fachpublikation.de

Hauptseite fachpublikation.de

Verzeichnis aller Publikationen

Verzeichnis aller Autoren

Schlagwortverzeichnis

Dokumente kostenlos publizieren
 

Impressum fachpublikation.de

 

 

Priv.-Doz. Dr. Udo Krolzik: Das Wöllnerische Religionsedikt


4.4 Weiteres Wirken der Immediaten Examinationskommission bis zu ihrer Aufhebung

Eine neue Situation trat ein, als die Mitglieder der Unterkommissionen bei den Provinzkonsistorien am 3.2.1793 benannt waren.(365) Nun hatte die IEK einen direkten Zugriff zu den Provinzkonsistorien, da die dort angesiedelten neuen Examinationskommissionen der IEK direkt unterstellt waren.

Durch die Provinzialexaminationskommissionen war eine Parallelstruktur zu den kirchlichen Behörden aufgebaut, die es erlaubte, die ohnehin schwache und staatlich dominierte kirchliche Verwaltung auszuschalten. Noch in 1793 arbeitet die IEK einen "Richtlinienkatalog für Predigten" aus, der Predigttexte für die Sonntage festlegte. Seit dem "Pro Memoria" der IEK vom 11.2.1792 (366)schreibt diese auch die Texte für die Visitationspredigten vor.(367)

Wie sehr sich die IEK als oberste geistliche Behörde verstand, wird besonders deutlich aus der "Umständlichen Anweisung für die Evangelisch - Lutherischen Prediger in Königl. Preussischen Landen zur gewissenhaften und zweckmässigen Führung ihres Amtes" vom 9.4.1794(368). Darin wird nach einem Rückverweis auf das häufig nicht eingehaltene RE zunächst (1) auf die Irrtümer verwiesen, daß die christliche Lehre auf die moralischen Vorschriften reduziert, das Alte Testament für die Christen abgelehnt, das Leiden Jesu nur moralisch gedeutet, die Askese im Neuen Testament auf Prinzipien der philiosophischen Moral zurückgeschnitten und der Gebrauch einiger neutestamentlicher Bücher sorgfältig gemieden wird. Nachdem die Folgen dieser Irrtümer (2) genannt wurden und empfohlen wurde, die Heilige Schrift und die orthodoxen theologischen Schriften zu lesen (3), werden die "Grundlehren der Christlichen Religion" genannt (4), das sind: Dreieinigkeit, seliger Urstand, Sündenfall, gänzliches Verderben und Untüchtigkeit der menschlichen Natur zum Guten, "Versöhnung und Genugthuung Jesu Christi", "durch den lebendigen Glauben an Ihn mögliche Begnadigung der sündigen Menschen, ohne welche keine wahre Heiligung stattfinden kann u.s.w." Danach werden in einzelnen Paragraphen die Aufgaben des Predigers bestimmt, wobei immer seine persönliche Anteilnahme am Gesagten und die zentrale Bedeutung der "Lehre von der Person Jesu, von seiner Versöhnung, und von dem wahren Glauben an Ihn" betont wird. Die Ausführungen sind sehr umfangreich und gehen besonders bei der Katechese bis in Einzelheiten hinein, wie etwa das Niederknien beim ersten Abendmahl.

Kurze Zeit später, am 2.5.1794(369) wurde auch ein neuer Revers für die neu anzustellenden Prediger eingeführt (370), der u.a. bei der Amtsführung auf die Anweisung vom 9.April verpflichtet und auf die "Lehre der heiligen Schrift, wie sie in der Augsburgischen Confession als ein ächtes Bekenntniß des Glaubens der Evangelisch - Lutherischen Kirche dargelegt sind".

Am 16.12.1794 erschien dann eine noch umfangreichere "Anweisung für die Schul-Lehrer in den Land- und niedern Stadt-Schulen zu zweckmäßiger Besorgung des Unterrichts der ihnen anvertrauten Jugend"(371), deren Verfasser die am 27.3.1794 zu Oberschulräten ernannten(372) Hermes, Hillmer und Hecker waren.

Auf die aus den Examinationskommissionen der Provinzen kommende Anfrage, warum eine doppelte Prüfung - vor der Examinatiosnkommission und dem Konsistorium - überhaupt notwendig sei, ordnete der König am 13.8.1793 auf Veranlassung der IEK an, daß beim tentamen pro licentia concionandi in Zukunft nur noch die Examinationskommission prüfen solle.(373) Als die theologische Fakultät in Königsberg einen von der Examinationskommission schon geprüften Kandidaten noch einmal prüfte, kam es zu einer strengen Ermahnung durch den König.(374)

Am 12.4.1794 erging dann auf Antrag der IEK die Kabinettsorder, daß in Zukunft ein Mitglied der IEK und nicht mehr Teller die Ordination vornehmen sollte. (375) Folglich sollte auch das Tentamen in der Sakristei der Petrikirche durch das Tentamen bei der IEK ersetzt werden.

Am gleichen Tag erließ Friedrich Wilhelm II. eine Kabinettsorder zum schärferen Vorgehen gegen die neologischen Prediger und ein Verfahren für ihre Cassation.(376) Der Übersendung dieser Order an v.Woellner(377) fügt er eine strenge Ermahnung bei, nicht so nachlässig vorzugehen und bei Abstimmung im Oberkonsistorium über die Cassation neologischer Prediger die "Consistorial-Räthe Teller, Zoellner und Gedike bekannte Neologen und sogenannte Aufklärer"(378), die er ohnehin nur "auf eine kurtze Zeit noch dulden werde" auszuschließen. Zu diesem Zeitpunkt muß wohl v.Woellner sein Amt als Oberhofbauintendant verloren haben (379).

Seite zurück  Eingangsseite  Inhaltsverzeichnis  Seite vor

Zurück zum Text  365. GStA Merseburg Rep 47 Tit 4 1794-; ein Auszug des Schreibens ist als Anlage beigefügt; es bleibt zu untersuchen, welchen theologischen und gesellschaftlichen Hintergrund diese Männer hatten.

Zurück zum Text  366. GStA Merseburg Rep 76 alt XV Nr. 2, 22-29 (verschiedene Entwürfe); GStA Berlin X HA Rep 40 1789, 209f.; vgl. Schwartz, Kulturkampf, 261.

Zurück zum Text  367. S. für 1793 GStA Berlin X HA Rep 40 1774, 151.154.169ff.

Zurück zum Text  368. GStA Merseburg Rep 76 alt XV Nr. 16, 1-13; Druck: ebd., 15-20; GStA Merseburg Rep 47 Tit 1 Heft 35, 1-6; NCCPB 9, 2119ff, 37.

Zurück zum Text  369. S. das Begleitschreiben GStA Merseburg Rep 76 alt XV Nr. 16, 30.

Zurück zum Text  370. GStA Merseburg Rep 76 alt XV Nr. 16, 28. 29 (Druck). Ein entsprechender Revers wird zeitgleich für die Lehrer und Professoren eingeführt; s. GStA Merseburg Rep 47 Tit 2 a Schulsachen 1787-1800, 179.

Zurück zum Text  371. GStA Merseburg Rep 76 alt XV Nr. 16, 31-47; Druck: ebd., 48-56.

Zurück zum Text  372. GStA Merseburg Rep 76 alt XV Nr. 2, 35.

Zurück zum Text  373. GStA Merseburg Rep 47 Tit 4 1794-; GStA Berlin X HA Rep 40 1789, 225.

Zurück zum Text  374. GStA Merseburg Rep 47 Tit 4 1794-.

Zurück zum Text  375. GStA Merseburg Rep 47 Tit 4 1794-; GStA Berlin X HA Rep 40 1791, 92; vgl. dazu Preuß, Beurtheilung II, 771.

Zurück zum Text  376. GStA Merseburg Rep 47 Tit 1 Heft 37 3f.

Zurück zum Text  377. Ebd. S. 1.

Zurück zum Text  378. Es ist zu fragen, warum die anderen Oberkonsistorialräte nicht erwähnt sind.

Zurück zum Text  379. S. Epstein, Ursprünge, 425.

 

Seite zurück  Eingangsseite  Inhaltsverzeichnis  Seite vor


Home | WorldWideBooks | imMEDIAtely


Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
Bei Fragen und Anregungen zu dieser Website wenden Sie sich bitte an: webmaster@fachpublikation.de