusage eines solchen Dispenses erhalten. Eine schriftliche Zusage - wie sie Teller forderte - verweigerte v.Woellner, weil sie zu viel Aufsehen erregen würde.(96)

Die weitere Geschichte - insbesondere das Vorgehen der IEK - zeigt, daß sich Teller mit Recht im RE angesprochen fühlte: "So bin ich nun in dem Fall deßen, der nach dem gedachten sein Predigtamt lieber niederlegen muß".

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Zurück zum Text  92. Ein Beispiel, wie Teller diese Absicht umgesetzt hat, findet sich in seinem 2.Exkurs zu Burnets "de fide et officiis Christianorum" von 1786; vgl. Gabriel, Teller, 47.

Zurück zum Text  93. Hervorhebung auch in der Vorlage.

Zurück zum Text  94. Vgl. dazu Rieker, Stellung, 288ff.

Zurück zum Text  95. Zitiert nach Tellers Brief.

Zurück zum Text  96. Nach Nicolai, Gedächtnißschrift, 26, hat er tatsächlich sein Predigtamt niedergelegt und nur bei besonderer Gelegenheit die Kanzel bestiegen.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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