fachpublikation.de

Hauptseite fachpublikation.de

Verzeichnis aller Publikationen

Verzeichnis aller Autoren

Schlagwortverzeichnis

Dokumente kostenlos publizieren
 

Impressum fachpublikation.de

 

 

Priv.-Doz. Dr. Udo Krolzik: Das Wöllnerische Religionsedikt


Die Vorstellungen v.Woellners und auch Friedrich Wilhelm II. über die Grundsätze der Religion dürften andere sein als diese auf die von der deutschen Aufklärungstheologie reduzierten Lehrstücke. So hat das Zensuredikt von Anfang an zwei Deutungsebenen besessen, die der aufgeklärten absolutistischen Rechtssprechung in Preußen und die der bewahrenden orthodoxen Religionspolitik des REs. Während die erste Deutung vom Oberkonsistorium und den Justizbehörden vertreten wurde und aufgrund deren vorrangiger Zuständigkeit zunächst zum Zuge kam, wurde die zweite Deutung von Friedrich Wilhelm II. und v.Woellner vertreten, die deshalb die Praxis der Zensur immer wieder kritisierten und Korrektur der Urteile in ihrem Sinne verlangten. Durchgesetzt hat sich die zweite Deutung erst als Mitglieder der IEK die Zensur übernahmen.

Das Zensuredikt bestimmt dann im Einzelnen, durch welche Körperschaft welche Schriften zensiert werden sollen und wie im Widerspruchsfalle vorzugehen sei, sowie die Regreßpflicht vom Autor, Drucker und Zensor. Dabei ist wichtig, daß gegenüber der früheren Praxis, wonach ein einzelner Zensor ohne Aufsicht nach Gutdünken urteilte, nun die Zensur je nach Sachgebiet unterschiedlichen Kollegien zugeordnet wird. (264) Darüber hinaus werden noch Strafe und Gebühren festgesetzt.

Die folgenden Verbote von Schriften durch die Zensur zeigen deutlich, daß zunächst - entgegen der Meinung einiger Forscher(265) - nicht mit religiösen Gründen der Druck verboten wurde, sondern weil sie als "wider Landesherrliche Verordnungen anlaufende Scharteken"(266) beurteilt wurden, die "die Ruhe und Ordnung im Lande" gefährden. (267) Das gilt teilweise auch noch für Kant, der durch seine Schrift "Die Religion in den Grenzen der bloßen Vernunft" (1793) der Zensur verfällt, und zwar nicht nur wegen des theologischen Inhalts der Schrift, sondern auch weil er die Französische Revolution positiv darin bewertet.(268)

Obgleich schon vor der Französischen Revolution die Staatsverfassung kritisiert wurde, so etwa 1786 durch E.Brandes in einer Reihe von Artikeln in der Berliner Monatsschrift(269), und Friedrich d.Gr. auf Vorschlag seines Großkanzlers v.Carmer eine öffentliche Diskussion über das "Allgemeine Gesetzbuch für die preußischen Staaten" ausdrücklich zugelassen hatte, wächst die Unruhe und Kritik unter den Gebildeten mit der Französischen Revolution erheblich. Die Zeitschriften werden Katalysatoren und Kräfte in dem politischen Diskurs, in dem sie immer mehr bereit sind, Stellung zu beziehen. Diese Entwicklung verbunden mit der Kritik an der Praxis der Pressezensur, die den orthodoxen Absichten des REs nicht gerecht wird, führen zu einer Verschärfung der Zensur.

Im Zensuredikt von 1788 sind die theologischen Schriften der Zensur des Oberkonsistoriums bzw. den Konsistorien zugeordnet, die Zeitschriften den Landesjustizkollegien, sofern keine Universität vorhanden ist. Am 1.9.1791 werden die Mitglieder der IEK, Hermes und Hillmer, zu Zensoren der theologischen und moralischen Veröffentlichungen bestellt, da "die bisherigen Bücher-Censores sich um das Censur-Edikt gar nicht kehren".(270) Auf Bitte von Hillmer wird schließlich diesem am 19.10.1791 die Zensur aller Monats-, Zeit- und Gelegenheitsschriften übertragen.(271) Hillmers Haltung ist gegenüber der liberalen Haltung der Oberkonsistorialräte und Juristen sicherer. Es sind Hillmer und Hermes, die 1792 in der Auseinandersetzung mit Biester über das Erscheinen von Kants 2.Stück des späteren vierteiligen Werkes "Religion in den Grenzen der bloßen Vernunft", das Zensuredikt von 1788 auf das RE beziehen. (272)

Mit der Ernennung der IEK-Mitglieder Hermes und Hillmer zu Bücherzensoren tritt die entscheidende Verschärfung in der Zensur ein.(273) Nunmehr ist nicht mehr die aufgeklärte absolutistische Rechtssprechung am Zuge, sondern die reaktionäre Religionspolitik. Die Folge ist, daß einige Zeitschriften auswandern. Nicolai verkauft 1792 die ADB an einen Verleger außerhalb Preußens; die Berlinische Monatsschrift geht nach Jena; Minerva u.a. gehen ebenfalls ins Ausland. Andere Zeitschriften stellen ihr Erscheinen ein, wie die Allgemeine Literaturzeitung. Die verschärfte Beobachtung der Zensur wird im März 1792 und im April 1793 bestätigt und alle Ungenauigkeiten ausgeräumt.(274)

Natürlich bringt eine Pressezensur auch eine Einschätzung der Untertan zum Ausdruck. So wird die Druckerlaubnis für Kants 1.Stück seines späteren vierteiligen Werkes "Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft" mit der Begründung erteilt, daß "doch nur tiefdenkende Gelehrte die Kantschen Schriften lesen".(275) Oder in einem Reskript vom 26.4.1794 wird festgestellt, daß bestimmte "Gegenstände ... die Fassungs- und Beurtheilungskraft des großen Haufens der Leser" übersteigen.(276)

Insgesamt läßt sich also feststellen, daß das "Erneuerte Censur-Edict" auf die zunehmende Kritik an der absolutistischen Kabinettspolitik reagierte. Insofern diese Kritik durch das Erscheinen des REs erheblich an Umfang und Schärfe zunahm, war das Zensuredikt Folge des REs. Dennoch wurde bis Anfang 1791 die Zensur nicht angewandt, um der Absicht des REs zu dienen, nämlich die Religion zu schützen, sondern - da sie in der Hand der Oberkonsistorialräte und der Justizbehörden lag -, um Widerspruch und Widerstand gegen die "Maßregeln der Regierung" zu verhindern.(277) Erst die Praxis der Zensur durch Hermes und Hillmer betont den Schutz der Religion und stellt somit einseitig einen Bezug zwischen Zensuredikt und RE heraus. Bei einer Verbindung beider Interessen an der Pressezensur entsteht nunmehr der Eindruck, daß die eigentliche staatsgefährdende Entwicklung von der theologischen Aufklärung ausgeht.

Seite zurück  Eingangsseite  Inhaltsverzeichnis  Seite vor

Zurück zum Text  264. Svarez selbst läßt diesen Fortschritt durch v.Carmer dem König mitteilen, s.Stölzel, Svarez, 264.

Zurück zum Text  265. Z.B.Tschirch, Geschichte,5.

Zurück zum Text  266. So Woellner am 4.1.1791 an OKR Zöllner, s. Kapp, Aktenstücke I, 146.

Zurück zum Text  267. Friedrich Wilhelm II. am 5.3.1791 an v.Carmer, s.Kapp, Aktenstücke I, 147.

Zurück zum Text  268. Gegen Graf/Tanner, Philosophie, 97.

Zurück zum Text  269. E.Brandes, Ueber den politischen Geist Englands, in: Berlinische Monatsschrift 7, 1786, 101ff. 217ff. 293; vgl. Dopheide, Republikanismus; Bödeker, Journals, 438.

Zurück zum Text  270. GStA Berlin X HA Rep 40 1926, 97; vgl. Kapp, Aktenstücke I, 148.

Zurück zum Text  271. Kapp, Aktenstücke I, 149f.; vgl. Fromm, Kant, 22f.; Hinske, Was ist Aufklärung, XXXIV.

Zurück zum Text  272. S.Kapp, Aktenstücke, 200; vgl. Fromm, Kant, 24ff. bes. 30.

Zurück zum Text  273. S. Fromm, Kant, 21f.; vgl. auch Consentius, Berliner, 459.

Zurück zum Text  274. GStA Berlin X HA Rep 40 1926, 106; NCCPB IX, No 18, 1792, 871-874; Rabe, Sammlung 2, 278-280; s. auch Fromm, Kant, 34ff.; Consentius, Berliner, 456; Gisch, "Preßfreiheit", 58.

Zurück zum Text  275. S. Fromm, Kant, 24.

Zurück zum Text  276. Zit. bei Gisch, "Preßfreiheit", 69.

Zurück zum Text  277. Kapp, Aktenstücke, 144f. 146f., s. bes. Stück V

 

Seite zurück  Eingangsseite  Inhaltsverzeichnis  Seite vor


Home | WorldWideBooks | imMEDIAtely


Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
Bei Fragen und Anregungen zu dieser Website wenden Sie sich bitte an: webmaster@fachpublikation.de