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Priv.-Doz. Dr. Udo Krolzik: Das Wöllnerische Religionsedikt


3.4 Auswertung der Auseinandersetzung

Die bisherige Untersuchung hat gezeigt, daß die Auseinanderetzung um das RE in die Gruppe der Neologen eine klare Differenzierung eintrug. So trat Semlers konservative Grundhaltung hervor, die eine staatliche Ordnung erhalten und stützen wollte, und eine allmähliche Umwandlung allen raschen und größeren Neuerungen vorzog. Deshalb ist ihm auch das Symbol als Teil der Ordnung - aber nur als solches - verbindlich. Kann man Semler nicht einen Bruch mit seinem früheren, freieren Denken oder eine Wende zur Orthodoxie unterstellen, so wird schon an ihm deutlich, daß die Vertreter des RE`s nicht nur orthodoxe Theologen waren.(217) Semlers Auffassung, daß nicht Kirchenlehrer, sondern Landesherren die Kirchenlehre normieren, und Kirchenlehre damit immer nur äußerlich bleibt, wäre einem orthodoxen Theologen wie etwa dem Hamburger Hauptpastor Goeze ganz unerträglich.(218) Und wie ließe sich Semlers Auffassung von den "kirchlichen Grundartikeln" als eines Vertrages(219) mit Goezes Auffassung von der Kirche als Stiftung Gottes vereinbaren?

Silberschlag, der Verteidiger des RE`s im Oberkonsistorium, war Vertreter einer pietistischen Theologie, die nicht nur ihre alte Frontstellung gegen die Orthodoxie zugunsten des neuen Gegenübers: Aufklärungstheologie aufgegeben, sondern sogar orthodoxe Haltungen und Lehrmeinungen übernommen hat als "Anker" in der hereinbrechenden Flut der Aufklärungstheologie. Der Minister v.Woellner war orthodox nicht im Sinne der konfessionellen Streitereien. Indem er Grundwahrheiten annahm, die allen Bekenntnissen gemeinsam sind, und die sittliche Kraft des Christentums - also ein praktisches Christentum - betonte, war er offen für pietistische Überzeugungen. Er war jedoch ausgesprochen altgläubig in seiner Wertschätzung dogmatischer Systeme als kirchenbildende Kraft. In dieser Wertschätzung traf er sich mit dem Minister v.Carmer.

Verfasser und Verteidiger des RE`s waren davon überzeugt, daß in einem Staat die überkommene Grundordnung erhalten bleiben muß. Dies gilt auch für die Religion. Es ist Aufgabe des Landesherrn, diese Ordnung festzustellen und zu erhalten. Gelingt das nicht, werden die tradierten politischen Institutionen zerstört, die kirchliche Autorität löst sich auf und ein ethischer und religiöser Pluralismus wird freigesetzt, wodurch zwangsläufig Verfallserscheinungen sich einstellen. Am deutlichsten wird dieser Verfall als moralischer. Deshalb ist es auch von besonderer Bedeutung, die religiöse Ordnung zu schützen. Dabei sind auch v.Woellner, v.Carmer und Semler für Reformen zugänglich. Diese Reformen müssen jedoch in die Grundordnung eingepaßt sein, was nur von der politischen "Machtelite" beurteilt werden kann. Die Bereitschaft für moderate, staatlich genehmigte Veränderungen läßt sich nicht nur für Woellners Prinzenvorträge N_220_">(220), v.Carmers Gesetzesentwürfen(221), Semlers theologischen Forschungsergebnissen(222) zeigen, sondern auch an der Reduzierung der Lehrnormen der Symbole auf die gemeinsamen Grundwahrheiten im Verlauf der Diskussion um das RE zwischen Ministerkollegium und den Oberkonsistorialräten. In die gleichen Richtung weist die Fortentwicklung des Begriffes der "geduldeten Kirchengesellschaften" im Allgemeinen Preußischen Landrecht ( 20.21). Die Betonung im RE und in der folgenden Diskussion, daß die Symbolischen Bücher Grundlage einer staatlichen Genehmigung von Corporation sind, hat den Weg freigemacht zur Neuzulassung von religiösen Gruppen, wenn sie den Nachweis liefern, daß sie das lehren, was vom Staat von einer jeden Kirchengesellschaft verlangt wird.

Mit der Reduzierung der Lehraussagen der Symbole auf die Grundwahrheiten stimmen die Verteidiger des REs mit den Oberkonsistorialräten überein. Letztere wollen diese Grundwahrheiten jedoch nicht dogmatisieren, sondern nur als Stufen in einem Prozeß verstehen, der grundsätzlich offen zu halten ist.

Die starke Betonung der politischen "Machteliten" für die Aufrechterhaltung der Staatsordnung impliziert eine negative Bewertung der Öffentlichkeit, der "Untertanen". Sie bedürfen eines Rahmens und damit eines sicheren Maßstabes für ihr eigenes Wohl. So wird in einer Schrift das obrigkeitliche Recht, "Lehrer an ein gewisses System zu binden", damit begründet, daß "in einer jeden Gemeine ... ungefähr die Helfte, die eigentlichen Kinder ungerechnet, noch gar kein System, keine sichern Grundsätze (hat). Diese Leute leben in Unwissenheit, in Gedankenlosigkeit, oder sie wanken zwischen allerley Meynungen hin und her."(223) Ansichten, die dem Volk ein eigenes Urteil über sinnvolle und wertvolle Ordnungen zutrauen, werden als aufrührerisch angesehen(224). Folgt man der Begrifflichkeit Epsteins, so könnten die Vertreter dieser Position "Reformkonservative" genannt werden. Epstein rechnet den größten Teil der Oberschicht der protestantischen Geistlichkeit dieser konservativen Gruppe zu. (225) Dies trifft allerdings auf dem Hintergrund des bisher Gesagten nicht zu.

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Zurück zum Text  217. Die Auffassung, daß die Vertreter und Verteidiger des REs orthodox ausgerichtet waren, wird immer wieder in der Literatur vertreten, besonders auch in Arbeiten, die sich nicht direkt mit dem RE, sondern mit anderen Themen der Zeit befassen; vgl. z.B. Graf/Tanner, Philosophie, 97, die außerdem das Erscheinen des RE`s fälschlicherweise auf 1786 datieren.

Zurück zum Text  218. Zu Goeze vgl. Kopitzsch, Orthodoxie, 73ff.

Zurück zum Text  219. Zu Semler vgl. auch Hirsch, Geschichte IV, 80.

Zurück zum Text  220. Epstein, Ursprünge, 415.

Zurück zum Text  221. Stölzel, Svarez.

Zurück zum Text  222. Hirsch, Geschichte IV, 79-82; Wallmann, Kirchengeschichte, 168.

Zurück zum Text  223. Das Recht der Fürsten, die Religionslehrer auf ein feststehendes System zu verpflichten, Leipzig 1789, 14f.; Auf Grund der Unterschrift der Vorrede dieser Schrift stammt sie von dem Prediger Daniel Joachim Köppen. Diese Schrift ist auch deshalb interessant, weil sie bewußt das RE "aus politischen Gründen, nur allein als Staatssache" verteidigt. (S.3)

Zurück zum Text  224. S. Henke, Beurteilung, 119; Kabinettsorder vom 10.9.1788 an v.Carmer: GStA Merseburg Rep 47 Tit 1 Heft 33, 28.

Zurück zum Text  225. Epstein, Ursprünge, 75; Epstein ist selbst höchst zwiespältig; denn er spricht an anderer Stelle vom religiösen Radikalismus der Aufklärungstheologie (174) und bezeichnet ihre sämtlichen Vertreter als Rationalisten. Dies läßt sich allerdings an den Quellen so allgemein nicht belegen.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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