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Priv.-Doz. Dr. Udo Krolzik: Das Wöllnerische Religionsedikt


Silberschlag begründet seine positive Beurteilung des RE"s ausführlich in seiner Stellungnahme vom 24. Oktober 1788.(184) Gegen den "trüben und ungesunden Nebel" - wie er im Übersendungsschreiben (185) die Ausführungen seiner fünf geistlichen Oberkonsistorialkollegen vom 10.09. und 01.10.1788 bezeichnet - hält Silberschlag das RE für unbedingt notwendig und die Bindung an die Symbole für sinnvoll. Er widerspricht außerdem den vier Alternativvorschlägen seiner Kollegen.

In fünf Punkten begründet Silberschlag die Notwendigkeit des Ediktes und seiner Anordnungen: (1) die gegenwärtig allgemein beobachteten "Religions Zerrüttungen" haben ihren Grund in der Lehrfreiheit, aufgrund derer ein jeder Prediger sein eigenes Lehrgebäude zimmert; (2) diese irreligiösen Lehrgebäude entstammen keineswegs den weltlichen, sondern dem geistlichen Stande wie die Beispiele Bahrdt und Schulze zeigen; (3) die Tatsache, daß ein Prediger Wahrheiten, "die ihm nicht anstehen, zurückschiebt", wäre ein Freibrief für alle Sekten; zumal die Symbole als Wiederholung der Schrift deren Würde erhalten und nicht einfach menschlich sind; (4) wenn die Bindung an die Schrift - wie sie die Vocationsurkunde verlangt - gegen die Bindung an die Symbole - wie sie das RE vorsieht - ausgespielt wird, indem letztere die erstere wiederholen, aber nicht festsetzen, entlarven sich die Neologen selbst, denn ein reines Wiederholen von biblischen Wörtern überläßt deren Auslegung der Beliebigkeit, erst ein Festsetzen der Auslegung der Bibel verhindert diese Gefahr; (5) kann ein Religionslehrer nach seinen individuellen Einsichten Fundamentalaussagen der Bibel auswählen, so gäbe es keinen Grund, "Jacob Böhme, Graf von Zinzendorff, Armin, Socin, Menno, Mohamed, Zoroaster" als prostestantische Lehrer abzulehnen, denn sie lehren durchaus einzelne biblische Grundeinsichten, und umgekehrt könnten lutherische Lehrer, wenn sie bestimmte Lehrpunkte ablehnen, gleichzeitig "Ponza, Molla, und Muffti werden".

Gegen die vier Vorschläge der Kollegen stellt Silberschlag fest: (1) wenn es verboten sein soll, die Grundwahrheiten anzuzweifeln, dann müssen diese allererst benannt werden, wodurch wieder Beliebigkeit zugelassen ist, und außerdem vorausgesetzt wird, daß die biblischen Wahrheiten bei ihrer Übertragung in die Symbole eine "Metamorphose" von göttlichen zu menschlichen durchmachen; (2) es genügt nicht, daß die "Kirchenlehrer" die Bekenntnisse nicht bestreiten, sondern sie müssen sie bekennen. Bleibt es dem Einzelnen überlassen, was er von den Bekenntnissen vertritt, entsteht Willkür und der "Religions-Zerrüttung" wird gerade nicht Einhalt geboten, wie es das Edikt will; (3) nicht die besonnene Forschung bringt "Wahrheit und Licht", sondern die "Übereinstimmung der Lehre mit dem Worte Gottes und ein gründlicher und deutlicher Lehrvortrag"; die Arroganz der Aufklärer, allererst Wahrheiten in der Bibel zu erschließen, ist völlig unbegründet; (4) wenn der Prediger nur die unstrittigen und oft wiederholten Anweisungen Jesu verkündigen soll, sind einige wohl bei der Beurteilung dessen, was dazu zählt, überfordert und es bleibt außerdem fraglich, was überhaupt als unstrittig übrig bleibt.

Diese Ausführungen Silberschlags machen deutlich, daß er - anders als seine Kollegen - dem Staat die Aufgabe zubilligt, gegen religiöse Neuerer vorzugehen, da diese den Zerfall der traditionellen Religion bewirken. Deshalb taucht auch bei Silberschlag zum ersten Mal in der Diskussion der Begriff Neologen auf, während zuvor immer nur von "Neuerern" oder "Neuerunssüchtigen" die Rede war. Ihrer progressiven Wahrheitsfindung hält er die Bindung an die überlieferte Lehre der Symbole entgegen, die die biblische Wahrheit angemessen und hinreichend festgelegt haben. Insofern bezeichnet Silberschlag seine Lehre als orthodox, auch wenn er sich von der Orthodoxie eines Johan Melchior Goeze wesentlich unterscheidet, indem er die Eigenständigkeit der Kirche gegenüber der Obrigkeit nicht festhält.(186) Indem Silberschlag Jacob Böhme und Graf von Zinzendorff mit Armin, Sozin, Menno, Mohamed und Zoroaster zu einer Gruppe zusammenfaßt, macht er deutlich, daß er innerhalb des Pietismus alle jene Gruppen ablehnt, die eine individuelle Gotteserkenntnis stark betonen und von daher eine staatliche Aufsicht über die christliche Lehre ablehnen.

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Zurück zum Text  184. GStA Merseburg, Rep 47, Tit 1, Heft 33, 62 - 65.

Zurück zum Text  185. GStA Merseburg, Rep 47, Tit 1, Heft 33, 61.

Zurück zum Text  186. Siehe zu Goeze und seiner Einstellung zum Verhältnis Staat - Kirche Graf, Profile, 23f

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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