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Priv.-Doz. Dr. Udo Krolzik: Das Wöllnerische Religionsedikt


Tellers Auffassung unterscheidet sich wesentlich von dieser Gruppe. Er ordnet das Urteil über die richtige Lehre der Gemeinde zugeordnet wird. Damit wird dem Untertan ein Urteilsvermögen zugetraut, das sonst nur der Obrigkeit zugestanden wurde. Symbole würden nicht durch die Obrigkeit in Kraft gesetzt, sondern durch die Zustimmung eines ganzen Volkes oder doch zumindest eines großen Teils, wie es eine der ersten Schriften gegen das Edikt - die "Freymüthigen Betrachtungen über das Edikt vom 9ten Julius 1788. die Religionsverfassung in den Preußischen Staaten betreffend" - von 1788 forderte (226). Der Prediger wie die Obrigkeit dürften den mündigen Bürger nicht bevormunden bei seiner Suche nach der Wahrheit. Der Prediger würde vom Staatsbeamten zum Gemeindediener, der die Gemeindeglieder bei der Wahrheitssuche berät und unterstützt.

Sack, Büsching und Diterich, aber auch v.Dörnberg gestehen dem Staat eine ordnende Rolle zu, die aber nicht in der Wahrung alter Ordnungen besteht, sondern in der Ermöglichung einer Suche nach Überzeugungen, die tragfähig für eine Gesellschaft sind. Deshalb sind die Symbole nicht Zielpunkt, sondern Ausgangspunkt für eine Suche nach tragfähigen Lehrordnungen. Der Suchprozeß muß von einer Führungsschicht getragen und immer wieder geöffnet werden. Negative Erscheinungsformen werden sich dabei selbst auflösen oder müssen wie eine "langsam entstandene Krankheit"(227) langsam kuriert werden. Ein staatliches Eingreifen ist eigentlich nur notwendig, um zerstörerische Kräfte zu hindern. Der Vielfalt der Lehre muß staatlicherseits nicht durch Setzung von Normen gewehrt werden. Vielfalt wird nicht als Gefahr gesehen, sondern als Ausdruck einer freien Suche nach der Wahrheit.

Der Streit um das RE zeigt, daß es bei den theologischen Positionen auch um politische Konsequenzen ging. Das RE ist Kristallisationspunkt für die Reaktionen auf gesellschaftlich-politische Veränderungen, die in der Theologie und Pfarrerschaft der Aufklärung deutlich hervortraten. Dabei geht es um die Frage, ob Neuerungen Verwirrung und damit Schwächung der staatsbürgerlichen Moral schaffen und deshalb nur sehr moderat vom Landesherrn zugelassen werden dürfen, oder ob Neuerungen Kennzeichen einer progressiven Gesellschaft sind, in der Auswüchse der weniger weitblickenden Massen beschnitten werden müssen, oder ob Neuerungen der Pool sind, aus dem die Glieder einer Gesellschaft die besten Möglichkeiten auswählen.

Die weitere Diskussion zeigt, daß mit dem Kampf gegen die Aufklärung auch immer vermutete oder tatsächliche Infragestellungen der absolutistischen Staats- und Gesellschaftsordnung unterdrückt werden sollen.

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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