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Priv.-Doz. Dr. Udo Krolzik: Das Wöllnerische Religionsedikt


3.2.2 Friedrich Samuel Gottfried Sack (1738-1817)

Am 26. August nimmt Sack Stellung zum RE in seinem "Pro Memoria" an den "würklichen geheimen Etats- und Justiz-Minister" Freiherr v.Dörnberg (97). Als reformiertes Mitglied des lutherischen Oberkonsistoriums wendet sich Sack an seinen Vorgesetzten den Chef des reformierten geistlichen Departements.

Wie Teller erkennt Sack in der Einschränkung der Lehrfreiheit die eigentliche Absicht des RE"s. "Seine Königl. Majestät haben nach allerhöchst Dero Landesväterlichen preiswürdigsten Vorsorge, dem großen und höchst schädlichen Mißbrauche der bisherigen Denk- und Lehrfreiheit gesteuret, und der Neuerungs-Sucht und Ungebundenheit so mancher Geistlichen, Grenzen gesetzt." (2) Was Sack hier "Mißbrauche der bisherigen Denk- und Lehrfreiheit" nennt, hieß im RE "zügellose Freyheit" und "Modeton".

Anders als Teller sieht Sack eine solche Einschränkung angesichts der Übel im Lande als notwendig an, denn "es ist leider zu offenbar: daß die Art und Weise, wie seit verschiedenen Jahren die wichtigsten und heiligsten Wahrheiten behandelt worden sind, nicht allein die Beförderung eines wahren Christenthums gehindert, sondern auch alle Grundsätze der Religion überhaupt für viele unbefestigte Gemüther wankend und ungewiß gemacht habe ... Unter diesen Umständen haben alle ernsthafte Verehrer des Christenthums sich nach Hülfe gesehnet ... Seine Majestät der König haben Ihren hohen Beruf, ein Beförderer der Wahrheit und des Christenthums zu seyn, tief empfunden, und das in Ihren Landen weit um sich gegriffene Uebel als Christ, und als Landes-Vater zu Herzen genommen. Dafür segne Gott die geheiligte Person des Königes, mit allem, was Höchst Dero Herzen wahre Freude geben, und Dero glorwürdige Regierung beglücken kann." (3-5)

Hinter Sacks positiver Bewertung der Lehreingriffe durch den Landesherrn dürften neben den noch weiter unten zu behandelnden kirchenrechtlichen Überzeugungen zwei andere stehen: Zum einen erlaubt die reformierte Auffassung vom Bekenntnis als einer Lehrzusammenfassung, ohne besonderen Zeugnischarakter,(98) einen freieren Umgang mit den Bekenntnissen; zum anderen Sack ein besonderes Verhältnis zur Reformation gehabt zu haben, das sich in seinem Widerstand gegen einen "Geist des unbedachtsamen Niederreißens" in seinem "Pro Memoria", aber auch sonst in seinen Schriften ausdrückt.(99) Darin dürfte auch wohl mit ein Motiv liegen, weshalb Sack - soweit ersichtlich - nicht wie Teller die Vorstellung der Perfektibilität des Christentums vertritt.

Sack stimmte in seinem "Pro Memoria" nicht nur der Beschreibung des Zustandes der Religion in preußischen Landen zu, wie sie im RE erfolgte, sondern auch der darin liegenden Begründung für ein staatliches Eingreifen. Die Untertanen, insbesondere "viele unbefestigte Gemüther" (3), "die Schwachen", (12) werden durch die Modeerscheinungen des Unglaubens, der Zweifelsucht und Neuerungsbegierde, die, was als Vorurteil erscheint, niederreißen, verunsichert, so daß sie ihrer bisherigen "Antriebe zur Tugend und ihre(s) Trost(es)" beraubt werden (12). Deshalb sind "die ernstlichsten Maasregeln nöthig" (13).

Allerdings beurteilt Sack in Übereinstimmung mit Teller die Maßregeln des RE"s als ungeeignet. Hier hat er "Bedenklichkeiten und Zweifel" (6). Die Bindung an die Symbolischen Bücher hat sich schon in der Vergangenheit als falsch erwiesen, da die Symbolischen Bücher als menschliches Werk unzuverlässig sind, der Fortschritt der Erkenntnis aufgehalten wird und "Verkezzerungs-Sucht" daraus folgt (8). Die Symbolischen Bücher müssen überprüft, und es muß zwischen wesentlichen und unwesentlichen unterschieden werden, damit "das Christenthum seiner ursprünglichen Einfalt und Lauterkeit näher" gebracht wird (11).

Auch hier steht der Wahrheitsbegriff der Aufklärung im Hintergrund, daß man durch Regreß in der Geschichte der Wahrheit näher kommt, die Quellen reiner fließen. Deshalb kann für Sack wie schon für Teller nur "das Wort Gottes, wie es in der heiligen Schrift enthalten ist, die einzige allgemeine verbindliche Richtschnur des christlichen Glaubens" sein (21). Richtschnur ist also auch für Sack nicht einfach die heilige Schrift nach ihrem Buchstaben, wie Teller formulierte, sondern nach dem darin enthaltenen Wort Gottes, oder mit Tellers Worten nach ihrem Geist. In diesem Regreß sieht Sack wohl auch den Erkenntnisfortschritt, der durch die Bindung an die Symbole verhindert wird (8). Denn dieser Regreß führt zur "ursprünglichen Einfalt und Lauterkeit", wodurch "die ehemaligen theologischen Streitigkeiten, die soviel Unruhe angerichtet, und sowenig Nutzen gebracht haben, ihre scheinbare Wichtigkeit" verlieren (11). Da Sack ein staatliches Eingreifen bei Verunsicherung der Untertanen zugesteht, ist es nur folgerichtig, wenn er später fordert, daß "dem Gezänke unter den Theologen Grenzen gesetzt" werden müssen, sogar unter Androhung der "Cassation" (16). Obgleich Sack auf dem Hintergrund der reformierten Auffassung vom Bekenntnis als Lehrzusammenfassung eine bindende Festsetzung durch den König für sinnvoll hält, und obgleich er wohl ein besonderes Verhältnis zur Reformation hat, beurteilt er doch die Bindung an die geschichtlichen Symbole der jeweiligen Konfession, wie das RE es bestimmt, als kontraproduktiv. Denn die Geschichte zeigt, daß immer dann, wenn die Symbolischen Bücher zurück gesetzt wurden, auch die Verketzerung nachließ, "und Duldung und brüderliches Zutrauen trat an deren Stelle" (10; vgl. 16).(100) Sack denkt wohl eher an neu zu formulierende Bekenntnisse aus dem Geist der Reformation. (101)

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Zurück zum Text  97. Unterschrift und Adresse des Originals im GStA Merseburg Rep 47 Tit 1 Heft 33, 21-26, lassen keinen Zweifel an Sack als Verfasser; abgedruckt ist dieser Text bei Sack, Verhandlung, 9-17; die Zitate folgen der Schreibweise in der Handschrift, die vom Druck bei Sack abweicht; die Zahlen hinter den Zitaten geben die Absätze in der Handschrift an, der Druck hat die Absätze 23 und 24 zusammengefaßt.

Zurück zum Text  98. S. Ratschow, Glaube, 198.

Zurück zum Text  99. S. dazu Thadden, Hofprediger, 138; diesem Zusammenhang ist bisher wenig Beachtung geschenkt worden, er müßte eingehender untersucht werden, um auch den Unterschied zu der noch zu behandelnden Auffassung Semlers vom berechtigten Eingreifen des Landesherrn in Lehrentscheidungen herauszuarbeiten; Semler zog daraus ganz andere Konsequenzen.

Zurück zum Text  100. Edikte und andere Verlautbarungen aus der frühen brandenburgischen Zeit, die das Verketzern verbieten und zur Eintracht mahnen, finden sich in großer Zahl bei Mylius, Corpus 1.1, 375-548.

Zurück zum Text  101. In diese Richtung weist auch Thadden, Hofprediger, 138f.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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