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Priv.-Doz. Dr. Udo Krolzik: Das Wöllnerische Religionsedikt


Ausführlicher als Teller stellt Sack auch die Versuchung zur Heuchelei durch die Bindung an die Symbolischen Bücher heraus (17-19). Denn diejenigen, die "nicht Muth genug haben, Amt und Brod um des Gewissens willen aufzugeben" werden zum "Heuchler", die "anderen etwas als seligmachende Wahrheit" empfehlen, "was sie selbst nicht dafür erkennen" (18). Die Menschen ohne Gewissen dagegen, die ihren "Mantel nach dem Winde" hängen, haben keine Probleme, aber gerade die, die "Gott fürchten, müßen einen harten Kampf ausstehen, und wißen nicht, wie sie Gehorsam gegen die Obrigkeit mit dem Gehorsam gegen ihr Gewißen, und das, was sie ihrem Amte schuldig sind, mit der Pflicht, der Sorge für die Ihrigen, vereinigen können und dürfen." (19)

Die Ursachen für den üblen Zustand der Religion in preußischen Landen sieht Sack in Übereinstimmung mit dem RE ( 7) in den Erscheinungen, die "unter dem gemißbrauchten Namen von Aufklärung" sich ausbreiten (3; vgl. 12). Im selben Sinne spricht er in seiner Autobiographie von "dem Unfug, der unter dem geschändeten Namen: Aufklärung" getrieben wurde.(102) Ebenso, wie das RE ( 7), zählt Sack dazu die Atheisten (= Deisten im RE) und die Naturalisten (14). Der "gemißbrauchte Name der Aufklärung" wird von der deutschen Aufklärungstheologie im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts als Topos für diese beiden Gruppen benutzt, wobei die Bezeichnungen "Deisten" und "Atheisten" schon seit Beginn des Jahrhunderts von der deutschen Theologie synonym gebraucht werden. (103) Gemeint sind damit die westeuropäischen Aufklärer - zunächst die englischen, dann aber seit Mitte des Jahrhunderts auch die französischen -, deshalb spricht Sack von den ausländischen Schriften.(104) Demgegenüber ist für Sack wahre Aufklärung durch das "Licht[es], so Christus der Welt angezündet hat", erleuchtet. (12)

Weitere Ursachen sind für Sack anders als im RE die schlechte Ausbildung der Jugend in Schule und Universitäten, die sich vor allem durch eine "Menge von fliegenden Blättern und kleinen Zeitschriften" bildet, die selbst "die wichtigsten Gegenstände mit dem größesten Leichtsinn behandelt, oder als verächtliche Dinge verspottet" (14).

Diese Aussagen Sack"s müssen das wenig später am 19.12.1788 "erneuerte Censur-Edict" als gerechtfertigt erscheinen lassen, denn damit würde auch nach Sack der König seiner Pflicht nachkommen, die aus diesen Schriften folgenden gesellschaftlichen Mißstände zu beseitigen. Ein weiterer Grund für die Mißstände ist die schlechte Religionspädagogik. (14) Weiterhin ist für Sack die Immoralität nicht Folge des Unglaubens, sondern Verbündeter (14). Aus diesen "Quellen" stammen die Übel, die die Gesellschaft erkranken ließen. Eine solche "langsam entstandene Krankheit" braucht "auch eine langsame Kur". (15) "Es läßt sich nicht unterdrücken, aber es läßt sich heilen" (15).

Ganz im Sinne der allgemeinen Überzeugung der deutschen Aufklärung, Aufklärung durch Erziehung zu bewirken, setzt Sack mit seinem Therapievorschlag bei der Verbesserung der Schule und dem Beispielcharakter der Personen in öffentlichen Ämtern an. Kann ersteres erreicht werden durch Besetzung der Lehrerstellen mit Menschen, die "gründliche Kenntnisse" statt "gläntzende Vielwisserey" besitzen und durch Verbesserung der katechetischen Unterweisung, so kann letzteres bewirkt werden, wenn bei der Beförderung auf die "Gottesfurcht und christliche Sitten" des Kandidaten geachtet wird, der Lebenswandel des Geistlichen vorbildlich ist und herausragende Persönlichkeiten "ein erbauliches Beispiel" geben (15).(105) Dahinter steht wohl der immer wieder gegen Friedrich dem Großen erhobene Vorwurf, daß er ein schlechtes Beispiel in Religionsdingen gewesen ist.(106) Weiterhin muß der "Muthwille" beim Umgang mit den Glaubenswahrheiten begrenzt, die theologischen Examina in den traditionellen Lehrstücken und der Bibelkenntnis verschärft werden (15). Das hatte schon Sack"s Vater 1768 gefordert.(107) Die Gottesdienste müssen außerdem von "Mängeln gereiniget" werden (15). Wenn das geschieht, "so ist zu hoffen: daß die heilige Sache des Christenthums, die unter allen Drangsalen, welche sie in den Revolutionen menschlicher Dinge zu erdulden hat, feststehet, nach und nach ihr verkanntes Recht wieder erhalten, und über den seiner Natur nach unbeständigen Geist des Unglaubens siegen werde." (15)

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Zurück zum Text  102. Das Original war im Moment nicht greifbar, deshalb s. Lowe, Bildnisse, 35f.; vgl. Stölzel, Svarez, 259 A1; Hinske, Was, XLV.

Zurück zum Text  103. S. Johann Albert Fabricius, Delectus argumentorum... adversus ... Atheos ..., Hamburg 1725; siehe dazu Krolzik, Säkularisierung, 74.157.173ff.; zur gesamten Atheismusdiskussion s. Barth, Atheismus; s. zu den Begriffen auch die weiter oben gegebenen Erläuterungen.

Zurück zum Text  104. Er hat diese Schriften 1758/59 selbst studiert, als er sich in England - wie schon sein Vater - weiterbildete und den englischen Latitudinarismus kennenlernte, vgl. K. H. Sack, Artikel Sack, in: RE 3 17, 321. Diese Schriften sind in Deutschland zunächst durch ihre Gegenschriften bekannt geworden, aber seit etwa 1740 zunehmend auch direkt in Übersetzung verbreitet worden. Sie haben nach Sack einen Modeton beim Sprechen über Religion aufkommen lassen, der spöttisch und leichtfertig ist, aber "als ein Beweiß freyer Denkungs-art und feiner Lebens-art angesehen" wird (14).

Zurück zum Text  105. Dies hatte schon v.Woellner in seiner "Abhandlung über die Religion" am 15.9.1785 als Heilmittel dem Prinzen empfohlen; siehe im Abdruck bei Schwartz, Kulturkampf, 86f.

Zurück zum Text  106. Siehe auch das Vorwort des RE"s.

Zurück zum Text  107. August Friedrich Wilhelm Sack, Gedanken über den Zustand der protestantischen Kirche, Berlin 1768, in: Lebensbeschreibung, Bd. 1, Berlin 1789, 355.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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