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Priv.-Doz. Dr. Udo Krolzik: Das Wöllnerische Religionsedikt


3.2.3 Zum weiteren Widerstand des Oberkonsistoriums

In diesen beiden Stellungnahmen sind alle Gegenstände genannt, die die folgende Diskussion über das RE bestimmen. Im Folgenden soll die Auseinandersetzung um das RE nicht im Einzelnen nachgezeichnet werden(114), sondern nur aufgezeigt werden, wie aus der Haltung der geistlichen Oberkonsistorialräte zum RE für Friedrich Wilhelm II. immer mehr die Notwendigkeit entsprang, eine besondere Kommission zu errichten, die auf die Umsetzung des RE`s achtete. Es muß allerdings der äußere Verlauf der Auseinandersetzung um das RE zwischen dem Oberkonsistorium und dem König mit seinen Ministern relativ ausführlich geschildert werden, weil dazu einige Ungenauigkeiten und Mißverständnisse in der Forschungsliteratur weitergetragen werden (115).

Wahrscheinlich ebenfalls am 5. 9., als Sack sein "Pro memoria" an v.Dörnberg sandte, erhielt der König die Bitte der fünf geistlichen Oberkonsistorialräte Spalding, Büsching, Teller, Diterich und Sack vom 4. 9. datierend, ihre Besorgnisse bezüglich des RE"s dem König schriftlich mitteilen zu dürfen. Der König gibt der Bitte noch am 5. statt, wohl auch beeinflußt durch v.Dörnbergs positives Votum sowohl zur Person Sacks, "eines rechtschaffenen, treuen Patrioten, und wahren christlichen Lehrers", als auch zu dessen Versuch, möglichen "Folgen einer Mißdeutung, der allerhöchsten und weisesten Landesväterlichen Willensmeinung bei der wichtigsten aller Landesordnungen auf die ehrfurchtsvolleste Weise vorzubeugen"(116). In seinem Schreiben gibt der König jedoch seiner Verwunderung darüber Ausdruck, daß Silberschlag die Bitte der fünf Oberkonsistorialräte nicht mit unterschrieben hat. Für die zu erwartenden Besorgnisse der fünf geistlichen Oberkonsistorialräte setzt Friedrich Wilhelm II. am 6. 9. durch ein Schreiben an v.Dörnberg(117) eine Kommission bestehend aus dem Großkanzler v.Carmer und den beiden Staatsministern des geistlichen Departements v.Woellner und v.Dörnberg ein(118). Am 10. 9. übersenden die fünf geistlichen Oberkonsistorialräte ihre "Besorgniße" dem König. Im Begleitschreiben teilen sie mit, daß Silberschlag ihr Ersuchen an den König nicht mit unterschrieben hat und sie ihn an ihren Überlegungen nicht beteiligt haben, weil er bekanntermaßen eine von der ihrigen "gänzlich verschiedene Denkungsart in dieser Sache" habe.(119)

In den Besorgnissen, die wohl von Sack konzipiert wurden(120), tragen die fünf geistlichen Oberkonsistorialräte in neun Punkten vor, was sie als Folge der Bindung der christlichen Lehre an die jeweiligen Symbolischen Bücher befürchten. So befürchten sie, daß ein menschliches Unternehmen, wie die Symbolischen Bücher, "das Wort Gottes, wie es in der heiligen Schrift enthalten ist" in seiner alleinigen Autorität verdrängt, sowohl allgemein (1) als auch speziell bei den Prüfungen der Kandidaten (2). Wo das geschieht kommt es auf der individuellen Ebene zu Gewissenszwang und Heuchelei (3-5), auf der gesellschaftlichen Ebene zu Unruhen und Verleumdungen, ganz allgemein (6) und besonders zwischen den Konfession (7), und auf der theologischen Ebene zu Hemmung und Stillstand des Fortschritts (8). Schließlich wird der König gezwungen sein, für ihn und den Betroffenen unangemessene Strafen zu verhängen. Die fünf Oberkonsistorialräte sehen als einzige Möglichkeit, die befürchteten Folgen zu vermeiden, eine genauere Bestimmung des Ediktes und entsprechende Erklärungen. Sie stellen weder in Frage, daß die Religion in den preußischen Staaten sich im schlechten Zustand befindet, noch daß dieser Entwicklung gesteuert werden muß. Diese Auffassungen haben die Oberkonsistorialräte auch sonst vertreten. Neben Sacks schon oben angeführten Äußerungen kann vor allem auf Spaldings Autobiographie verwiesen werden, in der er für die Zeit vor dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelm II. schreibt, "daß die Sprache des Unglaubens nun auch bey uns so gar laut zu werden und sich so häufig hören zu lassen anfing.... Allein der Ton der Freygeisterey ward zum Theil so absprechend und entscheidend, auch zum Theil so muthwillig spottend, daß dadurch bey denen, die nicht selbst zu prüfen Fähigkeit oder Lust hatten, fast nothwendig eine große Verderbung der Grundsätze und der Moralität selbst besorgt werden mußte. Diese Besorgnis ward dadurch stärker, daß die declamatorische oder leichtsinnigen Angriffe von dieser Art vornehmlich auch so oft in solchen periodischen Schriften erschienen, die wegen ihrer vermischten unterhaltenden Aufsätze sehr viele Leser von allerlei Gattung fanden, und also ihre, nach meiner Ueberzeugung, schlimme Wirkung desto weiter ausbreiteten."(121) Diese Beurteilung ist durchaus unter den Vertretern der Aufklärung verbreitet gewesen, wie Lessings häufig zitierte Aussage in einem Brief an Nicolai deutlich macht: " Sagen Sie mir von Ihrer berlinischen Freiheit zu denken und zu schreiben ja nichts; sie reduziert sich einzig und allein auf die Freiheit, gegen die Religion so viel Sottisen zu Markte zu bringen als man will."(122) Es muß dabei jedoch bedacht werden, daß die Kritik an den Auswüchsen der Aufklärung teilweise von der Überzeugung getragen war, daß diese zwangsläufig Kennzeichen der aufbrechenden Freiheit sind und somit nicht nur negativ bewertet werden dürfen.

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Zurück zum Text  114. Vgl. dazu Religionsbegebenheiten 12, 1-115.281-309.405-453. 700ff.; Religionsbegebenheiten13, 48-72.79-95; Henke, Philippson, Schwartz.

Zurück zum Text  115. Die Forschungsliteratur fußt weitgehend auf dem Quellenstudium von Schwartz, Kulturkampf, zumal die von ihm benutzten Quellen des Geheimen Staatsarchivs im letzten Krieg teilweise zerstört wurden und deshalb - zumindest teilweise - nur noch über die Archivbestände der nachgeordneten Behörden erschlossen werden können; durch den Rückgriff auf Schwartz werden dessen Ungenauigkeiten weitergegeben.

Zurück zum Text  116. GStA Merseburg Rep 47 Tit 1 Heft 33, 20; vgl. das ungenau weitergegebene Zitat bei Schwartz, Kulturkampf, 111; Philippson, Geschichte I, 220.

Zurück zum Text  117. GStA Merseburg Rep 47 Tit 1 Heft 33, 19; die Einsetzung einer solchen Kommission hatte der König gleich beim Lesen des v.Dörnbergschen Schreibens beschlossen, wie sein handschriftlicher Vermerk auf diesem Schreiben zeigt.

Zurück zum Text  118. In diesem Schreiben wird Sack fälschlicher Weise wie auch in dem Schreiben des Königs vom 12. 9. 1788 an die Oberkonsistorialräte als Oberhofprediger bezeichnet; siehe dazu Sack, Verhandlungen, 18 A 4; vgl. zum Titel "Oberhofprediger" in Preußen Thadden, Hofprediger, 30f.

Zurück zum Text  119. GStA Merseburg Rep 47 Tit 1 Heft 33, 29.

Zurück zum Text  120. So Spalding, Lebensbeschreibung, 119.

Zurück zum Text  121. Spalding, Autobiographie, 105ff. Zu Sack siehe oben 3.2.2, S.11. Vgl. Stölzel, Svarez, 258f.; Grünhagen, Kampf, 2.6.

Zurück zum Text  122. Gotthold Ephraim Lessings sämtliche Schriften, hrsg. v. Karl Lademann, 3. Auflage, besorgt durch Franz Muncker Band 17, Leipzig 1904, S.298; vgl. Rieker, Stellung, 313 A1. Solche Beschreibungen der Verhältnisse lassen selbst den Historiker Philippson, der das RE als rücksichtslosen Angriff auf die Gewissensfreiheit sieht (Geschichte 1, 214), urteilen, daß ein staatliches Eingreifen notwendig war (Geschichte 1, 197).

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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