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Dr. Rainer Hering: "...daß sie im Gefühle eigener Schuld so reagieren möchten, wie ich es von Ihnen erhoffe."


In den gängigen Darstellungen zur deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts wird das Jahr 1945 als zentraler Einschnitt gesehen, die deutsche Kapitulation im Zweiten Weltkrieg gilt als Ende der zwölf Jahre des "Dritten Reiches". Doch damit waren die Auswirkungen der 1933 erfolgten Machtübertragung an die Nationalsozialisten keineswegs beendet, vielmehr sollte die Auseinandersetzung mit dieser Zeit erst noch beginnen und bis heute für die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland von großer Bedeutung sein. Die Fragen, wie mit dem nationalsozialistischen Erbe umgegangen worden ist und wird, und was mit den Verfolgern geschah, sind noch immer nicht abschließend beantwortet. (2)

Der 1923 in Hamburg geborene und im "Dritten Reich" aus "rassischen Gründen" verfolgte Schriftsteller Ralph Giordano sieht in der unzureichenden Ermittlung und Bestrafung, im "Frieden mit den Tätern" die zweite Schuld nach der ersten unter Hitler.(3) Doch ist diese Schuld erst auf der juristischen Ebene zu sehen? Liegt sie nicht vielmehr schon in der Verdrängung der Opfer aus der Wahrnehmung gleich nach dem Ende des Krieges? Wie diese konkret erfolgte, und welche Rechtfertigungen für das eigene Verhalten im "Dritten Reich" während der Nachkriegszeit aufgestellt wurden, soll exemplarisch an einem hier erstmals publizierten Briefwechsel aus den Jahren 1946/47 aufgezeigt werden.

Die im folgenden abgedruckten Briefe von Professor Dr.phil. Dr.med. Erich Martini (1880-1960), ehemaliger Abteilungsleiter am Hamburger Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten - im folgenden Tropeninstitut(4) -, geben Einblick in das Denken eines Wissenschaftlers nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges; er hatte sich bereits bald nach der Machtübertragung 1933 der NSDAP angeschlossen. Seine Art, mit der jüngsten Vergangenheit umzugehen, war nicht untypisch für die Thematisierung des Nationalsozialismus in der Nachkriegszeit und der frühen Bundesrepublik, so daß diesem Briefwechsel exemplarische Bedeutung zukommt. Durch das Antwortschreiben seines zur Emigration genötigten jüdischen Assistenten Dr. phil. Otto Hecht (1900-1973) wurde Martini ganz konkret und persönlich mit der Perspektive der Opfer der Herrschaft konfrontiert, die er schon frühzeitig durch seinen Parteieintritt unterstützt hatte.

Wer waren die beiden Wissenschaftler, die nach etlichen Jahren der Trennung durch Kontinente brieflich wieder in Kontakt standen?

Erich Christian Wilhelm Martini wurde am 19. März 1880 als Sohn des Oberlandesgerichtspräsidenten Carl Martini (1845-1907) und seiner Frau Agnes Caroline Christina geb. Kessler (1855-1881) in Rostock geboren.(5) Nach dem Abitur studierte er in Tübingen, München und Rostock Biologie und Medizin. Nach der Approbation als Arzt 1906 wirkte er im Anatomischen Institut in Rostock als Assistent und Prosektor (Leiter der Abteilung für Leichenöffnung). 1908 habilitierte er sich dort für Anatomie und 1909 in Tübingen für Zoologie, wo er bis zu seinem Wechsel nach Hamburg lehrte. 1912 übernahm er dort die Leitung der Entomologischen Abteilung des Tropeninstituts, 1919 wurde er Privatdozent für medizinische Zoologie an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der neugegründeten Hamburgischen Universität, die ihm 1923 die Amtsbezeichnung Professor verlieh. Martini war ein international renommierter Wissenschaftler, der 1938 Ehrenmitglied der Rumänischen Akademie der Wissenschaften wurde und Präsident des Internationalen Entomologenkongresses in Berlin war. 1939 wurde er zum außerplanmäßigen Professor an der Hamburger Universität ernannt.(6)

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Zurück zum Text  2. Peter Dudek, "Vergangenheitsbewältigung". Zur Problematik eines umstrittenen Begriffs. Aus Politik und Zeitgeschichte 1-2/1992, S. 44-53. - Norbert Frei, Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit. 2., durchges. Aufl. München 1997.

Zurück zum Text  3. Ralph Giordano, Die zweite Schuld oder Von der Last Deutscher zu sein. Hbg. 1987.

Zurück zum Text  4. Stefan Wulf, Das Hamburger Tropeninstitut 1919 bis 1945. Auswärtige Kulturpolitik und Kolonialrevisionismus nach Versailles (Hamburger Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte, 9). Berlin-Hbg. 1994; Ludger Weß, Tropenmedizin und Kolonialpolitik: Das Hamburger Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten 1918-1945. 1999 Heft 4/1992, S. 38-61; ders., Menschenversuche und Seuchenpolitik - Zwei unbekannte Kapitel aus der Geschichte der deutschen Tropenmedizin. 1999 Heft 2/1993, S. 10-50.

Zurück zum Text  5. Hierzu und zum folgenden Staatsarchiv Hamburg (StA Hbg), 361-6 Hochschulwesen-Dozenten- und Personalakten, I 286 und IV 657; 131-8 Senatskommission für den höheren Verwaltungsdienst, G 5 c HV 40 X/7; 221-11 Staatskommissar für die Entnazifizierung und Kategorisierung, ED 15460.

Zurück zum Text  6. StA Hbg, 113-5 Staatsverwaltung-Allgemeine Abteilung, B V 92b UA 41, und 361-6 Hochschulwesen-Dozenten- und Personalakten, I 286; Hamburger Tageblatt Nr.211 vom 5.8.1938. Entomologie ist die Insektenkunde.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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