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Priv.-Doz. Dr. Udo Krolzik: Das Wöllnerische Religionsedikt


Wenn diese Aufforderung ein Dilemma formuliert, in dem sich die Minister mit der Aufgabenstellung des RE"s befinden, dann hätten sie das Anliegen der Oberkonsistorialräte verstanden. Es wird sich allerdings zeigen, daß die Oberkonsistorialräte dieses Dilemma nicht lösen wollen, indem sie nun doch Lehrnormen setzten, um die kirchenpolitische Aufgabenstellung des RE"s zu erfüllen. Sie sind davon überzeugt - sofern sie nicht wie Sack davon ausgehen, daß diese Fehlentwicklungen sich selbst auflösen werden -, daß nur ein weiteres Herausarbeiten der einfältigen Religion Jesu und die Vermittlung dieser Erkenntnisse die Vielfalt und Beliebigkeit der Lehren beseitigt. Weil die Oberkonsistorialräte nicht bereit sind, die kirchenpolitische Aufgabenstellung des RE"s zu erfüllen, muß der Staat sich ein neues Organ dafür schaffen: die IEK!

Die Vorschläge der Oberkonsistorialräte vom 1. 10. 1788 für eine Erläuterung des Ediktes(145) wiederholen einerseits die schon bekannten Argumente, nachdem sie zunächst den Vorwurf der Pflichtvergessenheit zurückgewiesen haben, indem sie den Spieß umdrehen und als Hauptverursacher der Verwilderung der Lehrsysteme nicht die Neologen ausmachen, sondern Zivilpersonen - hiermit könnten gerade auch die Rosenkreuzer gemeint sein(146) - und Feldprediger, die nicht unter der Aufsicht des Oberkonsistoriums stehen, sondern des Justizdepartements. Somit trifft vor allem v.Carmer die Pflichtvergessenheit. Andererseits vertiefen sie, indem sie feststellen, daß es keineswegs bedeutet, Irreligiösität zu verbreiten, wenn die jeweiligen Bekenntnisse nicht in allen Aussagen akzeptiert werden. Wird Nichtanerkennung des ganzen jeweiligen Bekenntnisses mit Irreligiösität gleichgesetzt, so impliziert dies, daß die christliche Religion in dem Bekenntnis richtig zum Ausdruck kommt. Nun gibt es aber verschiedene "Religionspartheyen" mit durchaus widerstreitenden Bekenntnisaussagen. "So würde nur eine einzige derselben eine wirklich christliche Religion haben können, wenn das Stehen und Fallen dieser an den ganzen Inhalt der Symbolen irgend einer Kirche gebunden seyn sollte." Werden nun "Bedenklichkeiten und Zweifel bey einzelnen Kirchenlehren" mit Irreligion gleichgesetzt, bringt dies "sehr leicht und beynahe natürlich entweder auf einer Seite einen totalen indifferentistischen Unglauben, oder auf der andern eine unchristliche Verdammungssucht gegen Andersdenkende" hervor.

Diese Überlegungen legen den Schluß nahe, daß das geistliche Amt nicht einfach mit dem richterlichen verglichen werden kann, wie dies im RE (8) und auch in dem Schreiben der Ministerialkommission geschieht. Denn die verschiedenen in den preußischen Landen anerkannten Bekenntnisse konkurrieren und erlauben somit gerade nicht eine einfache Auslegung. Dazu bedürfte es eines einzigen gültigen Bekenntnisses.

Die Oberkonsistorialräte leiten ihre Ablehnung des Vergleiches jedoch nicht aus diesen Überlegung ab, sondern aus ihrer Überzeugung, daß die Bekenntnisse als Glaubenssätze auf die Gesinnung zielen und diese bei den Predigern voraussetzen, während die Gesetze "nur die äußerlichen Handlungen" bestimmen und somit nicht eine bestimmte Gesinnung des Richters erforderlich ist. Damit stellen die Oberkonsistorialräte die preußische Koppelung von geistlichem und juridischem Ressort - wie sie in der Zuordnung des Geistlichen Departements zum Justizministerium deutlich zum Ausdruck kam - in Frage. (147) Gleichzeitig steht damit auch der beamtenähnliche Status der Geistlichen in Preußen zur Disposition, der bisher kaum in Frage gestellt die Prediger zu treuen Dienern des Herrschers bei dessen Aufgabe, den Staat zu stärken und zu festigen, gemacht hat.(148) Das Allgemeine Landrecht hält den Beamtenstatus der Prediger in 19 des Teils II Titel 11 ausdrücklich fest, um sie auf ihre staatsdienende Aufgabe festzulegen.(149)

Eine weitere Vertiefung bzw. Präzisierung der Argumente gegen das RE bringen die Oberkonsistorialrät in ihren Vorschlägen vom 1.10.1788, indem sie auf das Verhältnis von Symbolischen Büchern und Heiliger Schrift näher eingehen. Das RE vertritt die Auffassung, daß die "christliche Religion" in der Bibel gelehrt wird und "nach der Ueberzeugung einer jeden Confession der Christlichen Kirche in ihren jedesmaligen Symbolischen Büchern einmal festgesetzt ist" (7) Damit sind nach Auffassung der Oberkonsistorialräte die Symbolischen Bücher nicht nur "der Heiligen Schrift an die Seite" gesetzt - schon das widerspräche der protestantischen Überzeugung, wonach "jene nur als eine dieser untergeordnetn Richtschnur" galten -, sondern sogar der Bibel vorgezogen. Eine solche Verhältnisbestimmung beider widerspricht den "Königlichen älteren und neueren Vocationsformulare", die den "Predigern vorschreiben, das Wort Gottes zu lehren, wie es in den Symbolischen Büchern wiederholt ist".(150)

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Zurück zum Text  145. GstA Merseburg Rep 47 Tit 1 Heft 33, 42-44. Laut Spalding, Lebensbeschreibung, 119f., hat er diese Vorschläge "abgefaßt".

Zurück zum Text  146. S. z.B. Silberschlags Beurteilung der von den Rosenkreuzern und Geheimgesellschaften angehenden Gefahr; dazu weiter unten.

Zurück zum Text  147. Vgl. Thadden, Hofprediger, 127f., der jedoch das Schreiben vom 1.10.1788 fälschlicherweise Sack zuschreibt.

Zurück zum Text  148. Vgl. Hintze, Epochen, 89f; Lehmann, Bilder, 152, spricht von "Polizeibeamten im Talar".

Zurück zum Text  149. Theisinger, Irrlehrefrage, 129ff.

Zurück zum Text  150. Hervorhebung im Original.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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