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Priv.-Doz. Dr. Udo Krolzik: Das Wöllnerische Religionsedikt


Der Haupteinwand der fünf Oberkonsistorialräte gegen das RE entspringt ihrem geschichtstheologischen Denken, wonach kein menschliches, geschichtliches Unternehmen, wie die Symbolischen Bücher, zur allgemeinen Norm des Glaubens erhoben werden darf. Deshalb hat auch die positive Berufung auf ein geschichtliches Datum in den Besorgnissen, nämlich die Gesetzgebung gegen die konfessionelle Polemik unter dem großen Kurfürsten (7) (123) eine andere Funktion als im RE, das sich im Vorwort auf das Exempel der königlichen Vorfahren, insbesondere des Großvaters, beruft. Liegt für das RE in dem geschichtlichen Datum die Aufforderung zur Rückkehr, so sehen die Besorgnisse darin den Stand, hinter den nicht zurückgefallen werden darf. Dem RE ist es Zielpunkt, den Besorgnissen Ausgangspunkt.

Dem geschichtstheologischen Haupteinwand der Besorgnisse ist der politische zugeordnet: wird ein Erkenntnisstand einer bestimmten Zeit zur allgemeinen Glaubensnorm erhoben, dann hat das politisch negative Folgen; im Falle des RE"s entstehen genau die Schäden, die bekämpft werden sollen: Gewissenszwang und Unruhe.

Friedrich Wilhelm II. übersendet diese Besorgnisse dem Großkanzler v.Carmer noch am selben Tag (10. 9.) mit der Anweisung, den Text "mit den beyden Ministres des Geistlichen Departements durchzugehen, und diese Leute zu rechte zu weisen. Zum Fundament dieser Zurechtweisung" soll das RE dienen, "davon nicht ein Haar breit abgewichen werden muß"(124). Außerdem soll der Großkanzler dafür sorgen, daß die Zensur strenger durchgeführt wird, nicht zuletzt im Hinblick auf die "aufrührerischen Scharteken" gegen das RE. Diese Kabinettsorder hat v.Woellner entworfen wie ein Schreiben von ihm an den König vom 5. 9. zeigt(125). Ebenfalls an diesem Tag unterrichtet der König v.Woellner von seiner Bereitschaft, die Einwände der fünf Oberkonsistorialräte entgegen zu nehmen. Gleichzeitig befiehlt er v.Woellner, in Zukunft darauf zu achten, daß der Dienstweg eingehalten wird, wegen der notwendigen "Subordination", und überhaupt seine "Priester beßer als ... (sein) Vorgänger in Ordnung zu halten". Auch diese Kabinettsorder stammt von v.Woellner wie sein Schreiben vom 5. 9. zeigt.(126)

Hier wird deutlich, daß der Summepiskopus das Recht der "langsamen Kur" - wie Sack schreibt - für sich allein in Anspruch nahm und keineswegs an der Ausarbeitung eines Plans gemeinsam mit dem Oberkonsistorium interessiert war. Hatte früher als selbstverständlich gegolten, daß kirchliche Reformen staatliche Verwaltungsmaßnahmen waren, so hatte sich dies inzwischen verkehrt: Staatsgesetze galten automatisch als Kirchengesetze. Die Kirche war nur noch ausführendes Organ.(127) Dieser Mangel an kirchlicher Eigenständigkeit bildete ein Kernproblem des evangelischen Kirchenwesens in Preußen. Auf dem Hintergrund des Kollegialsystems(128) war die evangelsche Kirche in Preußen in einen "kirchenlosen Zustand" geraten. Die Kirchenbehörden gehörten zum Justizministerium; es gab kaum eine Verbindung zwischen den lokalen Einzelgemeinden im Sinne einer Landeskirche. Die Einzelgemeinden waren als Kirchengesellschaften - so das Allgemeine Landrecht - organisiert und nur durch schwach ausgebildete kirchliche Strukturen miteinander verbunden, die zusätzlich durch den Staat und seine Verwaltungsbehörden dominiert waren.(129) Diese Situation der evangelischen Kirche in Preußen trat bei der beginnenden Auseinandersetzung um das RE klar zu Tage.

Neutral und ohne Hinweis darauf, daß er seinen Minister zu einem scharfen Vorgehen verpflichtet hat, teilt der König am 12. 9. den Verfassern mit, daß er ihre Schrift an die Ministerialkommission weitergegeben hat, und sie von dort nach gründlicher Erwägung eine gemeinschaftliche, ausführliche Antwort erhalten.

Spalding hat diese Antwort der Ministerialkommission gar nicht abgewartet. Er hat vor dem 14. 9. 1788 seine Ämter als Propst, Inspektor und Pfarrer niedergelegt und am 21.9. seine letzte Predigt gehalten(130). Nach seiner Autobiographie hat er diesen Schritt aufgrund seines Gesundheitszustandes schon länger erwogen. Das Edikt gab den letzten Ausschlag, so daß er wohl bald nach dessen Erscheinen "die Probststelle und die damit verbundenen Aemter und Geschäfte" niederlegte, wozu auch das Predigen gehörte, da er sich in seinem Alter nicht noch der Gefahr aussetzen wollte, "vor ein schikanierendes Inquisitionsgericht gezogen zu werden. Dabey hatte ich indessen keineswegs die Absicht, mich irgend einem Antheil an demjenigen zu entziehen, was noch etwa zur Hemmung oder Schwächung intoleranter zum Nachtheil der Religion gereichender Schritte möchte geschehen können, und darum blieb auch die Beybehaltung meiner Stelle im Oberconsistorium bey mir beschlossen".(131)

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Zurück zum Text  123. Gemeint sie Edikte und andere Verlautbarungen, die das Verketzern verbieten und zur Eintracht mahnen, wie sie sich in großer Zahl bei Mylius, Corpus 1.1, 375-548, finden.

Zurück zum Text  124. GStA Merseburg Rep 47 Tit 1 Heft 33, 28. Weitere Forschungen müssen die Gründe für diese hohe Bewertung der Symbole durch Friedrich Wilhem II. klären.

Zurück zum Text  125. Dieses Schreiben mitgeteilt bei Philippson, Geschichte I, 221; ich konnte diese Quelle nicht nachprüfen.

Zurück zum Text  126. Ebenfalls mitgeteilt bei Philippson, Geschichte I, 221; Philippson vermißt die Ausführung dieser Kabinettsorder, weil er sie zu unrecht an von den Hagen gerichtet erwartet; v.Woellner hat sie als eine ihn und von den Hagen betreffende dem König übersandt.

Zurück zum Text  127. Müller, Geschichte, 275f.; Thadden, Hofprediger, 126f.; ders., Kirche, 156f.

Zurück zum Text  128. Vgl. Rieker, Stellung, 271ff..

Zurück zum Text  129. Rieker, Stellung, 296ff.; Thadden, Hofprediger, 126ff.; Theisinger, Irrlehrefrage, 120.143ff.

Zurück zum Text  130. S. Schollmeier, Spalding, 31.

Zurück zum Text  131. Spalding, Lebensbeschreibung, 113f.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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