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Priv.-Doz. Dr. Udo Krolzik: Das Wöllnerische Religionsedikt


Exkurs:

Eine kurze Betrachtung der Geschichte und "Lehre" der Rosenkreuzer kann diese pragmatische Allianz zwischen Rosenkreuzer und Pietisten im Kampf gegen die Theologie der deutschen Aufklärungstheologen verdeutlichen. Die Rosenkreuzer des 18. Jahrhunderts (182) führen ihre Ursprünge auf frühere Bewegungen zurück, obgleich dies kaum zutreffen dürfte. Erst seit 1757 läßt sich der Orden nachweisen, ohne Zusammenhang zu früheren Bewegungen. Sicherere Kenntnisse lassen sich erst nach der Reform 1767 gewinnen. Deutlich ist die Verbindung zu den Freimaurern, die häufig in einer Doppelmitgliedschaft ihren Ausdruck findet. Die Rosenkreuzer verstehen sich als höchste Stufe der Freimaurerei. 1777 wird dann die Freimaurerzugehörigkeit Voraussetzung für die Aufnahme. Ein Zirkel hat nie mehr als 9 Mitglieder. Insgesamt sind die Rosenkreuzer in sieben Klassen unterschiedlicher Grade der Erleuchtung eingeteilt. Voraussetzung für die Aufnahme ist neben der Mitgliedschaft bei den Freimaurern, die Ehrbarkeit, guter Verstand, Friedfertigkeit, Wißbegierde, Gehorsam und Verschwiegenheit. Es folgen aus der Mitgliedschaft sieben Pflichten:

1. Gottesfurcht (Abtötung der Eigenart)

2. Nächstenliebe

3. Verschwiegenheit

4. Treue zum Orden

5. Gehorsam

6. Kein Geheimnis den Oberen verschweigen

7. Bruder ist Eigentum des Schöpfers und Ordens

Die Mitglieder waren Naturforscher, Ärzte, höhere Offiziere und Theologen, insgesamt Mitglieder des höheren Bürgertums und des Adels. Die Lehre selbst war ebenso wie die Hierarchie undurchschaubar. Sie war von neuplatonischen, paracelsischen und böhmeschen Gedanken geprägt. Die Natur ist Ausfluß der göttlichen Schöpferkraft. Dies fordert Naturforschung, die als Gottesdienst verstanden wird. Die Rosenkreuzer nehmen die Naturforschung ihrer Zeit nicht zur Kenntnis, sondern betreiben eine spiritualistische Naturbetrachtung, wie sie auch im 16. und 17. Jahrhundert geschah. Ab 1777 wird die "Erbauung des Reiches Christi" betont, wodurch die Rosenkreuzer eine praktisch politische Ausrichtung gewinnen. Inhaltliche Voraussetzung sind die Freimaurerei; eine verbreitete Unzufriedenheit mit dem Christentum; ein Wunderglaube, der sich gegen die naturwissenschaftliche Entzauberung der Welt wandte; ein Interesse an Mystifikation; das tief empfundene Bedürfnis nach einer neuen sozial-politischen Struktur.

Woellner, der seit 1765 Freimaurer war und bis zum praepositus der Berliner Praefektur aufgestiegen war, wird 1779 Rosenkreuzer. Als Magister ist er Oberhauptdirektor von 26 Zirkeln. 1781 wird der Kronprinz Friedrich Wilhelm in die Berliner Loge aufgenommen, in der Woellner Leiter ist. Die Logen versuchen, eine intensive Personalpolitik zu betreiben und wenden sich vor allen Dingen gegen die Aufklärung. Als 1787 ein Stillstand des Ordens verordnet wird, tritt der Orden nicht mehr in Erscheinung. Allerdings gewinnen danach die einzelnen Mitglieder eine besondere Bedeutung in Gesellschaft und Politik.

Die Rosenkreuzer waren - wie auch ursprünglich die Pietisten - gegen einen Dogmatismus, indem sie die "Erleuchtung" des Einzelnen lehrten. Beide betonten von daher stärker die Offenbarung als die Vernunft und hielten Wunder und Geheimnisse für christliche Grundeinsichten. Dabei sahen beide in der Vernunft einen Weg zu tieferer Naturerkenntnis. Der gravierende Unterschied, der die Rosenkreuzer - wie zuvor die Freimaurer - den Pietisten so verdächtig machte, war die Überzeugung der Rosenkreuzer, daß die Offenbarung der Geheimnisse nicht nur durch die Bibel erfolgte, sondern auch aus "dunklen" Quellen, keineswegs allen zugänglich waren.

Ähnlich wie Friedrich Wilhelm I. den preußischen Pietismus funktionalisierte (183), funktionalisierten v.Woellner und Friedrich Wilhelm II. die Rosenkreuzer. Beide Bewegungen gewannen stabilisierende Bedeutung für den Staat. Dies tritt bei der Auseinandersetzung um das RE in aller Deutlichkeit in Erscheinung.

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Zurück zum Text  182. S. Lit. bei Hoffann, Hermes, 32 A2; s. zu diesem Exkurs Grünhagen, Kampf, 3-6; Jahrbuch für Brandenburgische Kirchengeschichte 11/12, 1904, 342-347; Wendland, Wirksamkeit, 327ff; Brunschwig, Gesellschaft, 270ff; Epstein, Ursprünge, 128ff.413ff.; Möller, Aufklärungsgesellschaften, 106f.; ders., Gold- und Rosenkreuzer, 153-202.

Zurück zum Text  183. Siehe dazu Hinrichs, Preußentum.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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