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Priv.-Doz. Dr. Udo Krolzik: Das Wöllnerische Religionsedikt


4 Weitere religionspolitische Versuche der Stützung des Absolutismus

4.1 Zensuredikt

In dem Schreiben, mit dem Friedrich Wilhelm II. die Besorgnisse der fünf Oberkonsistorialräte am 10.9.1788 an den Großkanzler v.Carmer übersendet, bemerkt er, daß die "Preßfreiheit in Berlin in Preßfrechheit ausartet, und die Büchercensur völlig eingeschlafen ist, mithin gegen das Edict allerlei aufrührerische Scharteken gedruckt werden."(228) Deshalb fordert der König v.Carmer auf gegen die Buchdrucker und Buchhändler "sofort Fiscum zu excitieren" und Vorschläge zu machen, wie die Bücherzensur verbessert werden kann, so daß "die Zügellosigkeit der jetzigen sogenannten Aufklärer" besser begegnet werden kann. Wie ein Schreiben v.Woellners vom 5.9. an den König zeigt, hat er diese Kabinettsorder entworfen.(229) Danach war es v.Woellners Absicht, durch die Verschärfung der Bücherzensur zur Durchführung des RE`s beizutragen. Daß die Zensur ein möglicher Ansatz für die Verbesserung des Zustandes der Religion in Preußen sein könnte und damit dem eigentlichen Anliegen des RE`s entspräche, hatte schon Sack in seinem "Pro Memoria" vom 26.8.1788 angedeutet (13). Denn die "Preßfreiheit" war in Berlin unter Friedrich d.Gr., wie Lessing 1769 an Nicolai schrieb, auf die Freiheit reduziert, gegen die Religion soviel Sottisen zu Markte tragen zu dürfen wie man wolle.(230)

Wirkliche Pressefreiheit hatte es in Preußen jedoch bis dahin nicht gegeben. Noch 1784 wurde unter Friedrich II. jede öffentliche Kritik an Hof, Verwaltung usw. untersagt und der Jurist Ernst Ferdinand Klein kritisierte 1784 indirekt die Praxis der Pressezensur unter dem alten Friedrich, indem er in der Berlinischen Monatsschrift unter dem Titel "Ueber Denk- und Druckfreiheit. An Fürsten, Minister und Schriftsteller" die Aussagen des jungen Friedrich über die Pressezensur und Denkfreiheit überschwenglich lobte, und ihn so an den eigenen Maximen maß, ohne dies direkt auszusprechen.(231) So zitierte er Friedrich II.: "Was mich betrift so wünsche ich ein edles, kühnes, freidenkendes Volk zu beherrschen, ein Volk, das Macht und Freiheit hätte, zu denken und zu handeln, zu schreiben und zu sprechen.."(232) alles solle in seinen Staaten "frei und öffentlich gelehrt werden können, was nicht geradezu wider den Staat, die guten Sitten und die allgemeine Religion streitet".(233)

Friedrich Wilhelm II. Forderung an den Großkanzler, gegen die "Scharteken", die wider das Edikt gedruckt wurden, mit der Bücherzensur vorzugehen, ist also formal gegenüber dem Vorgehen unter Friedrich d.Gr. nichts Neues; denn es wird nur die Kritik an der königlichen Gesetzgebung verboten.(234) Neu ist jedoch der Einsatz der Zensur gegen die Aufklärung, indem besonders die Schriften gegen das RE verfolgt werden sollen.

Wahrscheinlich hat v.Carmer am 20.9.1788 aufgrund der Kabinettsorder vom 10.9. das Kammergericht und den Generalfiskal sowie die Landesjustizkollegien in den Provinzen angewiesen, gegen Drucker und Verbreiter von Schriften gegen das RE vorzugehen. (235)

Auf Veranlassung v.Carmers ordnete dann Friedrich Wilhelm II. in einem Schreiben an den Geheimen Rat und Generalfiskal v.Anieres am 22.9.1788 an, daß dieser herausfinden solle, wer der Verfasser der Schrift "Ueber Aufklärung" und wer der Zensor sei, um dann beide "zur Rede zu stellen", da diese Schrift "so directe gegen das Religions Edict vom 9ten Jul. gerichtet zu seyn scheine". (236) Der Verfasser, Andreas Riem, reformierter Prediger am Waisenhaus und Chef der Berliner Akademischen Kunst- und Buchhandlung, und der Zensor, der Kriegsrat und Geheime Archivar Schlüter, erhielten einen Verweis.(237) Andreas Riem tritt wenig später von seinem geistlichen Amt zurück.(238) In seiner Verteidigung vom 4.10.1788 weist Schlüter darauf hin, daß eine ernsthafte Untersuchung der Wahrheit im "Censur-Reglement" vom 1.Juni 1772 durchaus erlaubt sei und die Schrift "nichts enthält, was wider die allgemeinen Grundsätze der Religion, oder moralischen und bürgerlichen Ordnung läuft". Außerdem sei er vom König am 21.10.1779 "ausdrücklich angewiesen worden ..., den an sich unangenehmen Zwang der Censur den Verfassern so leicht als möglich zu machen".(239) Diese Auffassung Friedrich II. vertritt Friedrich Wilhelm II. nicht mehr, wie etwa das Schreiben vom 10.9.1788 an v.Carmer zeigt, so daß sich die Anwendung der Zensur unter Friedrich Wihelm II. deutlich von der seines Vorgängers abhebt.

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Zurück zum Text  228. GStA Merseburg, Rep. 47, Tit. 1, Heft 33,28; s. oben 3.2.3.

Zurück zum Text  229. Dieses Schreiben findet sich abgedruckt bei Phillippson, Geschichte I, 221.223.

Zurück zum Text  230. Gotthold Ephraim Lessings sämtliche Schriften, hrsg. v. Karl Lademann, 3. Auflage, besorgt durch Franz Muncker Band 17, Leipzig 1904, S.298.

Zurück zum Text  231. Berlinische Monatsschrift 3, 1784, 312-330; wieder abgedruckt bei Hinske, Was ist Aufklärung, 389-407; zur Verfasserschaft Kleins vgl. Hinske, Was ist Aufklärung, 517. Vgl. auch zu Kants Befürchtungen bezogen auf die Zensur und die Einschränkung der Denkfreiheit den Brief Plessings an Kant vom 15.3.1784

Zurück zum Text  232. Zitat: Berlinische Monatsschrift 3, 1784, 316.

Zurück zum Text  233. Zitat: Berlinische Monatsschrift 3, 1784, 323.

Zurück zum Text  234. Dies hatte schon Friedrich Wilhelm I. in seiner Regierungsinstruktion seinem Nachfolger eingeschärft: "Sofern ein Prediger direkte oder indirekte was gegen die regierungsart predigen sollte", solle er kassiert werden; zit. bei Wallmann, Kirchengeschichte, 177.

Zurück zum Text  235. Diese Anweisungen waren nicht auffindbar, sie können nur dem Protokoll eines Ministertreffens vom 6.2.1792 entnommen werden. S. Kapp, Aktenstücke I, 155.

Zurück zum Text  236. GStA Merseburg, Rep. 47, Tit. 1, Heft 33, 41.

Zurück zum Text  237. S. Philippson, Geschichte I, 222f.; Kapp, Aktenstücke I, 142ff.

Zurück zum Text  238. Vgl. ADB 114, II, 205ff.

Zurück zum Text  239. Schlüters Schreiben findet sich bei Kapp, Aktenstücke I, 142-144, hier: 143.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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