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Priv.-Doz. Dr. Udo Krolzik: Das Wöllnerische Religionsedikt


3.3 Reaktion Johann Salomo Semlers (1725 - 1791)

Die Reaktionen auf das RE waren auch außerhalb des Oberkonsistoriums schnell und heftig. Die Sammlungen und Rezensionen der Schriften in den "Neuesten Religionsbegebenheiten" von 1789 und 1790 und durch Heinrich Philipp Conrad Henke (194) zeigen, daß die Aufnahme des RE"s von Anfang an äußerst ablehnend war. Es war keineswegs so , daß - wie Valjavec schreibt (195) - "die Gegenseite ... erst allmählich auf den Plan" trat und "erst seit dem Ausbruch der Französischen Revolution ... sich der Ton der Auseinandersetzung, die Schärfe der gegnerischen Äußerung verstärkt" hat. Die positiven Darstellungen des RE"s waren fast durchweg Reaktionen auf die Angriffe oder kamen von außerhalb Preußens.(196) Die Angriffe auf das RE haben schon vor der Französischen Revolution den Eindruck erweckt, "aufrüherisch" zu sein(197) und haben schon im September 1788 gerichtliche Untersuchungen gegen Verfasser und Zensoren bewirkt. (198)

Auf diesem Hintergrund wird das Erstaunen verständlich, daß Semlers positive Stellungnahme zum RE auslöste,(199) galt er doch als Bahnbrecher der "aufgeklärten Theologie". Semler hat in seiner "Vertheidigung des königlichen Edikts vom 9ten Jul. 1788 wider die freimüthigen Betrachtungen eines Ungenannten" (1788) Stellung bezogen gegen die noch im August 1788 anonym veröffentlichte Schrift " freymüthige Betrachtung über das Edikt vom 9ten Julius 1788. Die Religionsverfassung in den preußischen Staaten betreffend". Diese Schrift, deren Verfasser - wie allgemein bekannt(200) - der Professor am Joachimsthaler Gymnasium Peter Villaume war, fand so reißenden Absatz, daß sie mehrere Auflagen und noch im selben Jahr eine Ergänzung als "Zweytes Stück" erfuhr.(201) Villaume stellte in seiner Schrift drei Fragen:

1. "Kann das Dogmatische in der Religion jemals ein Gegenstand von Verordnungen werden?"

2. "Hat der Staat ein Recht über Religion zu gebieten?"

3. "Kann man einem schwankenden Religionssystem durch Edikte und Verordnungen mit gutem Erfolg zu Hilfe kommen?"

Er beantwortete alle drei Fragen mit einem klaren Nein!

Die Begründungen, die Villaume gab, brauchen hier nicht im Einzelnen dargelegt zu werden, da es nicht darum geht, die Auseinandersetzung um das RE nachzuzeichnen, sondern nur Semlers Stellungnahme verstanden werden soll, um so zu begreifen, wie ein "Bahnbrecher" der Aufklärung sich auf der Seite der Aufklärungsgegner wiederfand.

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Zurück zum Text  194. Religionsbegebenheiten 12, 1-115.281-309.405-453. 700ff.; Religionsbegebenheiten13, 48-72.79-95; Henke, Beurteilung aller Schriften, welche durch das königlich-preußische Religionsedikt und durch andere damit zusammenhängende Religionsverfügungen veranlaßt sind, ursprünglich: ADB, 114 u. 115, sep. gedruckt Kiel 1793, Reprint Königstein 1978.

Zurück zum Text  195. Valjavec, Religionsedikt, 388; vergleiche seine Beurteilung, 387. Dazu paßt Valjavecs eigene Beobachtung (387) nicht, daß Semlers positive Stellungnahme "Überraschung" auslöste.

Zurück zum Text  196. Vgl. auch die bibliographische Zusammenstellung der das RE betreffende Schriften in: Neueste Religionsbegebenheiten, 1789, 1 - 115, die vor allem die positiven Darstellungen berücksichtigt.

Zurück zum Text  197. S. Henke, Beurteilung, 119; siehe auch die Kabinettsorder vom 10.09.1788 an v. Carmer, GStA Merseburg, Rep 47 Tit 1 Heft 33, 28.

Zurück zum Text  198. S. GStA Merseburg, Rep 47 Tit 1 Heft 33, 40 ff. Es handelt sich dabei um das zweite Fragment "Über Aufklärung. Was hat der Staat zu erwarten - was die Wissenschaft, wo man sie unterdrückt..." 2. unveränderte Aufl. 1788. Als Verfasser dieser anonym veröffentlichten Schrift galt allgemein der reformierte Prediger am Waisenhaus in Berlin Andreas Riem; der anschließende Prozeß ist in seinen Akten veröffentlicht in: Berlinische Journal über Gegenstände der Geschichte, Philosophie, Gesetzgebung und Politik, Bd. 1, Berlin 1791, S. 91-112; wieder abgedruckt in: Acten 3, 78-96. Riems Behauptung, daß schon vor Erscheinen des Ediktes nämlich 1786 die Schrift erstellt worden war (GStA Merseburg Rep 47 Tit 1 Heft 33, 40), ist nicht völlig ausgeschlossen, auch wenn einige Aussagen es nahelegen, daß das Edikt schon erschienen war. Aber die einige Jahre zuvor ausgegebene Preisfrage der Akademie, "was von Volkstäuschungen zu halten sey, ob man sie fördern, oder ihnen entgegen arbeiten solle?" hatte einige Schriften über Aufklärung provoziert, worunter auch dieses und das erste Fragment gewesen sein könnten. Auf alle Fälle bekamen diese Fragmente jetzt ein neues Gewicht und lösten nicht nur Gegenschriften, sondern auch das Eingreifen des General Fiscal aus (GStA Merseburg Rep 47 Tit 1 Heft 33, 41). Zu Riem vgl. Gabriel, Theologie, 74ff; zu dem Vorgang s. unten zur Pressezensur.

Zurück zum Text  199. S. Art. Woellner, REł, 432.

Zurück zum Text  200. Henke, Beurteilung, 115.

Zurück zum Text  201. Henke, Beurteilung, 114f.; vgl. Schwartz, Kulturkampf, 118.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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