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Priv.-Doz. Dr. Udo Krolzik: Das Wöllnerische Religionsedikt


Auch Sack hatte in seinem "Pro Memoria" dem König das Recht und sogar die Pflicht zuerkannt, das Gezänk der Theologen durch Lehrentscheidung zu beenden. Anders als bei Semler rechtferigte dieses Zugeständnis bei Sack nicht die Verpflichtung auf die Symbole durch den Landesherrn. Von daher gewinnt man den Eindruck, daß Sack der Überzeugung war, daß der Landesherr immer wieder durch Entscheidung strittiger Fragen eine Lehrzusammenfassung ermöglichen und damit eine gewisse Ordnung herstellen müsse, während Semler durch die Rechtfertigung des Rückgriffs auf die Symbole, also auf eine dritte autoritative Größe eine höhere Verbindlichkeit und größere Beharrung legitimierte.

Genauso wie in seiner Verteidigungsschrift hat Semler auch in seiner Lebensbeschreibung der Beurteilung des Landesherren - dessen ureigene Aufgabe es ist - es überlassen zu entscheiden, was der Förderung des Staates dient, und wann ein Eingreifen in die Lehrstreitigkeiten notwendig wird, und ob dazu eine Lehrformel verbindlich gemacht werden muß (212 ff). "Theologi konten nach ihrer Einsicht lehren, die subscriptio sol und mus durch quia geschehen; und andre lehreten, sie kan und mag durch quatenus geschehen; nun stund es geradehin bey der Regierung, welche Meinung sie täthig gelten lassen wolte." (214)(210) Würden Kirchenlehrer festlegen, welches die normative Kirchenlehre ist, käme es zu Gewissenszwang, da aber die normativen Kirchenlehre durch den Landesherrn festgelegt wird, bleibt sie äußerlich und dem einzelnen die freie Religionsgesinnung erhalten.

Hiermit läßt sich der Vergleich des Predigers mit dem Gesetzeslehrer aus der Diskussion mit den Oberkirchenräten gut verbinden: nach Semler hat der Religionslehrer - um der Ordnung willen -, die vom Landesherrn als normativ ausgewählte Kirchenlehre treu zu verkündigen. Seine eigene Einstellung bleibt ihm durchaus frei. Sie kann nur nicht Grundlage der Religionsgesellschaft werden.

Dahinter steht Semlers Unterscheidung zwischen Privattheologie, d.h. dasjenige theologische Erkennen, "wozu jeder denkende Mensch ein wirkliches Recht hat" (211), und der kirchlichen Theologie, dem dogmatischen System. Die Privattheologie richtet sich auf die Grundwahrheiten, die "Fundamentalartikel" der christlichen Religion, denen die kirchliche Theologie ebenfalls entspringt, aber zu denen diese in einem sekundären Verhältnis steht. Während die Fundamentalartikel nach Semler auf Aneignung, Mitteilung und Teilhabe an der christlichen Wahrheit gerichtet sind - es ist auffällig, wie inhaltliche, lehrmäßige Aussagen dabei zurücktreten -, dient die kirchliche Theologie der "Beförderung der äußerlichen Einigkeit der kirchlichen Gesellschaften".(212) Sie hat also kirchengründende und -erhaltende Funktion. Damit tritt auch der politische Aspekt der kirchlichen Theologie und ihres Systems hervor. Die kirchliche Theologie befördert "den großen Vorzug der Kirche, ohne welche der Staat sich daneben nicht erhalten kann".(213) Damit ist Semler ganz im Sinne der kollegialistischen Staatsauffassung, wie sie die Ministerialkommission gegenüber den Oberkonsistorialräten vertrat, der Überzeugung, daß die Rechte der Kirche dem Landesherrn übertragen sind, und er diese bei Lehrentscheidungen wahrnimmt, weil die Kirche staatserhaltende Funktion hat.

Die Kritik an der kirchlichen Theologie, so wie sie Semler durch die Bestimmung der Privattheologie vornimmt, könnte auf diesem Hintergrund zu einer Kritik der kirchlich-politischen Verbindung werden. Dies geschieht bei Semler nicht, weil er nicht das System und die Lehre überhaupt kritisiert, sondern nur deren totalen Anspruch, also "diejenigen Züge, die die Feiheit des einzelnen und damit der `moralischen Geschichte´ nicht zulassen wollten."(214) Indem die kirchliche Theologie nicht nur sekundär gegenüber der Wahrheit der Fundamentalartikeln ist, sondern auch auf die Lehrentscheidungen des Landesherrn zurückzuführen ist, bleibt sie "rein" äußerlich und verliert ihren totalen Anspruch. Demgegenüber kann der radikale Freiheitswille der Aufklärungstheologie dazu führen, einen neuen totalen Anspruch aufzurichten. Die Kritik der kirchlichen Theologie führt bei Semler also zu dem Verzicht, sich das ganze der christlichen Wahrheit aneignen zu wollen, und damit zur Anerkenntnis des "Lokalcharakters aller Lehre". Damit ergibt sich aus seiner Kritik der kirchlichen Theologie auch eine Kritik des Anspruchs der Aufklärungstheologie.

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Zurück zum Text  210. Vgl. Henkes, Beurteilung, 140, unangemessene Kritik an Semlers Verteidigungsschrift zu dieser Einschätzung der landesherrlichen Urteilskraft.

Zurück zum Text  211. Semler, Versuch, 181; vgl. dazu und zum folgenden Rendtorff, Kirche, 36ff.

Zurück zum Text  212. Semler, Versuch, 7.

Zurück zum Text  213. Zitat von Semler bei Rendtorff, Kirche, 46; damit behauptet Semler nicht nur eine Analogie von kirchlicher und staatlicher Ordnung - wie Rendtorff feststellt-, sondern eine Abhängigkeit der staatlichen von der kirchlichen Ordnung.

Zurück zum Text  214. Rendtorff, Kirche, 47.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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