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Priv.-Doz. Dr. Udo Krolzik: Das Wöllnerische Religionsedikt


3.2.5 Ergebnis dieser Auseinandersetzung

Im Verlaufe dieser Auseinandersetzung trat deutlicher der eigentliche Konfliktpunkt hervor. Beide Seiten stimmten in der Beurteilung der kirchlichen Verhältnisse in Preußen überein. Sprach das RE von der "zügellosen Freiheit" der Geistlichen, dem Herabwürdigen der Bibel und dem Verdächtigmachen der Geheimnisse des Christlichen Glaubens, so hieß es bei Spalding "der Ton der Frygeisterey", mutwilliges Spotten, Verderben der Moralität. Die Auswüchse der unter dem Namen Aufklärung sich ausbreitenden Beliebigkeit der Lehre und dessen Folge der Indifferentismus waren unübersehbar.

Einig war man sich auch bei der Analyse der Ursachen für diesen Zustand: Es waren die atheistischen, deistischen und naturalistischen Schriften der westeuropäischen Aufklärung, die über die Zeitschriften von geltungs- und neuerungssüchtigen Menschen verbreitet wurden. Während allerdings sowohl Friedrich Wilhelm II. und v.Woellner als Rosenkreuzer als auch Silberschlag mit seinem pietistisch-orthodoxem Hintergrund die gesamte Aufklärungstheologie damit treffen wollten, dürfte dies für v.Carmer nicht gelten, da er der Berliner Auklärung nahestand. Sein Mitarbeiter Carl Gottlieb Svarez, der eigentliche Verfasser der Resolution, und auch sein anderere Mitarbeiter Ernst Ferdinand Klein waren Mitglieder der Mittwochsgesellschaft ebenso wie Teller, Spalding, Diterich und Gedike.(187) Dies war wohl auch der Grund, weshalb die von den übrigen Verteidigern des REs benutzten Bezeichnungen "Neuerer", "Neuerungssucht", "Neologen" in der von ihm bzw. von seinem Mitarbeiter verfaßten Resolution der Ministerialkommission nicht auftauchten. Ebenso wenig setzten die Oberkonsistorialräte die westeuropäische Aufklärung mit der deutschen Aufklärungstheologie gleich, weshalb sie die Bezeichnungen RE 7 "Socinianer, Atheisten und Naturalisten" nicht auf sich bezogen(188), obgleich dieser Vorwurf ihnen immer wieder - sogar bis in die jüngste Theologiegeschichtsschreibung hinein(189) - gemacht wurde.

Aus den Auswüchsen in der Lehren folgt ein Indifferentismus, der wiederum Verwirrung und Unruhe stiftet und damit - so die Verteidiger des REs - die staatsbürgerliche Moral untergräbt. Für die Oberkonsistorialräte ist die schlechte Moral Verbündete dieser Lehren. Auf diesem Hintergrund ist nun der Staat gefordert einzugreifen und Grenzen zu setzen. Dahinter steht die Überzeugung, daß jede Kirchengesellschaft eine gesellschaftliche Aufgabe hat, mit der sie dem Staat und dessen Zweck dient. (190) Die Kirchengesellschaften sind für den Staat unentbehrliche Bedingung, damit er seinen Auftrag - zum gemeinen Besten zu dienen - erfüllen kann. Dazu bedarf es Menschen, die - wie es das Allgemeine Landrecht als Verpflichtung für die Kirchengesellschaften formuliert - "Ehrfurcht gegen Gott, Gehorsam gegen das Gesetz, Treue gegen den Staat und sittlich gute Gesinnungen gegen ihre Mitbürger" "eingeflößt" bekommen. (Teil II Titel 11 13) Zur Erreichung dieses Staatszieles sind die Kirchengesellschaften zugelassen und mit besonderen Privilegien ausgestattet worden. Sie sind - mit den Worten der Resolution - "öffentlich aufgenommene Corporationen" geworden. Diese aus dem naturrechtlichen Denken abgeleitete Auffassung des Kollegialismus teilen beide, die Vertreter und die Gegner des REs. Die Ministerialkommission sieht nun diese öffentliche Aufnahme durch einen "Grund-Vertrag" begründet, der in den Symbolen besteht. Die Symbole garantieren, daß die Kirchengesellschaften dem Staatsinteresse dienen.

Silberschlag stimmt dieser Auffassung ganz zu. Für ihn ist das göttliche Wort der Bibel in "göttliche Worte" der Symbole übergegangen. Angesichts des gemeinsamen Gegenübers in der Aufklärungstheologie kann er sich sowohl mit den Orthodoxen als auch den Rosenkreuzern zusammenfinden, soweit er diese als Orthodoxe ansehen kann.

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Zurück zum Text  187. Stölzel, Svarez, 178-186; Möller, Societies, 224; ders., Aufklärungsgesellschaften, 107; ders., Aufklärung, 229-238; nach Tschirch, Geschichte, 16f soll auch v.Woellner dazugehört haben, dahinter dürfte jedoch eine Verwechslung mit v.Woellners Mitgliedschaft im Montagsclub stehen.

Zurück zum Text  188. S. o. 3.2.1 zu Teller.

Zurück zum Text  189. S. etwa Valjavec, Geschichte, 161f.; Barth, Theologie, 142-45; Dabei weiß sowohl Valjavec als auch Barth, daß diese Kennzeichnung falsch ist: Valjavec, Geschichte, 162; Barth, Theologie, 76f.

Zurück zum Text  190. Vgl. hierzu Rieker, Stellung, 299f.; Theisinger, Irrlehrefrage, 136ff.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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