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Priv.-Doz. Dr. Udo Krolzik: Das Wöllnerische Religionsedikt


4.2 Landeskatechismus

Eine Richtschnur, wie sie das RE forderte (§8), die klar sagt, was rechte Lehre ist, sollten die allgemeinen lutherischen und reformierten Landeskatechismen sein.(278) Die Tatsache, daß solche Katechismen für alle Gemeinden der jeweiligen Konfession eingeführt werden sollten, weist darauf hin, daß weder der lutherische noch der Heidelberger Katechismus allgemein im Gebrauch waren, sondern ganz verschiedene Bücher dem kirchlichen und schulischen Unterricht zugrunde lagen.. Der lutherische Katechismus wurde von der Aufklärung aufgrund seiner Form und seines Inhaltes als nicht mehr angemessen empfunden.(279) Es war v.Woellner, der auf die Einführung der allgemeinen Katechismen drängte. Dies belegt ein Gespräch v.Woellners mit Diterich im Schloß anläßlich einer geistlichen Musikveranstaltung, zu der die verwitwete Königin eingeladen hatte. Dieses Gespräch gibt Spalding in seiner "Lebensbeschreibung" wieder. Danach hat v.Woellner einen "kleinen Entwurf" Diterichs "zu einem christlichen Lehrbuche ... mit großem Vergnügen gelesen, dem Könige selbst bekannt gemacht, und von demselben sowohl die Bezeugung eines gleichen Wohlgefallens, als auch die Einwilligung, diesen Katechismus unter öffentlicher Autorität allgemein einzuführen, erhalten".(280) Bei diesem Entwurf handelte es sich um eine Schrift, die Diterich in seiner frühen - noch ganz othodoxen Zeit - für den Vorbereitungsunterricht seiner Katechumenen zum ersten Abendmahl verfaßt hatte.(281) 1789 erscheint diese Schrift als offizieller Wiederabdruck unter dem Titel: "Die ersten Gründe der christlichen Lehre".(282)

Der Einspruch Diterichs(283) hatte das Erscheinen ebenso wenig verhindern können, wie die negative Stellungnahme der theologischen Fakultät in Halle, die am 11. April 1789 gebeten worden war mitzuteilen, "ob dieser Catechismus nichts gegen die Orthodoxie in der lutherische Kirche enthalte, und folglich bey allen lutherischen Gemeinden in den gesamten preußischen Staaten zum Unterrichte der Jugend im Christenthum bestimmt und eingeführt werden könnte".(284) Die Fakultät hatte festgestellt, daß der Katechismus zwar keine Sätze enthielte, die dem Geist der symbolischen Bücher widersprächen, aber dennoch dem Wortlaut nach nicht in allen Stücken mit diesem und dem, was man Orthodoxie nenne, übereinstimme und keineswegs für den Unterricht der Jugend geeignet wäre.(285) Außerdem vermutete das Gutachten, das Nösselt als Dekan der Fakultät verfaßt hatte, daß die biblischen Belegstellen und die Sprache und Methode nicht sorgfältig gewählt seien und die Dogmatik gegenüber der Moral das Übergewicht habe. Aber v.Woellner hatte wohl in Erwartung eines solchen Bescheides schon am 12.4.1789 sich bei der hochorthodoxen Fakultät in Wittenberg rückversichert, indem er diese ebenfalls um ein Gutachten gebeten hatte.(286) Dieses Gesuch ist angesichts des seit 1662 immer wiederholten Verbotes(287) für preußische Studenten an dieser Fakultät - wegen ihrer streitbaren Orthodoxie - zu studieren, ein eindeutiger Affront gegen die bisherige preußische Religionspolitik, mit konfessionellen Lehrsätzen liberal umzugehen. Eine lutherische Orthodoxie gab es an preußischen Universitäten nicht mehr. So hatte auch die Königsberger theologische Fakultät, von der v.Woellner ebenfalls ein Gutachten angefordert hatte, dieses Buch als lutherischen Landeskatechismus abgelehnt. Die Wittenberger bescheinigten diesem Buch die Orthodoxie, wenn auch in der Abendmahlslehre die Eindeutigkeit mangele.(288)

Am 19.1.1790 ergeht an v.Woellner die Kabinettsorder, den etwas veränderten Nachdruck als Landeskatechismus für den "Unterricht der Jugend von der lutherischen Confession in Meinen sämmtlichen Landen ungesäumt einführen zu lassen."(289) Am 27. Januar fertigte v.Woellner diesen Befehl an alle Konsistorien aus.(290) Der Titel dieses Landeskatechismus lautet: "Die ersten Gründe der christlichen Lehre. Auf Befehl und mit Allergnädigstem Königlich Preußischem Privilegio", Berlin 1790. Tatsächlich kam es gar nicht zur Einführung, da sich sofort heftiger Widerstand erhob. (291)

Obgleich Sack in seinem "Pro Memoria" vom 26.8.1788 eine Verbesserung des katechetischen Unterrichts als Therapie gegen den allgemeinen Verfall vorschlug(292), sahen die Oberkonsistorialräte in dem Landeskatechismus keineswegs eine solche Therapie. Als erster und am ausführlichsten nahm Zöllner am 12.2.1790 dagegen Stellung.(293) Er begründete zunächst sein Recht auf diese scharfe Zurückweisung der königlichen Kabinettsorder mit dem Hinweis, daß von der Welt letztlich die geistliche Behörde für einen solchen Katechismus verantwortlich gemacht werde, auch wenn der König ihn mit seinem Name decke. Er betonte sodann die Schwierigkeit, alle Pastoren darauf zu verpflichten, die Gefahr der Heuchelei und die Sinnlosigkeit eines Katechismus für alle Stände. Außerdem kritisierte er Form und Methode des vorliegenden Werkes: sprachliche Ungenauigkeiten, Lehraussagen, die für die Jugend nicht geeignet seien, usw.

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Zurück zum Text  278. V.Woellner betont diesen Zusammenhang z.B. in seiner Erwiderung vom 14.4.1790 auf die Einwände der halberstädter Landstände gegen die Einführung eines Landeskatechismus´; die Erwiderung ist abgedruckt in: Acten 3, 290.

Zurück zum Text  279. Zur Einschätzung der Situation s. die Diskussion um die Einführung des Landeskatechismus durch Herzlieb und Gebhard, abgedruckt in: Acten 3, 424ff. bes. 438f. 449. Zum besonderen Interesse an der Gattung der Kinder- und Jugendliteratur in der Aufklärung s. Möller, Fürstenstaat, 340f.

Zurück zum Text  280. Spaldings Lebensbeschreibung, 121; Schwartz, Kulturkampf, 156, datiert dieses Gespräch wohl zu Unrecht auf Ende 1789, denn bei Spalding findet sich kein Datum und im April 1789 erhielt die theologische Fakultät in Halle ein Exemplar zur Begutachtung.

Zurück zum Text  281. Henke, Beurteilung, 519; Philippson, Geschichte I, 237; zur Autorschaft Diterichs s. Zöllners Lebensskizze Diterichs, in: Henke, Archiv 5, 2; Sack, Geschichte; und.auch Silberschlag in seinem Votum zur Einführung der "Ersten Gründe", teilweise abgedruckt bei Sack, Geschichte, 423; zum Titel: hier nennt Schwartz, Kulturkampf, 155, fälschlicherweise den Titel des später von v.Woellner ausgewählten Werkes von 1763, s. Philippson, Geschichte I, 241. Der ursprüngliche Titel der Schrift Diterichs wird in der Forschungsliteratur unterschiedlich angegeben. Spalding spricht in seiner Lebensbeschreibung nur von einem "kleinen Entwurf ... zu einem christlichen Lehrbuche", den Diterich verfaßt hatte (122); bei Sack, Geschichte, 417 heißt die Schrift "Kurzer Entwurf der christlichen Lehre" und ist auf 1763 datiert, eine Seite später nimmt er an, daß die ursprüngliche Schrift älter ist und aus der Zeit kurz nach 1748 stammt; Wendland, Jahre, 166 gibt als Titel an: "Die christliche Lehre im Zusammenhang nach der Ordnung des Heils und der Seligkeit" 1764; Preuß, Beurtheilung, 770 nennt als Erscheinungsjahr für diesen Titel 1754; Henke, Beurteilung, 519 gibt keinen Titel an; Philippson, Geschichte, 237 "Die ersten Gründe der christlichen Lehre". Es scheinen in diesen Angaben teilweise Verwechslungen, mit der im März/April 1790 von v.Woellner neu erwählten Vorlage vorzuliegen, die nach dessen Auskunft vor knapp 30 bzw. 27 Jahren erschienen ist. Diese Schrift trägt bei ihrem Erscheinen 1792 den Titel "Die christliche Lehre im Zusammenhange. Auf Allerhöchsten Befehl für die Bedürfnisse der jetzigen Zeit umgearbeitet, und zu einem allgemeinen Lehrbuch in den niedern Schulen der Preuß. Landen eingerichtet", s. Henke, Beurteilung, 513; zu den Altersangaben s.Philippson, Geschichte, 241, und Acten 3, 293.

Zurück zum Text  282. Sack, Geschichte, 4, kennt diese Ausgabe von 1789 nicht; s.dazu Henke, Beurteilung, 512; Philippson, Geschichte I, 263 A4; Schwartz, Kulturkampf, 157 A1.

Zurück zum Text  283. S. dazu unten.

Zurück zum Text  284. S. Henke, Beurteilung, 519f.; Acten 3, 421f.

Zurück zum Text  285. Das ganze Gutachten steht in den Rintelische Annalen der neuesten theologischen Litteratur und Kirchengeschichte 1790, 5.u.6.Woche; teilweise wiedergegeben bei Henke, Beurteilung,519-21; vgl. Niemeyer, Leben, 47f.; Acten 3,422.

Zurück zum Text  286. Henke, Beurteilung, 521; Philippson, Geschichte I, 237.

Zurück zum Text  287. S. z.B. 1727: GStA Berlin X HA 40, 1790, 15.

Zurück zum Text  288. Henke, Beurteilung, 522.

Zurück zum Text  289. Zit bei Philippson, Geschichte I, 238; Zum Vergleich dieses Nachdrucks zum früheren von 1789 s. Henke, Beurteilung, 522-24.

Zurück zum Text  290. Acten 3, 422.

Zurück zum Text  291. In: Acten 3, 422, vermerkt der Herausgeber, daß bis zum Erscheinen dieser Ausgabe der Acten im November 1791 der allgemeine Landeskatechismus in den preußischen Staaten nicht eingeführt ist.

Zurück zum Text  292. S. oben 3.2.2.

Zurück zum Text  293. S.zu den Stellungnahmen der Oberkonsistorialräte Sack, Geschichte, 418ff.; zu den Abfassungsdaten 421. S. auch Kiesewetters Brief an Kant vom 3.3.1790 in: Kant, Gesammelte Schriften 11, hrsg. v. Königl. Pr. Akad. d. Wissensch., Berlin/Leipzig 1922, 137; Schwartz, Kulturkampf, 160ff.; Philippson, Geschichte I, 239.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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