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Priv.-Doz. Dr. Udo Krolzik: Das Wöllnerische Religionsedikt


Leider waren über seinen Rücktritt keine Unterlagen zu finden, so daß das genaue Datum und der Inhalt seines Rücktrittsgesuches nicht feststeht und entsprechend unterschiedliche Aussagen in der Literatur zu finden sind.(132) Sicher ist, daß am 14. 9. 1788 Johann Friedrich Zöllner "an des vom PredigtAmt abgegangenen Spalding Stelle" in das Oberkonsistorium berufen wird(133); d.h. als Propst der Nicolaikirche war Zöllner Nachfolger Spaldings und aufgrund dieses Amtes Mitglied im Oberkonsistorium, ohne daß Spalding aus dem Oberkonsistorium ausscheiden mußte. In einem Schreiben des Konsistorialvizepräsidenten v.d.Hagen an Teller vom 25. 9. 1788 und einem entsprechenden an Zöllner und das geistliche Ministerium der St.Nicolaikirche wird auf Tellers Anfrage vom 22. 9. wegen der Ordination, die bisher Spaldings Aufgabe war, mitgeteilt, "daß da er nunmehr ältester Probst ist, indem der Ober Consistorial Rath Spalding seine Stelle als Propst, Inspector und Pfarrer gänzlich niedergelegt hat", er nun die Ordination vorzunehmen habe.(134) Zöllner wird in dem entsprechenden Schreiben als Oberkonsistorialrat und Probst angeredet. Sicher ist auch, daß Spalding sein Amt als Oberkonsistorialrat beibehalten hat, denn er hat sowohl am 10. 9. das Begleitschreiben für die Besorgnisse als einer der "Geistliche(n) Räthe des Oberconsistoriums" mit unterzeichnet als auch später die Stellungnahme der Oberkonsistorialräte zum Landeskatechismus und zum Examensschema (135). Von daher ist deutlich, daß Spalding vor dem 14. 9. 1788, der Berufung Zöllners in das Oberkonsistorium aufgrund dessen Propstenstelle an St.Nicolai, sein Amt als Propst an St.Nicolai und 1.Pfarrer von St.Marien niedergelegt, sein Amt als Oberkonsistorialrat aber beibehalten hat.(136)

Es waren also zwei Oberkonsistorialräte, die ihr Predigtamt nach Erscheinen des RE`s niederlegten: Teller und Spalding. Teller hat jedoch noch bei besonderen Gelegenheiten gepredigt. So hat er - bis er 1794 davon ausgeschlossen wurde(137) - an St.Petri die Ordinationen vorgenommen, die in Sonntagsgottesdiensten stattfanden und mit einer Predigt des Ordinators verbunden waren.(138) Zöllners Überlegungen, nach Hamburg zu gehen, haben mit der Auseinandersetzung zwischen v.Woellner und dem Oberkonsistorium über das RE nichts zu tun, denn zu Beginn dieser Auseinandersetzung war Zöllner gar nicht im Oberkonsistorium und taucht auch später in den Stellungnahmen des Oberkonsistoriums zum RE nicht auf.

Bevor es zur Resolution kommt, erfolgt am 16. 9. 1788 eine vorläufige Beantwortung. Der erste Austausch unter den Ministern vom 16. 9. hatte deutlich gemacht - wie ein Protokoll von diesem Treffen zeigt - (139), daß die drei Beamten unterschiedlicher Auffassung waren. Der reformierte v.Dörnberg hielt es für klüger - wie er schon schriftlich am 15. 9. mitteilte - (140), den König zu bewegen, eine Erklärung zum Edikt abzugeben, um Unruhe unter den Geistlichen, die gleicher Gesinnung wie die fünf Räte seien, zu vermeiden; denn immerhin schätzte er, daß zwei Drittel aller Geistlichen dazu gehörten.(141) Er fügte gleich eine entsprechende Erklärung bei(142), die ganz im Sinne der fünf geistlichen Räte feststellt, daß einem bewährten Lehrer nicht vorgeschrieben werden soll, wider seine Überzeugung zu lehren, und daß die Symbolischen Bücher der Bibel nachgeordnet sind, gleichzeitig aber soll die christliche Religion geehrt, kein Zank und Streit über Religionssachen stattfinden, die Zensur verschärft und "alle Neuerungssüchtige ..., und die Verwirrung und Aergernis, es sey durch ihre Lehren, oder durch ihren Wandel anrichten," sollen durch Kassation oder schärfer bestraft werden.

Diese Deklaration wird von v.Carmer und v.Woellner nicht angenommen, stattdessen beschließen sie laut Protokoll, die Oberkonsistorialräte aufzufordern selbst mitzuteilen, was erklärt werden müsse, damit es nicht zu konfessionellen Streitigkeiten komme. Das entsprechende Schreiben der Ministerialkommission vom 16.September 1788 an die Oberkonsistorialräte(143) empfinden diese als "Drohung".(144) Die Minister drücken in ihrem Schreiben zunächst ihre Verwunderung aus, daß eine Einschränkung der Gewissensfreiheit befürchtet wird; Außerdem seien die Oberkonsistorialräte selbst schuld an diesem Edikt, weil sie geschlafen haben, statt ihre Verantwortung wahrzunehmen, so daß sich jeder Prediger "sein eigenes Lehrgebäude" bildete. In dieser allgemeinen Verwirrung lag es nahe, auf die Symbole zurückzugreifen, ohne dadurch diese der Schrift vorzuziehen. Unter den Lehrangeboten kann ein jeder Christ in Preußen frei wählen, der Prediger ist allerdings an das Glaubensbekenntnis seiner Kirche gebunden. Lehrt er dieses trotz abweichender eigener Erkenntnis, ist er nicht ein Heuchler - wie der Vergleich mit dem Richter zeigt. Schon das RE hatte diesen Vergleich herangezogen, um zu zeigen, daß Gesetzestreue keine eigene Ausdeutung zuläßt. Hier wird der Vergleich nun gebraucht, um zu zeigen, daß Gesetzestreue trotz eigener Erkenntnis nicht Heuchelei ist. Aber die Oberkonsistorialräte hatten indirekt einen solchen Vergleich abgelehnt, indem sie jedem menschlichen Unternehmen den Rang eines Gesetzes in Glaubensdingen absprachen und nur die Suche (Teller), allenfalls die ständig zu aktualisierende Lehrzusammenfassung (Sack) zuließen. Diese Auffassung konnten die Minister nicht teilen, denn die Konsequenz wäre, daß keine verbindliche, richtige Lehre festgelegt werden könnte. Eine solche "orthodoxe" Lehre braucht der Staat aber, will er die Vielfalt der Lehren begrenzen. Ist eine solche Orthodoxie dem christlichen Glauben wesensfremd, kann der Staat nicht in die Religion eingreifen, da er nur steuern kann, indem er Normen setzt. Vielleicht steht diese Erkenntnis im Hintergrund, wenn nun die Oberkonsistorialräte aufgefordert werden, Erklärungen zu finden, die keiner Konfession zu nahe treten, aber - und das ist vorausgesetzt - mit deren Hilfe doch steuernd und richtunggebend in die Verwilderung der Lehre eingriffen werden kann.

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Zurück zum Text  132. Nach Karowski, Bekenntnis, 128, ist er gleich nach Erscheinen des Edikts als Oberkonsistorialrat zurückgetreten; Karowski fußt wohl auf Philippson, Geschichte I, 225 (die Abkürzungen in A 312 müssen wohl so aufgelöst werden), der Spalding gleich nach Bekanntwerden von den laufenden Geschäften des Oberkonsistoriums zurücktreten läßt. Nach Schwartz, Kulturkampf, 111, hielt er am 25. 9. 1788 (muß wohl mit Schollmeier, Spalding, 31, auf den 21.9. korrigiert werden) seine letzte Predigt, behielt aber sein Amt als Oberkonsistorialrat bei. Nach Stölzel, Svarez, 258, wartete Spalding nicht die v.Woellner ihm am 19.10. angekündigte Zurechtweisung der Oberkonsistorialräte ab, sondern legte sein Predigtamt nieder.

Zurück zum Text  133. GStA Merseburg Rep 47, Tit 4, 1770-93.

Zurück zum Text  134. Archiv der St. Marien-Kirche Berlin, Insp. General. Registr., Generalia Nr. 5, unpag.

Zurück zum Text  135. So schreibt er zu Beginn der Stellungnahme zum Examensschema am 7.2.1791, daß er "wegen Alters und zufälliger Schwächen der Gesundheit von den Sessionen des Collegiums dispensiret", aber "noch Glied und Rath des Consistoriums" ist. GStA Mer Rep 47 Tit 4 1770-93, 5.Akte.

Zurück zum Text  136. In diesem Sinne sind die Aussagen in der Literatur über den Rücktritt Spaldings oder seines Ruhestandes (Hirsch, Geschichte IV, 15) zu präzisieren.

Zurück zum Text  137. GstA Bln X HA Rep 40 1791, 91f.

Zurück zum Text  138. Vgl. Nicolai, Gedächtnißschrift, 26; nach Wolff, Art.Teller (RE3), 478, hat Teller erst 1789 sein Predigtamt niedergelegt.

Zurück zum Text  139. GStA Merseburg Rep 47, Tit 1, Heft 33, 37; abgedruckt bei Sack, Verhandlungen, 26f..

Zurück zum Text  140. GStA Merseburg, Rep 47, Tit 1, Heft 33, 33f.; bei Sack, Verhandlungen, 24f..

Zurück zum Text  141. Philippson, Geschichte I, 348, schätzte, daß sogar 3/4 aller Geistlichen die gleiche Einstellung wie die Oberkonsistorialräte besaßen, ohne daß er jedoch die Gründe für diese Einschätzung nennt.

Zurück zum Text  142. GStA Merseburg, Rep 47, Tit 1, Heft 33, 35f.; vgl. Sack, Verhandlungen, 25f..

Zurück zum Text  143. GStA Merseburg, Rep 47, Tit 1, Heft 33, 38f..

Zurück zum Text  144. Spalding, Lebensbeschreibung, 40.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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