fachpublikation.de

Hauptseite fachpublikation.de

Verzeichnis aller Publikationen

Verzeichnis aller Autoren

Schlagwortverzeichnis

Dokumente kostenlos publizieren
 

Impressum fachpublikation.de

 

 

Priv.-Doz. Dr. Udo Krolzik: Das Wöllnerische Religionsedikt


Diese Vorschlägen von Sack stimmen im wesentlichen mit dem RE überein, wie insbesondere auch die Verordnungen der nächsten Jahre zeigen, die sich als Umsetzung des RE"s verstehen, und die genau bei den von Sack genannten Stellen ansetzen: das Zensuredikt vom 19.12.1788 will den Mutwillen eindämmen; ab 23.12.1788 wird versucht, den Schulunterricht zu verbessern; die Verbesserung des Lehrerstandes hatte schon mit der Instruktion am 22.7.1787 begonnen(108); ab 1.12.1789 werden die theologischen Prüfungen verschärft; am 9.12.1790 wird ein Prüfungsschema verordnet und schließlich die Immediate Examinationskommission eingesetzt; ab 11.4.1789 beginnt die Diskussion um die Einführung eines allgemeinen Landeskatechismus zur Verbesserung des katechetischen Unterrichts; ab 26.2.1789 wird eine regelmäßige Visitation verordnet und die Pflicht davon zu berichten, um so den Lebenswandel und die Amtsführung der Pfarrer zu verbessern; Friedrich Wilhelm II. hat Beamte, die er für gottesfürchtige und sittlich hielt, befördert; aufgrund seines regelmäßigen Gottesdienstbesuches hielt man ihn trotz seines sonstigen Lebenswandels für ein besseres Beispiel als Friedrich d. Gr. Sacks Dissens zum RE besteht in der Bindung an die Symbolischen Bücher. Dazu verweist Sack auf seinen 1769 unterschriebenen Revers, in dem er sich verpflichtete, "den Symbolischen Büchern gemäs zu lehren: insofern ich sie nach meiner besten Einsicht mit der heiligen Schrift übereinstimmend erkennen würde". (24)(109) Deshalb sieht er sich verpflichtet, der Öffentlichkeit seine eigene Position bei der Wahrheitsfindung mitzuteilen. Damit lehnt er die in 8 des RE`s genannten Gründe für die Bindung an die Symbolischen Bücher - nämlich Amt, Pflicht und Bedingung bei der Einstellung - ab. Amt, Pflicht und Bedingung bei der Einstellung binden ihn an sein Gewissen, die Prüfung der Wahrheiten und die Bürgerpflicht, seine Einsichten öffentlich zu machen, wobei er sich den "Landesherrlichen Befehlen, die auf Duldung, Frieden abzwecken", verpflichtet weiß. (25)

Sack schließt sein Pro Memoria mit der Bitte an Freiherr v.Dörnberg, selbst zu entscheiden oder dem König zur Entscheidung vorzulegen, ob er bei seiner Gesinnung, die er nicht verbergen kann, weiterhin im Amt bleiben kann. Er fügt die Bitte an, daß v.Dörnberg den König bewegen möge, eine Erklärung dem Edikt hinzuzufügen, "durch welche auf der einen Seite alle diejenigen, die nur auf Verwirrung und Zank aus sind, gehindert würden, noch mehreren Unfug anzurichten, auf der anderen aber somanchen ernsthaften und gesezten Männern, die es mit Erforschung und Beförderung der Wahrheit redlich meinen, eine bescheidene Denck- und Lehrfreiheit ungekränkt gelassen würde". (31) Diese letztere Bitte macht noch einmal deutlich, was für Sack der Kern des Widerspruchs ist: die Bindung an die Symbolischen Bücher führt nur zu konfessionellen Streitereien und zur Verwirrung, und sie verhindert einen Fortschritt der Wahrheitserkenntnis. Denn Neuerungen müssen nicht "die Religion und den christlichen Glauben untergraben", sie können auch "in manchen Stücken eine Berichtigung und Verbesserung des Alten, nach den Hülfsmitteln, die uns die Vorsehung dazu in die Hände gegeben hat" bedeuten (28).(110) Sack will allerdings das Anliegen der Neologen festhalten, mit den von ihnen entwickelten Hilfsmitteln zu einer besseren Bibelerkenntnis zu gelangen, denn dazu hat Gott dem Menschen den Verstand gegeben(111). Das ist der Weg zu einer progressiven Annäherung an die Wahrheit. Deshalb sieht Sack auch durch die Bindung an die Symbolischen Bücher "die Gewalt der Obrigkeit und die Macht der Wahrheit in einen gefahrvollen und ungleichen Kampf gerathen" (17). Damit deutet sich bei dem an sich höchst loyalen Hofprediger und Sohn des Staatskirchen-Theologen ein möglicher Widerstand gegen den Landesherrn um der Wahrheit willen an. Dennoch beurteilt Sack anders als Teller eine Einschränkung der Lehrfreiheit durch den König als erlaubt, und er hält dies sogar für dessen Pflicht. Diese Beurteilung dürfte weniger taktisch begründet sein als vielmehr in seiner Überzeugung vom landesherrlichen Kirchenregiment liegen. Sie gründet in der sozialen Stellung der reformierten Hofprediger(112), und kirchenrechtlich in der Zugehörigkeit des Herrscherhauses zur reformierten Kirche. Es gibt aber auch eine theologische Begründung in der reformierten Tradition: da Gott ein Gott der Ordnung ist, treffen sich die staatlichen und kirchlichen Interessen. Deshalb sind auch die Pflichten des Untertans die Pflichten der Religion selbst.(113)

Seite zurück  Eingangsseite  Inhaltsverzeichnis  Seite vor

Zurück zum Text  108. GStA Merseburg Rep 47 Tit 2a Schulsachen 1787-1800, Blatt 53-55.

Zurück zum Text  109. Die Hervorhebung findet sich auch im Original.

Zurück zum Text  110. Anders als bei Teller steht bei Sack - soweit ich sehe - keine ausgeführte neologische Perfektibilitätstheorie im Hintergrund; dies müßte allerdings genau geprüft werden.

Zurück zum Text  111. Seit der Frühaufklärung ist das Lehrstück von der Providentia so entfaltet worden, daß Gott dem Menschen den Verstand gegeben hat, um die bereitliegenden Möglichkeiten zu ergründen; siehe Krolzik, Säkularisierung, 177f.

Zurück zum Text  112. Siehe dazu Thadden, Hofprediger, 2. Kapitel.

Zurück zum Text  113. Siehe Thadden, Hofprediger, 123.

 

Seite zurück  Eingangsseite  Inhaltsverzeichnis  Seite vor


Home | WorldWideBooks | imMEDIAtely


Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
Bei Fragen und Anregungen zu dieser Website wenden Sie sich bitte an: webmaster@fachpublikation.de