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Priv.-Doz. Dr. Udo Krolzik: Das Wöllnerische Religionsedikt


Die Resolution nimmt im wesentlichen die Voten auf, die von v.Carmer und v.Woellner zu der Erklärung der Oberkonsistorialräte vom 1. 10. 1788 abgegeben haben. Sie setzt sich mit den vier Vorschlägen dieser Erklärung auseinander. Die Vorschläge werden teilweise für eine "Eversion des Edikts", teilweise für "dunkel, unbestimmt und schwankend" gehalten, wodurch die Absicht des Ediktes unterlaufen wird, nämlich die eigenmächtige Willkür der Lehrenden, "so weit sie gemeinschädlich ist", zu verhindern. Auch ein schweigendes Hinweggehen über bezweifelte "wesentliche Grundsätze dieses Glaubens-Bekenntißes" genügt der Absicht des Ediktes keineswegs. Wer Lehrer der lutherischen, reformierten oder einer der "in den hiesigen Landen aufgenommenen christlichen Religions-Verwandte" sein will, muß die Lehrpunkte, in denen ihre Gemeinschaften übereinstimmen, insbesondere "was die Person und das Verdienst Christi betrifft" öffentlich vertreten. Dabei kann es keineswegs der "Privat-Meynung" oder dem Gutdünken des einzelnen überlassen bleiben, die Grundlehren zu bestimmen. Die Uneinigkeit unter denjenigen Theologen, die Lehränderungen vornehmen, ist groß und macht eine Verbindlichkeit, wie die Symbole sie bieten, um so notwendiger.

Grundlage der staatlichen Vorschriften ist die "Ober-Aufsicht" des Staates "über alle und jede im Lande öffentlich aufgenommenen Corporationen". Der Staat hat den "Grund-Vertrage, auf welchem sie [die Corporation] errichtet ist," genehmigt und achtet nun auf deren Einhaltung. Dies gilt auch für die "Religions-Gesellschaften", deren Grundvertrag die jeweiligen Symbole sind. (172)

Neben diesem Recht der Ober-Aufsicht, gibt es auch noch ein besonderes staatliches Interesse, eigenmächtigen Veränderungen entgegenzuwirken: die Folge solcher Veränderungen wäre die Zersplitterung der Religionsgesellschaften und - hier kehrt die Resolution den Vorwurf der Oberkonsistorialräte um - zahlreiche Auseinandersetzungen und Abgrenzungen zwischen den Orthodoxen, die bei der alten Lehre verharren, und den Neuerern. Dadurch werden "die Gemüther des Volks irre gemacht" und schließlich werden auch solche Lehren in Frage gestellt, "deren wichtiger und wesentlicher Einfluß auf die Ordnung, Ruhe und Sicherheit der bürgerlichen Gesellschaft" von den Oberkonsistorialräten selbst anerkannt wird.

Diese Argumentation macht deutlich, daß die gesetzgeberisch fortschrittliche Aussage des REs über die Toleranz als innere Gewissensfreiheit reaktionäre Folgen hatte. Der Schutz dieser Gewissensfreiheit des einzelnen bedeutete für Friedrich Wilhelm II. und seinen Minister, allen Neuerungen im Lehrsystem zu wehren, damit nicht Verwirrung und Unruhe aufkäme, die jede Freiheit des Gewissens zunichte machen würden.

Weiterhin bestimmt die Resolution, daß die Differenzen zwischen den Bekenntnisschriften, die durchweg keine wesentlichen Glaubenssätze berühren, nach wie vor nicht zum Gegenstand der Lehre zu machen sind. Dies fällt nach Überzeugung der Resolution sowieso weg, da statt "trockene(r) Dogmatik ... wahres praktisches Christenthum gepredigt" werden soll, das die Menschen "zu guten Menschen und guten Bürgern des Staats" formt.

Veranlassung des Ediktes ist also nach Meinung der Resolution - wie schon des Ediktes selbst - die entstehende Verwirrung durch die Neuerungen und die daraus folgende Schwächung der staatsbürgerlichen Moral. Grundlage der staatlichen Vorschriften ist die Oberaufsicht des Staates über die Corporationen, indem er die Einhaltung ihrer genehmigten Verfassung überwacht.

Bezogen auf den Widerspruch zwischen dem Geist des Ediktes und dem des Protestantismus" stellt die Resolution noch einmal fest, daß keine Gleichstellung zwischen Symbol und Schrift im Edikt erfolgt und den Symbolen auch keine Heilsbedeutung oder Gewissensbindung (173) zugesprochen wird. Auch wolle das Edikt den Symbolen keinen untrüglichen und unabänderlichen Charakter beilegen, sondern "nur willkürliche und eigenmächtige Abweichungen einzelner Lehrer" verhindern. Deshalb werde auch nicht durch das Edikt ein "redliches und bescheidenes Forschen in der Schrift so wenig einem Prediger, als einem andern Mitgliede der protestantischen Kirche verboten." Hiermit wird die Freiheit zur Forschung in der Schrift auf eine Forschung nach altprotestantischem Typus festgelegt, wonach Exegese mit Blick auf die Stellen getrieben wurde, die in der Dogmatik eine Rolle spielten. Von diesem Typus hatte sich etwa Teller ausdrücklich abgewandt.(174)

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Zurück zum Text  172. Diese Regelungen finden sich auch im Allgemeinen Landrecht von 1794, vgl. besonders Teil II Titel 11 46-49, wenn auch mit dem bedeutenden Unterschied, daß nicht von Symbolen, sondern "dienlichen Ordnungen" die Rede ist. Das Merkmal "dienlich" konnte so verstanden werden, daß es zur Veränderung der Ordnung motiviert. Der Entwurf des Gesetzes zeigt, daß eine solche Deutung durchaus beabsichtigt war. (A. Theisinger, Irrlehrefrage, 127f) Die Parallele dieser Regelung im Allgemeinen Landrecht und der Resolution ist angesichts dessen, daß Svarez Hauptverfasser beider Dokumente ist, nicht verwunderlich.

Zurück zum Text  173. Gemeint ist die im RE 2I festgehaltene innere Gewissensfreiheit.

Zurück zum Text  174. Teller, Wörterbuch, z.B. XIV.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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