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Priv.-Doz. Dr. Udo Krolzik: Das Wöllnerische Religionsedikt


Es ist weiterhin Auffassung der Resolution, daß derjenige, der eine von den Symbolischen Büchern abweichende Meinung besitzt, die Lehrsätze trotzdem der Gemeinde "als ein getreuer Referent ... vortragen" könne. Hier ist der Richter aus dem RE und dem Schreiben der Ministerialkommission vom 16.9.1788 zum Referenten geworden. Da der Referent - anders als der die Gesetze auslegende Richter - ganz unterschiedliche Themen haben kann, zielt er bei bestimmten Themen auch auf Einstellungen. Damit haben die Minister zwar eine Seite der Einwände aus dem Oberkonsistorium gegen den Vergleich von Richter und Prediger vermieden, aber den entscheidenden Einwand, daß auch die eigene Gesinnung des Predigers ins Spiel kommt, gerade nicht getroffen. Dies scheinen die folgenden Hinweise auf die verstorbenen und noch lebenden orthodoxen Religionslehrer, die "die Pflichten der christlichen Sittenlehre" mit solcher "Richtigkeit, Wärme, und Salbung vorgetragen und eingeschärft" haben, wie dies kein "Neuerer in der Gottesgelahrheit" vermag, selbst wenn man es ihm sonst zutraute. Diese wohl kaum zu verifizierende Behauptung soll doch wohl die Schlußfolgerung nahelegen, daß "Richtigkeit, Wärme und Salbung" bei den orthodoxen Lehrern sich ganz von alleine einstellen und gleichsam von der Sache her gegeben sind, während sie bei den "Neuerern" sich gar nicht einstellen, selbst wenn sie von der Person her diese Qualitäten besitzen. Womit deutlich wäre, daß die Gesinnung des Referenten unbedeutend ist und vielmehr alles auf den richtigen Inhalt ankommt, damit die christliche Sittenlehre die Gemeinde "bewegt".

Zum Schluß werden noch einmal die verwirrenden Lehren genannt, deren Ausbreitung durch die Oberaufsicht der Konsistorien verhindert werden soll: naturalistische, deistische, socinianische und ähnliche.

Die Vermerke der betroffenen Oberkonsistorialräte auf dem Umlauf lassen erkennen, daß sie damit die Auseinandersetzung für abgeschlossen ansehen. Spalding mokiert sich noch über die Formulierung vom getreuen Referenten: "die Qualität eines Referenten, in welcher der unsymbolische Geistliche symbolische Kirchensatzungen lehren soll, ist vor anderem merkwürdig". Für Semler war - wie noch zu zeigen ist - der Vergleich mit dem Referenten aufgrund seiner Unterscheidung zwischen öffentlicher und privater Religion (175) durchaus akzeptabel, da nach seiner Meinung eine Regierungspartei einheitlicher Lehrbegriffe bedarf, ohne daß dies die Gewissensfreiheit der Privatreligion des einzelnen Christen beschränkt. Spalding und den anderen Oberkonsistorialräte, die sich vor allem als Seelsorger und Prediger verstanden, war dies nicht möglich. Für sie wäre es ein Handeln gegen ihr Gewissen gewesen, das ihnen ihre Gelassenheit und Ruhe rauben würde, durch eine Predigt, die sie selbst als unehrlich empfänden und als Vertretung einer doppelten Wahrheit.(176)

Es muß noch darauf hingewiesen werden, daß v.Carmer doch noch eine Erläuterung des REs durch den König erwirkte. Das Urteil des Kammergerichts über Würtzer, der das RE verspottet hatte, übersandte v.Carmer dem König mit einem von Svarez entworfenen Schreiben, in dem das RE als kirchliches Polizeigesetz bezeichnet wird und viele Angriffe auf das Edikt als Mißverständnisse. Das RE wolle nur verhindern, daß den Gemeinden fremde oder falsche Lehrer "aufgedrungen" werden. Dieses Schreiben vollzog der König am 19.12.1788 als Kabinettsorder.(177)

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Zurück zum Text  175. S. besonders deutlich Semlers Letztes Glaubensbekenntnis, bes. 64f. s. jedoch schon vorher 1786 "über historische, gesellschaftliche und moralische Religion der Christen".

Zurück zum Text  176. Zu Spalding s. Schollmeier, Spalding, bes. 228.

Zurück zum Text  177. Der Text findet sich bei Brunn, Magazin I, 66f.; Philippson, Geschichte I, 232; zur Entstehungsgeschichte s. Stölzel, Svarez, 261-63; s. auch unten 4.1 zu Würtzer.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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