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Priv.-Doz. Dr. Udo Krolzik: Das Wöllnerische Religionsedikt


Die Überzeugung der Oberkonsistorialräte weicht von der der Minister ganz ab. Teller vertritt die Meinung, daß die Kirchengesellschaften - und damit sind im Allgemeinen Landrecht immer die einzelnen lokalen Kirchengemeinden gemeint(191) - selbst bestimmen, was die richtige Lehre ist, wobei die Staatsinteressen dadurch natürlich nicht gefährdet sein dürfen. Sack nimmt eine vom Staat festzustellende Lehrzusammenfassung an, wodurch dem Gezänk ein Ende bereitet und der Ungebundenheit eine Grenze gesetzt würde. Gemeinsam ist den Oberkonsistorialräten, daß dieser "Grund-Vertrag" nicht einfach durch die geschichtlichen Symbole einer "Kirchenpartei" gegeben ist, sondern durchaus sich in der Geschichte wandeln kann.

Deutlicher wird in der Auseinandersetzung, daß die Bindung der Lehre an die jeweiligen Symbole in ihrem ganzen Bestand die Gefahr birgt, daß die konfessionelle Polemik wieder auflebt. Deshalb legen v.Carmer und v.Woellner die Bindung an die Symbole als Bindung an die Grundwahrheiten aus, wie sie übereinstimmend in allen Bekenntnissen der Konfessionsverwandten ausgesagt werden. Diese Entwicklung ist schon im RE selbst angelegt, da es immer wieder - gerade auch bevor es die Bindung an die Symbole anordnet - von den Grundwahrheiten des christlichen Glaubens spricht, wodurch es eine Differenzierung in Fudamental- und sonstigen Artikeln voraussetzt.

Diese Differenzierung findet sich schon in den Werken Christoph Matthäus Pfaffs und Lorenz v.Mosheims(192), den sogenannten Übergangstheologen, die in dieser Überzeugung als orthodox galten(193). Damit dürfte diese Differenzierung in der 2.Hälfte des 18. Jahrhunderts durchaus einem Teil der Orthodoxie entsprochen haben.

Minister v.Dörnberg stimmt den fünf geistlichen Räten zu, die auch in einer Durchschnittsmenge der Aussagen aller Bekenntnisse eine unzulässige Absolutsetzung menschlicher Zeugnisse sehen. Sie akzeptieren als Grundwahrheiten nur die häufig wiederholten Anweisungen Jesu. Da sie überzeugt sind, daß diese Grundwahrheiten sich erst in einem Forschungsprozeß herausstellen werden, geben sie nirgends eine Liste dieser Grundwahrheiten. Dies ist für v.Carmer und v.Woellner dunkel und unbestimmt, denn damit läßt sich staatlich nicht den negativen Entwicklungen gegensteuern. Da für die Oberkonsistorialräte dieser Prozeß offen ist, lassen sie ein Gegensteuern nur im Sinne eines Verbotes der Verketzerung der Lehrsätze zu. Spalding neigt zu der Auffassung, daß durch ein Gewährenlassen die falschen und schädlichen Auffassungen sich selbst auflösen.

Es ist auch deutlich, daß obgleich beide Parteien ein gemäßigtes, rücksichtsvolles Forschen fordern bzw. zulassen, ein solches Forschen für die Oberkonsistorialräte eine ganz andere Qualität besitzt als für die Ministerialkommission. Für die Oberkonsistorialräte bedeutet Forschen, sich ohne Seitenblick auf die Dogmatik der Wahrheit zu nähern, und damit wäre ein Verschweigen der Erkenntnisse Heuchelei; anders für v.Carmer und v.Woellner, für sie sind die Grundwahrheiten schon da, die Forschung kann da keine wesentlichen neuen Erkenntnisse bringen, sondern nur vertiefen und erläutern.

Vergleicht man die Vorschläge der Oberkonsistorialräte vom 1.10.1788 mit den Voschlägen der Ministrialkommission in der Resolution, so fällt auf, daß es eigentlich nur einen Differenzpunkt gibt: Beide wollen keine konfessionelle Polemik, sondern stattdessen die christliche Sittenlehre verkündigen, aber während die Oberkonsistorialräte allgemein von den Anweisungen Jesu sprechen, wollen die Minister die in den Konfessionen übereinstimmenden Aussagen über Person und Verdienste Christi festgehalten wissen.

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Zurück zum Text  191. Theisinger, Irrlehrefrage, 126.

Zurück zum Text  192. Vgl. Hirsch, Geschichte II, 336-370; Krumwied, Geschichte, 84; Gericke, Theologie, 77f.

Zurück zum Text  193. Immerhin wird Mosheim in dem Streit um die Symbole in den 70er Jahren von orthodoxen Vertretern als einer der ihren genannt; s. ADB, Anhang zu dem 13.-24. Band, 1.Abt., 58.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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