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Dr. Rainer Hering: "...daß sie im Gefühle eigener Schuld so reagieren möchten, wie ich es von Ihnen erhoffe."


Dem "Dritten Reich" stand Erich Martini nicht neutral gegenüber: Er trat schon am 1. Mai 1933, also noch vor der Aufnahmesperre, in die NSDAP ein und wurde am 23. September 1933 Mitglied des Nationalsozialistischen Deutschen Dozentenbundes; später folgten Beitritte u.a. in die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt und den Reichskolonialbund.(7) Er soll 1933 in Parteiuniform im Tropeninstitut erschienen sein.(8) 1938 wurde Martini gebeten, für eine Jubiläumsschrift eines Schweizer Kollegen einen Beitrag zu verfassen, doch erkundigte er sich zunächst nach den "arischen Qualitäten" des Jubilars. (9)

Während des Zweiten Weltkrieges wurde Martini 1940 von der Wehrmacht als Lehrer an die Militärärztliche Akademie in Berlin berufen, um Ärzte und Sanitätspersonal in der Tropenmedizin zu unterrichten.(10)

Erich Martini wurde von einem führenden Nationalsozialisten besonders geschätzt, vom Reichsführer SS Heinrich Himmler (1900-1945), der persönlich eine geplante Studienreise Martinis zum "Stand des Läuseproblems im Osten" unterstützte.(11) Die Ungeziefer- und Fliegenbekämpfung war ein wichtiges Anliegen Himmlers, der sogar die Einrichtung eines "Fliegenzimmers" plante, in dem alle SS-Führer und Polizeiangehörige, die die "Fliegen- und Mückenplage" nicht ernst nähmen, eingesperrt werden sollten, um "sich von zu Hunderten und Tausenden in dem Zimmer untergebrachten Fliegen und Mücken liebkosen zu lassen."(12) Himmler plante, ein Entomologisches Zentralinstitut einzurichten, als dessen Leiter der Direktor des Hamburger Tropeninstituts Peter Mühlens (1874-1943) und Erich Martini, der sich sehr für die Gründung dieser Einrichtung eingesetzt hatte, im Gespräch waren. (13) Beide standen für unterschiedliche Positionen in der Tropenmedizin. Während Mühlens zum "eher traditionellen Typus des kolonialverpflichteten Tropenmediziners" gerechnet wird, der in enger Verbindung mit dem Reichskolonialbund stand, gelten Martini und der Leiter der Berliner Militärärztlichen Akademie, Prof. Dr. med. Ernst Rodenwaldt (1878-1965), als zum "militärischen und entschieden rassistischen Flügel der medizinischen Kolonialrevision" gehörig.(14)

Martini wurde 1942 in den "Beirat des Instituts für Entomologie in der Forschungs- und Lehrgemeinschaft "Das Ahnenerbe"" berufen. Die Forschungsgemeinschaft Ahnenerbe e.V. war 1937 von Heinrich Himmler, dem Leiter des SS-Rasse- und Siedlungs-Hauptamtes und "Reichsbauernführer", Richard Walther Darré (1895-1953), und dem Initiator der Forschungsanstalt für Geistesgeschichte, Hermann Wirth (Jahrgang 1885), gegründet worden, wobei Himmler das Amt des Präsidenten übernahm. Ursprünglich war sie zur Erforschung der germanischen Vorgeschichte und der deutschen Volkskunde gedacht, doch wurde bereits vor dem Zweiten Weltkrieg der Schwerpunkt auf die Naturwissenschaften und ab 1939 die kriegsbedingte Zweckforschung gelegt. Ab 1942 kamen wehrmedizinische Menschenversuche hinzu. Für Himmler war das "Ahnenerbe" ein kulturpolitisches Steuerungs- und Gleichschaltungsinstrument der SS in der Polykratie des nationalsozialistischen Staates.(15)

Erich Martini engagierte sich im "Ahnenerbe" für "die Sicherung der Waffen-SS in Rußland gegen Flecktyphus und Verlausungsgefahren". In diesem Zusammenhang regte er die oben schon erwähnte Studienreise über die "Entlausungsfrage" in das Kampfgebiet der Waffen-SS in den "Ostgebieten" an, die von Himmler nachdrücklich befürwortet wurde. Martini galt jedoch als Lehrer an der Militärärztlichen Akademie in Berlin als unabkömmlich, so daß er an der Reise selbst nicht teilnehmen konnte.(16)

Deutlich wird daraus, daß Martini nicht ein unbedeutender "Mitläufer" war, wenngleich die Charakterisierung des Parteiorgans "Hamburger Tageblatts" zu seinem 60. Geburtstag im März 1940 sicherlich übertrieben war: "Als alter Parteigenosse, der schon in der Kampfzeit die Uniform der Politischen Leiter trug, als naturwissenschaftlicher Heimatforscher und Meister volkstümlicher Darstellung hat Prof. Martini sich auch im engeren Kreise unermüdlich eingesetzt."(17)

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Zurück zum Text  7. Bundesarchiv Berlin, Akten des ehemaligen Berlin Document Centers, NSDAP-Mitgliedskarte Erich Martini Nr. 3.030.333, Nationalsozialistischer Deutscher Dozentenbund Nr. 208511.

Zurück zum Text  8. Gespräch mit Dr. Rudolph C. Hecht am 5.11.1997 in Hamburg.

Zurück zum Text  9. StA Hbg, 361-6 Hochschulwesen-Dozenten- und Personalakten, I 286, Reichs- und Preußischer Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung an den Rektor der Hansischen Universität 28.3.1938 über eine entsprechende Anfrage Martinis.

Zurück zum Text  10. Wulf (wie Anm. 4), S. 130; vgl. StA Hbg, 131-8 Senatskommission für den höheren Verwaltungsdienst, G 7 c HV 1942 II/3, Bl. 1, Reichsstatthalter an den Reichsführer SS 18.11.1942.

Zurück zum Text  11. StA Hbg, 131-8 Senatskommission für den höheren Verwaltungsdienst, G 7 c HV 1942 II/3, Bl. 1, Himmler an Reichsstatthalter Kaufmann 3.11.1942. Im Bundesarchiv Berlin gibt es in den Akten des ehemaligen Berlin Document Centers im "Ahnenerbe" (Research) Unterlagen über Martini. Diese waren jedoch trotz zahlreicher Versuche in Berlin nicht im Original einsehbar. Am 26.1.1998 teilte das Bundesarchiv Berlin schriftlich mit, daß diese Akte "offenbar bei der Rücklagerung verlegt" wurde. Durch den Einsatz der Kollegin Martina Werth-Mühl, der auch an dieser Stelle gedankt sei, konnte aber die im Bundesarchiv Koblenz befindliche Verfilmung dieser Materialien herangezogen werden.

Auch Adolf Eichmann (1906-1962) nutzte das Hamburger Tropeninstitut, um das "Madagaskar-Projekt" vorzubereiten (Ich, Adolf Eichmann. Ein historischer Zeugenbericht. Hg. von Rudolf Aschenauer. Leoni am Starnberger See ˛1981, S. 172). Dieser 1940 im Auswärtigen Amt entstandene Plan beinhaltete, vier Millionen Juden auf der Insel Madagaskar anzusiedeln. Die genaue Planung übernahm Eichmann im Reichssicherheitshauptamt. Mit dem Krieg gegen die UdSSR wurde dieser Plan aufgegeben und die Deportation der Juden in die dort neu eroberten Gebiete, wo sie vernichtet werden sollten, begann (Magnus Brechtken, Madagaskar für die Juden. Antisemitische Idee und politische Praxis 1885-1945 [Studien zur Zeitgeschichte, 53]. München 1997).

Zurück zum Text  12. Helmut Heiber (Hg.), Reichsführer! ... Briefe an und von Himmler. München 1970, S. 357, Reichskommissar für das Sanitäts- und Gesundheitswesen SS-Gruppenführer Dr. Karl Brandt (1904-1948) an den Sonderbeauftragten für Schädlingsbekämpfung in Auschwitz Guntram Pflaum 21.8.1944 über das Projekt Himmlers; vgl. auch ebd. S. 171-176, bes. S. 172 Himmler an den Chef des SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamtes, SS-Standartenführer Oswald Pohl (1892-1951), 12.8.1942. Vgl. Richard Breitman, Der Architekt der "Endlösung". Himmler und die Vernichtung der europäischen Juden. Paderborn-München-Wien 1996.

Zurück zum Text  13. Wulf (wie Anm. 4), S. 122. Im Januar 1942 verfaßte Martini eine Denkschrift für Himmlers "Ahnenerbe" über ein Medizinisch-Entomologisches Institut (Bundesarchiv Berlin, Bestand Berlin Document Center, "Ahnenerbe" [Research], Erich Martini). Er sah in der Behandlung entomologischer Fragen in Deutschland einen Rückstand, weil das Deutsche Reich "zu lange von unseren Kolonien getrennt" sei. Diese Forschungen seien aber notwendig: "Sind doch auch die Gesundheitsverhältnisse in der Heimat und in bereits befriedeten Ostgebieten für die Wehrmacht und den Kriegserfolg von allergrößter Bedeutung." (Bl. 1 und 5).

Zurück zum Text  14. Wolfgang Eckardt, Medizin und Kolonialimperialismus. Deutschland 1884-1945. Paderborn/München/Wien/Zürich 1997, S. 527.

Zurück zum Text  15. Michael H. Kater, Das "Ahnenerbe" der SS 1935-1945. Ein Beitrag zur Kulturpolitik des Dritten Reiches (Studien zur Zeitgeschichte, 6). 2., erg. Aufl. München 1997.

Zurück zum Text  16. Bundesarchiv Berlin, Bestand Berlin Document Center, "Ahnenerbe" (Research), Erich Martini, Berufungsschreiben o.D., Martini an den Reichsgeschäftsführer des "Ahnenerbe", den SS-Obersturmbannführer Wolfram Sievers (1905, hingerichtet nach Kriegsende wegen Verantwortung für Menschenversuche) 14.9.1942, Martini an den an den Reisevorbereitungen beteiligten Zoologen und späteren Philosophen Dr. habil. Eduard May (1905-1956) 14.9.1942, May an "Ahnenerbe" 17.9.1942, Himmler an Reichsstatthalter Kaufmann 3.11.1942 (auch in: StA Hbg, 131-8 Senatskommission für den höheren Verwaltungsdienst, G 7 c HV 1942 II/3, Bl. 1), Reichsstatthalter an Himmler 18.11.1942.

Zurück zum Text  17. Hamburger Tageblatt Nr.78 vom 19.3.1940.

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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