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Dr. Rainer Hering: "...daß sie im Gefühle eigener Schuld so reagieren möchten, wie ich es von Ihnen erhoffe."


Im Oktober 1946 erhielt Otto Hecht folgenden Brief seines früheren Vorgesetzten Erich Martini:

Professor Dr. Erich Martini an Dr. Otto Hecht 6. August 1946(24)

Hamburg, d[en] 6. Aug[ust] 1946.

Hamburg 20, Abendrothsweg 21

"Difficile est satiram non scribere." recebido 8/X/[19]46(25)

Sehr geehrter Herr Kollege Hecht!

Zufällig kam mir ein alter Brief in die Hände, und ich fragte mich, wie es Ihnen und den Ihrigen gehen mag. Damals waren Sie sehr in Sorge. Wir selbst sind inzwischen von eigenen Sorgen und Nöten sehr beansprucht worden. So kommt es, daß ich nicht früher angefragt habe, obwohl die Möglichkeit ja schon eine Weile besteht. Lassen Sie doch mal von sich hören.

Ist Ihnen der "alte Kämpfer" Zumpt(26) eigentlich hier schon begegnet, der 1934 in meine Abteilung geschoben wurde und den freundschaftlichen Ton da völlig zerstörte? Ihr Nachfolger wurde ja Eckstein N_27_">(27). Das hat mir Weyer(28) anscheinend tötlich übel genommen. Daß Mühlens(29) der Nachfolger Fülleborns(30) wurde und 1943 gestorben ist, wissen Sie sicher. 1939 entwickelte sich ein Konflikt zwischen ihm und mir, erst schleichend, dann offen, der mir schließlich ein Disziplinarverfahren mit dem Ziel der Entfernung aus dem Amte eintrug sowie alle möglichen Übergehungen.(31) Es ist dem Reichsstatthalter aber nicht geglückt, mich brotlos zu machen. Doch eine Gehaltänderung wegen ungebührlicher Äusserungen über hochgestellte Personen (Mühlens u[nd] Staatssekretär Ahrens(32)) mußte ich mir gefallen lassen, weil ich die Wahrheit gesagt hatte. 1942 wurden Nauck(33), N_34_">(34) und Sonnenschein(35) Abteilungsdirektoren. Ich nicht! Auch Eckstein, der loyal war, wurde übergangen. Weyer dagegen, der öffentlich von mir abgerückt war, und dem ich das Anliegende erwidern mußte, wurde, während ich zur Wehrmacht eingezogen war, zum Abteilungsvorsteher ernannt und ist jetzt hier der Leiter der Entomologischen Abt[eilung] geworden, während Nauck stellvertretender Direktor ist. Der vorsichtige Weyer ist ja erst 1937 der Partei beigetreten und gilt als einer der Unbelasteten, die niemals ernstlich auf Hitlers Seite gestanden haben. Ich selbst hatte bei Rückkehr aus der Gefangenschaft am 22. Juli [19]45 die Lage hier am Institut so unerquicklich gefunden, daß ich alsbald meine Pensionierung beantragt und erhalten habe und anfing, im Ruhestand weiterzuarbeiten. Leider ist es vor ungefähr 6 Wochen den Heutigen gelungen, was dem Reichsstatthalter mißglückt war, mich brotlos zu machen. Man hat mir meine Pension gestrichen, vielleicht aus politischen Gründen, weil ich, wie Sie wissen, schon 1933(36) der Partei beigetreten bin, vielleicht im Grunde, weil Deutschland bankerott ist. Es scheint fast, als ob unser Himmlischer Vater die Paradoxe liebt.

Im Kriege war ich erst Luftschutzarzt im Hafen, war im April 1940 zum Heere eingezogen, arbeitete zuerst an der Militärärztlichen Akademie in Berlin unter Rodenwaldt (37), der das kleine Ziemannsche Tropeninstitut (38) dort rasch zu erheblicher Blüte gebracht hat. Jetzt ist davon nichts mehr übrig. 1941 war ich in Rumänien, 1941 u[nd] [19]42 auch je kurze Zeit in Griechenland, 1944 für 9 Monate in Albanien mit gutem Erfolg gegen die Malaria, im Herbst [19]45 kam ich nach Deutschland zurück.

Im Institut ist der Dachstuhl des Hauptgebäudes abgebrannt und die Ecke mit Reichenows und meinem Arbeitszimmer durch eine Sprengbombe herausgeschlagen. Meine Sonderdrucke sind größtenteils dabei sowie beim Brande der Baracken der Akademie in Berlin vernichtet; ebenso mein Mikroskop, meine Präparate, meine große Kartei, Manuskripte und vieles andere Unersetzliche. - Seit 1939 wohnen wir Eppendorf, Abendrothsweg 21. 1943 beim III. Großangriff konnte ich das große Mietshaus retten, indem ich zwei Brandherde auf dem Bodenraum und im obersten Stockwerk, z.T. noch während der Schießerei und anfangs allein, ablöschte. Wegen der Luftgefahr sind damals meine Frau und beide Kinder aus Hamburg weggegangen. Sie sind 1945 gesund zurückgekehrt. Im Nov[ember] 1943 habe ich den ausgebombten Kollegen Reichenow aufgenommen, später seine Schwester. Außerdem wohnen bei uns seit Juli 1943 zwei ausgebombte Damen, die Sie nicht kennen. Entsprechend sind die Verhältnisse zu Hause eng. Im Institut wünscht Herr Nauck mich nicht mehr, seit ich die Pension verloren habe. Außerdem läßt einem die Sorge um die tägliche Ernährung nicht Muße und Konzentration zu rechter wissenschaftlicher Arbeit. So bin ich heute ungefähr in der Lage wie Sie 1938.(39) Hoffentlich hat sich die Ihrige ebenso verbessert. Ob jetzt das Ende meiner wissenschaftlichen Betätigung ist, läßt sich noch nicht übersehen.

Leben Sie wohl. Beste Grüße von Haus zu Haus. Ihr sehr erg[ebener] E[rich] Martini.

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Zurück zum Text  24. Handschriftlich ein Blatt, Vorder- und Rückseite eng beschrieben.

Bei der Transkription der Briefe wurden offensichtliche Schreibfehler stillschweigend korrigiert und die Schreibweise normalisiert (z.B. ae wie ä, ss wie ß). Hervorhebungen entstammen dem Original.

Zurück zum Text  25. Eingangsvermerk "erhalten" 8.10.1946 und Zusatz des Empfängers Otto Hecht. Das Zitat - "Es ist schwer, eine Satire (darüber) nicht zu schreiben." - ist unterstrichen. Der Ausspruch geht auf den römischen Satiriker Juvenal (ca. 60-nach 127) zurück.

Zurück zum Text  26. Prof. Dr. phil. Dr. sc. Fritz Zumpt (1908-1985), Zoologe, arbeitete vom 1.2.1933 bis zum 31.8.1934 als Durchgasungsleiter bei der Hamburger Firma Tesch und Stabenow, ab dem 1.9.1934 als medizinischer Entomologe im Tropeninstitut; am 1.9.1942 wurde er dort Abteilungsvorsteher. Zumpt gehörte der NSDAP seit dem 1.3.1932 an, von 1932 bis 1934 zählte er zum Korps der politischen Leiter, 1935 trat er der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt und dem Reichskolonialbund bei (StA Hbg, 221-11 Staatskommissar für die Entnazifizierung und Kategorisierung, ED 17328). Nach Wulf galt er als politisch engagiertester "Parteigenosse" im Tropeninstitut, er war Redner für Kolonial- und Rassepolitik der Gaupropagandaleitung der NSDAP Hamburg und Mitarbeiter des Rassepolitischen Amtes der NSDAP. Am 31.7.1945 wurde er entlassen (Wulf [wie Anm. 4], S. 87, 147 und 175). Im Rahmen des Entnazifizierungsverfahrens wurde er 1948 im Berufungsverfahren in die Gruppe V ("Unbelastete") eingestuft. Im selben Jahr ging er nach Südafrika und arbeitete im Institut für medizinische Forschung, 1975 wurde er in Witwatersrand Professor.

Zurück zum Text  27. Fritz Eckstein, Assistent der Entomologischen Abteilung, wurde am 9.4.1940 von der Wehrmacht an die Militärärztliche Akademie nach Berlin beordert (Wulf [wie Anm. 4], S. 130).

Zurück zum Text  28. Prof. Dr. rer.nat. habil. Fritz Weyer (Jahrgang 1904), wurde am 2.1.1934 Assistent und war von 1942 bis 1969 Leiter der Entomologischen Abteilung (Wulf [wie Anm. 4], S. 192, Anm. 936).

Zurück zum Text  29. Prof. Dr. med. Peter Mühlens (1874-1943), Direktor des Tropeninstituts von 1933 bis 1943.

Zurück zum Text  30. Prof. Dr. med. Friedrich Fülleborn (1866-1933), seit 1901 Mitarbeiter des Tropeninstituts, leitete als Nachfolger Prof. Dr. med. Bernhard Nochts (1857-1945) von 1930 bis 1933 das Tropeninstitut.

Zurück zum Text  31. 1939 kam es zu einem Konflikt mit dem Direktor des Tropeninstituts Mühlens. Erich Martini kritisierte die von Mühlens durchgeführte Untersuchung über den Diebstahl eines privaten Briefes aus dem Schrank Wilhelm Weises. Martini empfand das Verhalten von Mühlens als parteiisch und provozierend, so daß er am 15. April 1939 eine detaillierte Eingabe ("Bericht von E. Martini über eine unsaubere Angelegenheit im Tropeninstitut, in die mehrere Parteigenossen verwickelt sind und die mir allgemeinere Bedeutung zu haben scheint") an Adolf Hitler schickte, die auch beleidigende Äußerungen über Mühlens enthielt. Mühlens erhielt erst im Frühjahr 1940 davon Kenntnis, 1941 leitete der Reichsstatthalter Karl Kaufmann (1900-1969) ein Ermittlungsverfahren gegen Martini ein, das zwei Jahre später eingestellt wurde; Martini erhielt eine Gehaltskürzung von fünf Prozent für ein Jahr auferlegt (StA Hbg, 131-8 Senatskommission für den höheren Verwaltungsdienst, G 5 c HV 40 X/7; 361-6 Hochschulwesen-Dozenten- und Personalakten, I 286; vgl. auch Wulf [wie Anm. 4], S. 136-140).

Zurück zum Text  32. Georg Ahrens (1896-1974) wurde am 28.3.1933 Staatsrat, am 6.7.1933 Staatssekretär, am 7.11.1934 Senator und am 24.8.1938 Vertreter des Reichsstatthalters im Bereich der staatlichen Verwaltung mit der Amtsbezeichnung "Präsident".

Zurück zum Text  33. Prof. Dr. med. Dr. med. vet. h.c. Ernst Georg Nauck (1897-1967), von 1930 bis 1943 Leiter der Pathologisch-Anatomischen Abteilung, von 1943 bis 1963 Direktor des Tropeninstituts; 1958/59 war der ordentliche Professor für Tropenmedizin zudem Rektor der Universität Hamburg.

Zurück zum Text  34. Prof. Dr. phil. Eduard Reichenow (1883-1960), war seit 1921 Leiter der Protozoologischen Abteilung am Tropeninstitut (Weß, Menschenversuche [wie Anm. 4], S. 26). Protozoen sind Urtierchen, tierische Einzeller, die vor allem in den Subtropen und Tropen als Krankheitserreger, z.B. der Malaria, verbreitet sind.

Zurück zum Text  35. Prof. Dr. med. Curt Sonnenschein (1894-1986), Bakteriologe, zunächst wissenschaftlicher Assistent am Tropeninstitut, ab 1935 Leiter der Bakteriologischen Abteilung; 1941 wurde er ordentlicher Professor in Würzburg.

Zurück zum Text  36. Jahreszahl unterstrichen, am Rande ein Ausrufezeichen, vermutlich vom Empfänger angebracht.

Zurück zum Text  37. Prof. Dr. med. Ernst Rodenwaldt (1878-1965), 1935 bis 1950 Professor in Heidelberg, Leiter der Tropenmedizinischen Abteilung der Militärärztlichen Akademie in Berlin (Wulf [wie Anm. 4], bes. S. 129-140).

Zurück zum Text  38. Der Parasitologe Prof. Dr. Hans Ziemann (1865-1939) war Begründer der Tropenmedizinischen Abteilung an der Berliner Militärärztlichen Akademie (Wulf [wie Anm. 4], S. 129f).

Zurück zum Text  39. Im Januar 1938 schrieb Hecht an Martini, um sich für eine Einladung zum Internationalen Entomologenkongreß zu bedanken, und schilderte seine Lebensumstände in Palästina (dazu s.u., StA Hbg, 221-11 Staatskommissar für die Entnazifizierung und Kategorisierung, ED 15460).

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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