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Priv.-Doz. Dr. Udo Krolzik: Das Wöllnerische Religionsedikt


Angesichts des Eifers, den die Mitglieder der IEK in Prüfungsangelegenheiten gezeigt haben, verwundert es, daß am 24.9.1796 Friedrich Wilhelm II. die Mitglieder der IEK zu sorgfältiger und strenger Prüfung ermahnte. (380) In Zukunft mußten sie Listen mit den Kandidaten, die bestanden hatten, bzw. wiederholen mußten oder abglehnt wurden einschließlich der Begründung einreichen. Diese Listen machen deutlich, daß die IEK nur gelegentlich einzelne Kandidaten wegen "neologischer" oder "aufklärerischer" Überzeugungen abwies.(381)

Die Fülle von Verordnungen, Instruktionen, Eingaben u.ä., die die Mitglieder der IEK seit 1791 produzierte, können nicht umfassend dargestellt werden. Am 26.4.1794 beschwerte sich v.Woellner beim König über das Wüten dieser Männer. (382) Ihr Auftritt in Halle, bei dem sie von den Studenten verjagt wurden, hat wohl auch den König kritisch gestimmt.(383) Bei all dem Eifer habe sie außer den Prediger J.H. Schullz aus Gielsdorf (Zopf- Schulz) keinen einzigen Neologen des Amtes enthoben.(384) Angesichts dessen mutet die Aufforderung im Herbst 1795 an alle Geistliche, eine schriftliche Erklärung abzugeben, daß sie sich gemäß des REs verhalten und den landesherrlichen Anordnungen in Religions- und Kirchensachen nicht widersetzen werden (385), wie ein verzweifelter Versuch an, doch noch die "wahre Religiosität" durchzusetzen.

Am Ende der Regierungszeit Friedrich Wihelm II. hatten zwar die "konservativen" Theologen der IEK die "liberaleren" des Oberkonsistoriums aus allen Aufsichts- und Prüfungsbefugnissen verdrängt, sie konnten sich aber dennoch in allen wichtigen Fragen nicht durchsetzen. Die Leute dachten schon anders, so daß auch ohne die Förderung und den Schutz der "Kirchenoberen" diese Entwicklung weiterging und auch mit staatlicher Unterstützung nicht mehr rückhholbar war.

Kurz nach dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelm III. traten die Oberkonsistorialräte - Büsching und Diterich waren inzwischen verstorben - am 25.12.1797 an den König heran und baten ihn, angesichts der Arbeitsergebnisse der IEK das Oberkonsistorium wieder in seine Rechte einzusetzen, wie es "seiner Instruktion, und der geistlichen Verfassung unseres Landes" entspricht.(386) Diesem Wunsch entspricht der König am 27.12. und ordnet an, daß die Oberkonsistorialräte gemäß ihrer Instruktion verfahren sollen und damit die "eingeschlichenen Mißbräuche, besonders bei der Examinierung der Kandidaten, Einführung der Lehrbücher, Besetzung der Pfarrstellen, Censur theologischer und philosophischer Schriften, und dergleichen" vermeiden und schließlich ganz abstellen sollten.(387) Per Dekret vom 4.1.1798 wird diese königliche Anordnung allen unter dem Oberkonsitorium stehenden Konsistorien und Regierungen unter Beifügung der Order mitgeteilt.(388)

Aufgrund einer eigenwilligen Deutung eines königlichen Befehls vom 23.11. an sämtliche Verwaltungsbeamte(389) ließ v.Woellner über das Oberkonsistorium noch einmal allen Predigern und Lehrern das RE einschärfen.(390) Als am 23.12.1797 das Oberkonsitorium dieses Ministerialreskript allen geistlichen Behörden bekanntgab, reagierte der König verärgert.(391) Nachdem am 11.1.1798 die Oberkonsistorialräte gebeten hatten, die Wiedereinsetzung des Oberkonsistoriums in seine früheren Rechte duch Kabinettsorder allen Konsistorien und in einer weiteren dem Oberschulkollegium mitzuteilen(392), erfolgt diese Order am 13.1.1798 gemäß dem von den Oberkonsistorialräten übersandten Konzepten sowohl an die Konsistorien als auch an das Oberschulkollegium.(393)

Unter dem gleichen Datum teilt der König der IEK mit, daß sämtliche Examinationskommissionen im Land aufgehoben sind und fügt die "Petitis" des Oberkonsistoriums zur genauen Befolgung bei. In dem Übersendungsschreiben dieser Kabinettsorder an die Oberkonsistorialräte wird ausdrücklich festgestellt, daß dies für die IEK und die Provinzial-Examinations-Kommissionen gilt.(394) Nachdem Hermes, Hillmer und Woltersdorf zunächst von den Sitzungen des Oberkonsistoriums dispensiert waren(395), werden Hermes und Hillmer am 5.3.1798 mit einer Pension von je 500 Talern entlassen, während Woltersdorff 150 Taler bezieht und v.Woellner 6 Tage später ganz ohne Pension gehen muß.(396)

Das RE wurde jedoch niemals förmlich widerrufen(397) So wird 1799 beim Revisionsverfahren des Schulz aus Gielsdorf, der aufgrund des REs seines Amtes enthoben wurde, eine Aufhebung des REs nicht erwähnt.(398) In einem Hofreskript aus dem Jahre 1802 wird festgestellt, daß das RE noch nicht allgemein aufgehoben ist.(399) Aus den Quellen läßt sich nur eine Distanzierung zum RE im Sinne von Nichtmehranwendenwollen erschließen. (400)

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Zurück zum Text  380. GStA Merseburg Rep 76 alt XV Nr. 2, 77.

Zurück zum Text  381. GStA Merseburg Rep 76 alt XV Nr. 2, 79ff.; Bei den Prüfungen pro licentia concionandi von Ostern 1796 bis Ostern 1797 wurden 3 Kandidaten abgelehnt: 1 wegen Unkenntnis der Bibel, 1 wegen Unkenntnis der Sprachen und der wichtigsten Religionslehren, 1 wegen Ungeschicklichkeit; 14 bekamen die Auflage, sich erneut prüfen zu lassen: 5 wegen Hebräischkenntnissen, 1 wegen falscher Religionskenntnisse, 4 wegen mäßiger Religionskenntnisse, 1 wegen mangelnder Kenntnisse in Dogmatik und Exegese, 1 wegen Unkenntnis des Hebräischen und vieler Unvernünftigkeiten in seiner Religionstheorie, 1 wegen nicht befriedigender Antworten in wesentlichen Punkten. Bei den Prüfungen pro ministerio des gleichen Zeitraumes wurde keiner abgelehnt. 9 bekamen die Auflage, sich erneut prüfen zu lassen: 2 wegen irriger Religionskenntnisse, 1 wegen fehlender Religionskenntnisse, 3 wegen mangelnder Bibelkenntnis, 2 wegen mangelnden Fleißes, 1 wegen mangelnder Bekenntnisse in verschiedenen Bereichen und keiner biblischen Beweise.

Zurück zum Text  382. Zit. bei Hoffmann, Hermes, 115.

Zurück zum Text  383. S. Schwartz, Kulturkampf, 371ff.

Zurück zum Text  384. S. Schwartz, Opfer; Schwartz nennt noch als weiteres "Opfer" des REs den Prediger K.W.Brumbey, aber wie der Prozeß und insbesondere die Beurteilung der IEK zeigen, hat das RE keine wirkliche Rolle bei der Absetzung Brumbeys gespielt.

Zurück zum Text  385. Zit. bei Hubatsch, Geschichte I, 247.

Zurück zum Text  386. Das Schreiben ist ausführlich zitiert bei Preuß, Beurtheilung III, 80; ausführliches Referat bei Hoffmann, Hermes, 118f.

Zurück zum Text  387. GStA Merseburg Rep 47 Tit 4, 1794-, 4; das Zitat bei Hoffmann, Hermes, 119, ist zu korrigieren.

Zurück zum Text  388. GStA Merseburg Rep 47 Tit 4, 1794-, 6.

Zurück zum Text  389. Zit. bei Stamm-Kuhlmann, König, 138.

Zurück zum Text  390. Zit. bei Schwartz, Kulturkampf, 459.

Zurück zum Text  391. Zit. bei Minolti, Beiträge, 51f; s. auch Schwartz, Kulturkampf, 459f.; wohl nach Wangemann, Bücher I, 6f.

Zurück zum Text  392. GStA Merseburg Rep 47 Tit 4, 1794-, 1f.

Zurück zum Text  393. GStA Merseburg Rep 47 Tit 4, 1794-, 7f; gedruckt: GStA Berlin X HA Rep 40 1774, 192; Archiv St. Marien Berlin Insp. Gen.A Nr. 5.

Zurück zum Text  394. GStA Merseburg Rep 47 Tit 4, 1794-, 9; GStA Merseburg Rep 76 alt XV Nr.2, 41.

Zurück zum Text  395. GStA Merseburg Rep 47 Tit 4, 1794-, 10.

Zurück zum Text  396. S. Schwartz, Kulturkampf, 462f, 482f; Hoffmann, Hermes, 121f: Stamm-Kuhlmann, König, 139; die 150 Taler des inzwischen verstorbenen Wolterdorff hat Friedrich Wilhelm III. 1806 dem unter Friedrich Wilhelm II. seines Amtes enthobenen Brumbey gegeben, s. Schwartz, Opfer, 121.

Zurück zum Text  397. Gegen Hoffmann, Hermes, 120; Hubrich, Staat I, 351f: Foerster, Entstehung, 97.

Zurück zum Text  398. Schwartz, Opfer, 154.

Zurück zum Text  399. Zit. bei Niedner, Ausgaben, 120f Anm.; bei Hubrich, Staat I, 351; s. auch Elliger, Kirche, 36; Foerster, Entstehung I, 103.114ff

Zurück zum Text  400. S. das Protokoll einer Sitzung des Oberkonsistoriums unter Vorsitz v.Woellners bei Niedner, Ausgaben, 119 Anm.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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