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Priv.-Doz. Dr. Udo Krolzik: Das Wöllnerische Religionsedikt


Die ironische Anfrage v.Woellners verweist durchaus mit Recht auf die Schwierigkeit in der Position der Oberkonsistorialräte, durch Rückgang auf die Lehre Jesu zu unzweifelhaften Glaubensaussagen zu kommen. Dort, wo die Wahrheitsfrage durch die Ursprünglichkeit beantwortet wird, entsteht ein Regreß ohne Ende. Schon Lessing hatte in seinen Fragmenten eines Ungenannten (1774-1778) zeigen wollen, daß ein solcher Regreß nicht zu unzweifelhaften Aussagen, sondern zum Verstummen führt, da nichts mehr übrig bleibt. Deshalb hat er in der "Erziehung des Menschengeschlechts" den Wahrheitsbegriff der Aufklärung umgekehrt: statt Rückkehr zum Ursprung - Ausblick in die Zukunft! In der Morgenröte, die der Wanderer am Horizont erblickt, liegt die Wahrheit.

Nun konnte schon oben für Teller gezeigt werden, daß der Regreß nur der Befreiung von der Last der Tradition diente, das eigentliche Ziel aber nicht eine neue Lehre, sondern die Veränderung des Menschen und seiner Welt zum Besseren, Vollkommeneren war. Diese Auffassung von der Perfektibilität von Mensch und Welt und das damit verbundene Bewußtsein des Progresses, bei dem der historische Regreß nur ein Mittel zur Befreiung für den Progreß ist, war allen Neologen gemein.(156) Sie galt für Semler(157) genauso wie für Spalding (158) und die anderen, wenn auch zunächst nicht bei allen mit gleicher Deutlichkeit. Von dieser Auffassung her gewinnt die christliche Lehre eine völlig neue Bedeutung, die von der des REs gänzlich verschieden ist. Spalding bestimmt dies so: "Wenn wir aber darin einig sein sollten, daß unsere Arbeiten hauptsächlich auf die Besserung und Gottseligkeit ... der Menschen gehen müssen, so bedarf es dann doch wieder einer gleichmäßigen sorgfältigen Prüfung, was für Lehren wir zu diesem Ende zu treiben haben, was für Erkenntnisse und Betrachtungen im Grunde dazu dienen, daß unsere Christen das werden, was sie sein sollen."(159) Es bedarf also einer genaueren Prüfung der Lehren unter dem Gesichtspunkt: "Was muß ich meinen Zuhörern sagen, damit sie gute Christen werden ? Was für Vorstellungen und Betrachtungen muß ich in ihren Gemütern lebendig machen, um sie zu einer tätigen Liebe Gottes und der Tugend zu bringen?"(160) Von diesem Standpunkt aus sind in der Tat bestimmte Lehraussagen wie die von der Trinität oder den zwei Naturen Christi nur verwirrend oder wie im Falle der Erlösungslehre kontraproduktiv.

Der Minister v.Dörnberg verweist in seinem Votum vom 21.10.1788(161) noch einmal auf seine frühere Ausarbeitung, die er in der Sitzung zu den Akten gegeben, und in der er sich den Oberkonsistorialräten im wesentlichen angeschlossen hat.

Carl Gottlieb Svarez, der Mitarbeiter v.Carmers und hauptsächlicher Verfasser des allgemeinen preußischen Landrechts, verfaßte nun das Konzept der Resolution (162), das v.Carmer am 8. 11. mit einem ebenfalls von Svarez verfaßten Begleitschreiben(163) an die Minister zur Unterschrift schickt. Während v.Woellner noch am 9. 11. seine Zustimmung gibt (164), obgleich er einen schärferen Verweis gewünscht hätte, zeichnet v.Dörnberg bis zum 20.11. nicht gegen(165). Auch als v.Carmer am 20. 11. zusagt, sich beim König dafür einzusetzen, daß das RE durch Kabinettsorder zum kirchlichen Polizeigesetz erklärt wird, das "weiter nichts sagen wolle, als das kein Catholike, Socinianer und wie die Leute heißen sich einer evangelischen Gemeinde als Prediger und Kirchen-Bedienter aufdringen soll" (166), weigert sich v.Dörnberg am 20. 11. gegenzuzeichnen, zumal er schon bei der Mitunterzeichnung des Ediktes sich dem Befehl des Königs unterworfen habe(167). Als v.Carmer ihm am 26. 11. bei weiterer Verweigerung seiner Unterschrift mit der Ungnade des Königs droht (168), unterschreibt er am 27. "in der selbigen Ueberlegung" mit der er das Edikt gegengezeichnet hat, und mit dem Verlangen, daß sein Votum vom 20. zu den Akten genommen wird(169).

Die Resolution erfolgt unter dem Datum 24. 11.(170), obgleich sie erst nach Unterzeichnung durch v.Dörnberg am 28. 11. zunächst Spalding zugesandt wird, der sie im Umlauf den anderen zugehen läßt(171).

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Zurück zum Text  156. Scholder, Grundzüge, bes. 464.

Zurück zum Text  157. Hirsch, Geschichte IV, 66.71.86.

Zurück zum Text  158. Spalding, Nutzbarkeit, 109f.201.

Zurück zum Text  159. Spalding, Nutzbarkeit, 109f.

Zurück zum Text  160. Spalding, Nutzbarkeit, 113.

Zurück zum Text  161. GStA Merseburg, Rep 47, Tit 1, Heft 33, 50; vgl. Sack, Verhandlungen, 35.

Zurück zum Text  162. GStA Merseburg, Rep 47, Tit 1, Heft 33, 54-59, von seiner Hand sind die Korrekturen; siehe Stölzel, Svarez, 257 A 1.

Zurück zum Text  163. GStA Merseburg, Rep 47, Tit 1, Heft 33, 51; vgl. Sack, Verhandlungen, 35.

Zurück zum Text  164. GStA Merseburg, Rep 47, Tit 1, Heft 33, 51; vgl. Sack, Verhandlungen, 35f..

Zurück zum Text  165. GStA Merseburg, Rep 47, Tit 1, Heft 33, 52; vgl. Sack, Verhandlungen, 36.

Zurück zum Text  166. GStA Merseburg, Rep 47, Tit 1, Heft 33, 52; vgl. Sack, Verhandlungen, 36.

Zurück zum Text  167. GStA Merseburg, Rep 47, Tit 1, Heft 33, 53; vgl. Sack, Verhandlungen, 36f.

Zurück zum Text  168. GStA Merseburg, Rep 47, Tit 1, Heft 33, 60; vgl. Sack, Verhandlungen, 37f.

Zurück zum Text  169. GStA Merseburg, Rep 47, Tit 1, Heft 33, 60; vgl. Sack, Verhandlungen, 38.

Zurück zum Text  170. GStA Merseburg, Rep 47, Tit 1, Heft 33, 54-59; vgl. Sack, Verhandlungen, 38-43.

Zurück zum Text  171. Dies gegen Karowski, Bekenntnis, 126, der meint, daß die Resolution ohne v.Dörnbergs Unterschrift dem Oberkonsistorium zugestellt wurde.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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