fachpublikation.de

Hauptseite fachpublikation.de

Verzeichnis aller Publikationen

Verzeichnis aller Autoren

Schlagwortverzeichnis

Dokumente kostenlos publizieren
 

Impressum fachpublikation.de

 

 

Priv.-Doz. Dr. Udo Krolzik: Das Wöllnerische Religionsedikt


Semler stellte heraus, daß sich das RE nur an die Lehrer des Christentums, die Prediger und Schulmänner (13, 29, 77), wende. In ihrem Amt als Lehrer der öffentlichen Religion seien sie gebunden, denn es gehe dem RE um Bestandsschutz der Hauptkonfessionen. Nur deshalb könne keine Lehrfreiheit bestehen! Henkes Einwand, daß das RE mehr wolle, nämlich für das Seelenheil zu sorgen(202), und damit Semlers Interpretation und Ehrenrettung des RE"s hinfällig sei, übersieht, daß in 2.I gerade die Sorge um das Seelenheil dem Einzelnen überlassen ist (s.o. zu Teller). Er kann sich allerdings auf 7 am Ende berufen, wo davon die Rede ist, daß durch die zügellose Verkündigung "den Unterthanen die Ruhe ihres Lebens und der Trost auf dem Sterbebette" geraubt würde. Diese Sorge muß jedoch als Sorge um eine feste Ordnung verstanden werden, die dem Untertan eine gute Lebensführung erlaubt, die sich in einem getrösteten Sterben vollendet (s.o. zum RE 7f.). Insofern trifft Semler wohl eher als Henke die Absicht des Ediktes, wenn er seine politische und nicht nur theologische Zielrichtung betont.(203)

Nach Semler ist die öffentliche Religion durch den Staat zu sichern, da sie Grundlage der privaten Religion des Einzelnen ist, wobei der Einzelne die eigenen Erkenntnisse so oder so für sich anwenden kann (59). Nicht alle Christen müssen alle in den Bekenntnissen enthaltenen Dogmen glauben, aber alle Dogmen der Bekenntnisse müssen gelehrt werden. Diese Freiheit, sich von der historischen oder äußerlichen Religion zu distanzieren, können und wollen die Oberkonsistorialräte für sich gerade nicht in Anspruch nehmen. Sie sehen darin eine doppelte Wahrheit, eine Heuchelei. Statt eine Unterscheidung von öffentlicher und privater Religion wollen sie eine Übereinstimmung beider.

Den Gesetzgeber interessiert nach Semler nur die öffentliche Religion seiner Kirchenlehrer (9.13.15.70.92 u.ö.), denn über sie sichert er den Bestand der Religionsgesellschaften. Um dies zu erreichen, bedarf es einer Religionsordnung, zu der auch eine normative Kirchenlehre gehört, die ebenso bindet wie die Zivilordnung (118.133). Dabei ist es nicht der Wortlaut der Symbole, an den der Prediger gebunden ist, sondern der Inhalt. "Der Inhalt der symbolischen Bücher ist der immer fortdauernde Grund einer jeden Partei wider alle andre Religionsparteien oder Geselschaften. Dieser Inhalt ist nicht das Symbolum selbst, ..., sondern ihr Sinn". (89) Später (1792) formuliert er noch prägnanter: "Die allein seligmachende christliche Religion kann ihrer Wirkung nach in keine Formeln eingeschlossen werden, weil niemand Gott ausschließen kann, wenn Menschen ihn suchen".(204) Dabei übersieht Semler jedoch, daß das RE einerseits das Symbol selbst und nicht nur seinen Sinn meint und andererseits gleichzeitig nicht das Gegeneinander der Religionsparteien festschreiben will.

Die in dieser Verteidigungsschrift vertretene Auffassung Semlers bricht nicht mit seinen bisherigen Überzeugungen, so daß er nun im Alter orthodox geworden wäre, wie immer wieder behauptet wird.(205) Die Ausführungen Semlers sind auch nicht Ausdruck seiner Unehrlichkeit, wie Aner herausstellt, (206) der davon ausgeht, daß Semler als Mann der Mitte sich nicht festlegte, sondern mal freie und mal orthodoxe Positionen bezog, je nachdem was gefragt war. Die Ausführungen der Verteidigungsschrift sind vielmehr in seinem bisherigen Denken angelegt(207) und schon in den 60er Jahren deutlich ausgesprochen(208). So hat Semler in seiner Lebensbeschreibung (1782) deutlich gemacht(209), daß er mit seiner historischen Arbeit bezogen auf die Symbole herausarbeiten wollte, daß Glaubensartikel historisch bedingt seien - sowohl in ihrer Form als auch in ihrer Sprache (204f ) - und dementsprechend auch gegenwärtigen Zeiten angepaßt werden können (207), was allerdings zu Lehrstreitigkeiten führe. Symbole beenden diese Gelehrten- "Zankereien" und verhindern, daß sie wiederholt werden (216). Dabei ist nicht zu erwarten, daß alle Gläubige unter gemeinsame Symbole vereint werden (198.216), aber "sie sorgen für äusserliche jetzige Ruhe und Ordnung so vieler Lehrer und Prediger und Kirchen, wider eben solche jetzige Uebertreibungen einiger einzelen Köpfe und Lehrer, und weisen diesen solche Schranken des öffentlichen Unterrichts an; durch welche jene Zänkereien über besondre Theorien nun ausgeschlossen und verhindert werden. Wenn ein Lehrer öffentlich wider diese Vorschriften dennoch handelt, die ihm gegeben worden waren: so sol er nicht ferner Lehrer in dieser Geselschaft seyn; damit er nicht noch mehr Zerrüttungen anrichte. Ich dächte, ganz recht. Und dis wollen Protestanten Gewissenszwang nennen? Gewissensfreiheit ist also nicht mehr für den Privatchristen da, wenn die Geselschaft einem öffentlichen Lehrer eine öffentliche Ordnung vorschreibt, worin er sein öffentlich Amt vorsichtig, relate auf solche Unruhen, führen sol? Freilich, wenn geradehin Theologi allein das Recht hatten, symbolische Bücher in Absicht ihrer Anwendung zu bestimmen: so wäre dis wol der Fal, für alle andre, die bloß den Theologis unterworfen wären; so wie umgekert, tägliche öffentliche Zerrüttung und Unordnung entstünde, wenn in der Geselschaft gar keine gemeinschaftlichen Grundsätze und Vorschriften für ihre öffentlichen Lehrer da wären; so könte die Geselschaft gar nicht zusammengehören, sondern erwartete erst eine solche Einrichtung. Alle Klagen also, theils über die Verachtung der symbolischen Bücher, (wenn Christen selbst denken;) theils über die zu große Autorität derselben, bis zur Beschwerung des Gewissens eines guten lutherischen Lehrers, (der noch sein öffentlich Amt füren wil,) beruhen auf einer unwahren Vorstellung beider Theile. Wenn die landesherrliche Regierung aber das Wohl der kirchlichen Geselschaft wirklich behauptet: so können beide Theile ihre Vorstellungen frey behalten, und weder Theologi können äusserliche Mittel übel gebrauchen, noch solche Misvergnügte ein mehrers verlangen, als die eigene Freiheit ihrer Einsichten." (217f.) Es ist also Aufgabe des Landesherrn, theologisch nicht entscheidbare Lehrstreitigkeiten zu beenden, damit Einigkeit hergestellt wird und so "Ruhe und Wohlstand der lutherischen Kirche befördert wird" (214).

Seite zurück  Eingangsseite  Inhaltsverzeichnis  Seite vor

Zurück zum Text  202. Henke, Beurteilung, S.137f.

Zurück zum Text  203. Karowski, Bekenntnis, 84, behauptet, Henke habe diese Differenz zu Semlers Verteidigung des RE"s nicht gesehen. Karowski geht davon aus, daß das RE in 7.8 ein dogmatisches Problem benennt. Die ganze Diskussion deutet m.E. eher auf ein politisches und kirchenrechtliches Interesse hin.

Zurück zum Text  204. Zitat aus Semlers Letztes Glaubensbekenntnis, wiedergegeben bei Aner, Theologie, 111 A1.

Zurück zum Text  205. So etwa schon Eichhorn, siehe Zitat bei Aner, Theologie, 101.

Zurück zum Text  206. Aner, Theologie, 102. Aner ist in seinem Urteil über Semler merkwürdig zwiespältig, indem er ihn einerseits als Mann der Mitte (99) bezeichnet, der nie Neologe war (98.102), andererseits ihm vorwirft, daß er die gleichen Ansichten wie der radikale Aufklärer Bahrdt vertreten habe, so daß er schon 1779 in der Auseinandersetzung mit dem Glaubensbekenntnis von Bahrdt wie auch jetzt in der Auseinandersetzung um das Woellnersche RE unehrlich ist, wenn er nunmehr orthodoxe Positionen vertritt. Schmidt, Art. Aufklärung II, 601, spricht von "Heuchelei und Doppelzüngigkeit".

Zurück zum Text  207. So auch Hornig, Semler, 80.

Zurück zum Text  208. S. Hornig, Anfänge, 183f.

Zurück zum Text  209. Semler, Lebensbeschreibung II, 194 - 219, vgl. auch seine Prolegomena zu seiner Schrift: Apparatus ad Libros Symbolicos Ecclesiae Lutheranae, 1775. In seiner Lebensbeschreibung hebt Semler stärker als in den Prolegomena 15f. den normativen Charakter der Symbole aufgrund des landesherrlichen Befehls hervor.

 

Seite zurück  Eingangsseite  Inhaltsverzeichnis  Seite vor


Home | WorldWideBooks | imMEDIAtely


Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
Bei Fragen und Anregungen zu dieser Website wenden Sie sich bitte an: webmaster@fachpublikation.de