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Priv.-Doz. Dr. Udo Krolzik: Das Wöllnerische Religionsedikt


In seinem Verweis vom 12.10.1788 wirft v.Carmer Schlüter vor, daß er erstens eine Schrift freigegeben habe, die aufgrund ihres religiösen Inhalts nicht von ihm beurteilt werden durfte und zweitens, daß er nicht den Unterschied zwischen einer bescheidenen Prüfung und leidenschaftlichen Verunglimpfung bemerkt habe, die zu nichts anderen dienen könne, "als die Gemüther des Publico gegen eine Maßregel der Regierung zu praeoccupiren und die Spaltungen unter den in Anschauung der Religion verschieden denkenden Gemüther immer bitterer und unheilbarer zu machen". (240) Es ist also die moralische und bürgerliche Ordnung, die durch die Verunglimpfung gefährdet ist, indem sie die Öffentlichkeit voreingenommen macht und die Fronten zwischen den verschiedenen Auffassungen von Religion verhärtet. Bei diesen Fronten ist nicht an die Konfessionstreitigkeiten, sondern an die Auseinandersetzungen zwischen Altgläubigen und Aufklärungstheologen gedacht. Dieses Thema ist neu in der Anwendung der Pressezensur in Preußen. In dem Prozeß gegen Würtzer wurde die Verurteilung zu einer sechswöchigen Haft mit unbescheidenem und spöttischem Tadel eines öffentlichen Landesgesetzes begründet.(241) Im Zusammenhang mit dem Würtzerprozeß gelingt es v.Carmer eine Erläuterung des RE`s vom König zu erwirken, die dieses Edikt als kirchliches Polizeigesetz zum Schutze der Gemeinden bezeichnet, das verhindern soll, daß den Gemeinden fremde oder falsche Lehren "aufgedrungen" werden.(242)

Es genügt nicht, das erneuerte Zensuredikt vom 19.12.1788 (243) als eine Umsetzung des RE"s zu begreifen, auch wenn dies die Hauptabsicht v.Woellners war.(244) Es muß vielmehr auch bedacht werden, daß die gelehrte Diskussion sich seit Ende der siebziger Jahre, wie Möller beobachtet(245), zunehmend auf politische Gebiete erstreckt und damit die Zensurverschärfung beschleunigt hatte. In der Forderung der "Preßfreiheit" war zunehmend die Forderung nach Öffentlichkeit der Staatsführung enthalten. Bereits 1776 kritisierte Schubart in der Teutschen Chronik: "Die Großen verschließen sich im Kabinett wie in ein Pandämonium und niemand weiß, was sie drin ratschlagen."(246) Die Öffentlichkeit der Staatsgeschäfte und die Pressefreiheit erschienen 1777 Schlözer, dem späteren Herausgeber der "Stats-Anzeigen" als geeignete Therapie gegen die Mißstände im öffentlichen Leben.(247) Und der Berliner Publizist und Verleger Friedrich Nicolai fordert 1785 den "Schutz der Publicität" gegen jene, die diese zu verhindern suchen, weil sie "ihr Spiel in Geheim treiben".(248) Nicolai ist überzeugt, daß nur Despoten und Schwärmer die Publicität scheuen und Geheimhaltung wünschen. (249)

So ist es nicht erst der radikale Aufklärer Karl Friedrich Bahrdt, der 1787 vor einer Knebelung der öffentlichen Meinung warnt und die Meinungsfreiheit über alles Fürstenrecht stellt.(250) Und schon gar nicht war es erst die französische Revolution, wie einige Forscher meinen, die die politische Kritik hervorgerufen hat.(251) Hergestellt wurde die Öffentlichkeit durch die Zeitschriften, die zunehmend politisch orientiert waren (252), und in den letzten Jahrzehnten des 18. Jh."s zunehmend politische Bedeutung gewannen, indem sie einen "public spirit" konstituierten.(253) So wird das Wort "Publikum" durch diese Zeitschriften von seiner literarischen Bedeutung getrennt und gewinnt die Bedeutung von öffentlicher Meinung. Diese öffentliche Meinung zu bilden, ist Absicht dieser Zeitschriften. Sie wollen nicht nur die politische Diskussion beobachten, sondern selbst daran teilnehmen.(254) Auf diesem Hintergrund war es naheliegend, daß sich die Zeitschriften ausführlich mit dem neuen Edikt in Preußen auseinandersetzten und Stellung bezogen. Dadurch traf die Zensur nicht nur die "Scharteken" gegen das RE, sondern auch das weitergehende Interesse der "Publizisten", Öffentlichkeit herzustellen.

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Zurück zum Text  240. V.Carmers Schreiben bei Kapp, Aktenstücke I, 144f., hier: 145.

Zurück zum Text  241. Vgl. Stölzel, Svarez, 260-265; Preuß, Beurtheilung, 765.

Zurück zum Text  242. S. oben; der Text findet sich bei Brunn, Magazin I, 66f.; Philippson, Geschichte I, 232; vgl. Stölzel, Svarez, 261-263.

Zurück zum Text  243. GStA Berlin X HA Rep. 40, 1926, 3ff.; Druck: Rabe I/7, 745-753; NCCPB 8, 2339-50, 95; Acten, Urkunden 2, 153-172; vgl. zur Verfasserschaft und Entstehung Stölzel, Svarez, 263f. Brunschwig, Gesellschaft, 273, scheint dieses Edikt überhaupt nicht zu kennen; ohnehin ist seine Darstellung voller Ungenauigkeiten.

Zurück zum Text  244. Gegen Henke, Beurteilung, 444f., dem die Forschung im allgemeinen gefolgt ist: Schwartze dem Brunschwig, Gesellschaft, 273 folgt; s.auch Preuß, Beurtheilung, 765; Birtsch, Religionsfreiheit, 194f.; Theissinger, Irrlehrerfrage, 33.41; Mühler, Geschichte,276; Gisch, "Preßfreiheit", 57.V.Woellner selbst hat anders als bei der Einführung des Landeskatechismus und des Examensschema das erneuerte Zensuredikt nicht aus dem RE abgeleitet; s. Text bei Sack, Geschichte, 451.

Zurück zum Text  245. Möller, Aufklärung, 215f.

Zurück zum Text  246. Schubart, Werke, 75.

Zurück zum Text  247. Zit.Bei Valjavec, Entstehung, 103.

Zurück zum Text  248. Zit.bei Möller, Aufklärung, 216.

Zurück zum Text  249. Belege bei Möller, Aufklärung, 217.

Zurück zum Text  250. Karl Friedrich Bahrdt, Über Preßfreiheit und deren Grenzen. Zur Beherzigung für Regenten, Zensoren und Schriftsteller, Züllichau 1787, bes. 30; vgl. Grab, Revolutionsfreunde, 122.

Zurück zum Text  251. So z.B.Brunschwig, Gesellschaft, 269.

Zurück zum Text  252. S.dazu Bödeker, Journals, 431ff.

Zurück zum Text  253. S.den anonymen Artikel im "Journal von und für Deutschland" 5, 1785, 421.

Zurück zum Text  254. Vgl.Bödeker, Journals, 432.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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