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Christian Käselau: Der Kartell-Convent der Tendenzverbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens als ein Beispiel für jüdische Korporationsverbände im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik


1 Einleitung

Der Kartell-Convent der Tendenzverbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens (KC) stellte einen der ersten jüdischen Studentenverbände im Deutschen Kaiserreich dar. (1)

Im Rahmen dieser Arbeit soll ausgehend von der gesellschaftlichen Entwicklung in den Jahren nach der Reichsgründung 1871 in Deutschland die Entstehungsgeschichte des Kartell-Convents und seiner ersten Verbindungen untersucht werden. Außerdem soll der KC in das Spektrum studentischer und jüdischer Organisationen eingeordnet werden, und es sollen verbandsinterne Positionen auf der Grundlage der KC-Blätter, der verbandseigenen Monatsschrift, untersucht werden.

Eine zentrale Fragestellung dabei wird sein, wie innerhalb des KC mit der eigenen Identität als jüdische Minderheit umgegangen wurde und welche Konsequenzen für das Auftreten als jüdische Studenten aus den zunehmenden antisemitischen Anfeindungen gezogen wurden.

Als zeitlicher Rahmen für die Betrachtung ergibt sich dabei in etwa der Zeitraum von 1870/71 bis 1933. Begründet liegt diese Wahl des zeitlichen Rahmens darin, daß die Entstehung des KC als jüdische Studentenorganisation direkt mit den gesellschaftlichen Entwicklungen im Kaiserreich zusammenhängt und der KC ursächlich aus diesen hervorgegangen ist. Das Jahr 1933 schließlich markiert das Ende des KC unter nationalsozialistischer Herrschaft.

Um den historischen Kontext zu klären, in dem die Entstehung des KC stand, soll einleitend die demographische und soziokulturelle Stellung der Juden in Deutschland nach 1871 erörtert werden. Hierbei stütze ich mich im wesentlichen auf die Beiträge von Monika Richarz über "Die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung" und "Berufliche und soziale Struktur".(2)

Von zentraler Bedeutung für die Entstehung des KC ist darüber hinaus die allgemeine Situation innerhalb der Wilhelminischen Gesellschaft in den ersten Jahren nach der Reichsgründung. Diese Situation wird daher in einem zweiten Abschnitt des zweiten Kapitels ausführlich behandelt werden.

Konkret geht es hierbei um den Wandel in der Beantwortung der aufgeworfenen "Judenfrage"(3) und das Wiederaufleben alter Judenfeindschaften. Besonders Shulamit Volkov (4) und Herrmann Greive (5) haben in diesem Zusammenhang den Begriff des "modernen Antisemitismus" eingeführt, der zwar auf alten, religiös motivierten Feindbildern basiert, der aber erstmals rassische und pseudowissenschaftliche Argumente gegen die Judenemanzipation ins Feld führt.

Die Entwicklung des modernen Antisemitismus und die Rolle seiner Vorreiter wie etwa die des Hofpredigers Adolf Stoecker oder Heinrich von Treitschkes im Berliner Antisemitismusstreit sind auch im Zusammenhang mit der Entstehung des KC von besonderer Bedeutung, da sie den Weg des Antisemitismus in die Bildungsschichten und insbesondere in die deutsche Studentenschaft skizzieren, und daher auch Thema dieses zweiten Kapitels.

Im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Entwicklung des Antisemitismus im Wilhelminischen Deutschland ist insbesondere die Arbeit von Werner Jochmann zu erwähnen. (6) Jochmann stellt hier die gesellschaftliche Funktion des Antisemitismus in den Jahren der "Gründerkrise" dar.

Für das Eindringen des Antisemitismus in die deutsche Studentenschaft, das Thema des dritten Kapitels, ist vor allem die Arbeit von Norbert Kampe von Bedeutung, in der er das Verhalten der verschiedenen studentischen Organisationen im Hinblick auf den Antisemitismus untersucht hat.(7) In diesem dritten Kapitel soll insbesondere verdeutlicht werden, wie der moderne Antisemitismus zur dominanten Ideologie für alle Formen studentischer Organisationen wurde und was dies für jüdische Studenten zur Folge hatte.

Diese Entwicklung ist im Rahmen dieser Arbeit von Interesse, da sie die Voraussetzung darstellt, unter der es förmlich als logische Konsequenz zur Gründung eigener jüdischer Studentenverbindungen kam. Diese Entwicklung wird im vierten Kapitel behandelt werden.

Das fünfte Kapitel befaßt sich mit der Entstehungsgeschichte der ersten jüdischen Studentenverbindungen und deren Zusammenschluß zum Kartell-Convent. In diesem Kapitel soll insbesondere eine Einordnung des KC in das Spektrum jüdischer Organisationen und Verbände erfolgen. Im wesentlichen wird dabei das Verhältnis zum Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (CV) als Vertretung der liberalen jüdischen Mehrheit und das Verhältnis zur zionistischen Bewegung als wichtigster innerjüdischen Gegenbewegung im Mittelpunkt stehen. Daneben erfolgt hier aber auch eine erste Auseinandersetzung mit den Tendenzen und Inhalten der KC-Verbindungen.

Im Zusammenhang mit dem KC sind insbesondere die Arbeiten von Adolph Asch (8), der ebenfalls die Geschichte des KC auf Grundlage der KC-Blätter untersucht hat, und von Thomas Schindler(9), dessen Arbeit sich mit jüdischen Studentenverbindungen allgemein befaßt, von Bedeutung.

Den Schwerpunkt dieser Arbeit bildet dann das sechste Kapitel. Hier sollen Tendenzen des KC und verbandsinterne Auseinandersetzungen mit tagespolitischen, gesellschaftlichen und studentischen Themen untersucht werden. Als zentrale Quelle hierfür dienen die KC-Blätter, die verbandseigene Monatszeitschrift, die in dem Zeitraum von 1910 bis zum Verbot des Verbandes 1933 herausgegeben worden ist.

Anders als bei Asch sollen die KC-Blätter nicht chronologisch und nach Entwicklungsphasen des Verbandes geordnet untersucht werden, sondern es werden verschiedene Artikel zu bestimmten Themengebieten einander gegenübergestellt, um daraus Aussagen über Tendenzen und auch Kontroversen innerhalb des KC ableiten zu können.

Die KC-Blätter liegen in Hamburg als vollständige Mikrofilmkopie im Institut für die Geschichte der deutschen Juden, Rothenbaumchaussee 7, vor. Diese dienten mir als Arbeitsgrundlage. Darüber hinaus hatte ich im Institut für Hochschulkunde an der Universität Würzburg die Möglichkeit, die KC-Blätter im Original einzusehen.

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Zurück zum Text  1. Thomas Schindler: Studentischer Antisemitismus und jüdische Studentenverbindungen 1880 - 1933, Kapitel IV.: Die jüdischen Korporationsverbände, Seite 107-146, Jever 1988

Zurück zum Text  2. Monika Richarz: Die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung, Seite 13-38, und: Berufliche und soziale Struktur, Seite39-68, in: Michael A. Meyer (Hrsg): Deutsch-jüdische Geschichte in der Neuzeit, Band III, Umstrittene Integration 1871-1918, München 1997

Zurück zum Text  3. Der Begriff Judenfrage", den ich in dieser Arbeit mehrfach verwende, ist angelehnt an die Arbeit von Norbert Kampe: Studenten und Judenfrage" im Deutschen Kaiserreich, Göttingen 1988.
Ich halte den Begriff für sinnvoll, da durch die Anführungszeichen gleichzeitig verdeutlicht wird, daß er dem historischen Kontext entnommen ist.

Zurück zum Text  4. Shulamit Volkov: Die Juden in Deutschland 1780 - 1918, in:
Lothar Gall (Hrsg.): Enzyklopädie deutscher Geschichte, Band 16, München 1994

Zurück zum Text  5. Herrmann Greive: Geschichte des modernen Antisemitismus in Deutschland, Darmstadt 1983

Zurück zum Text  6. Werner Jochmann: Gesellschaftskrise und Judenfeindschaft in Deutschland 1870-1945, Hamburg 1988

Zurück zum Text  7. Norbert Kampe: Studenten und Judenfrage" im Deutschen Kaiserreich, Göttingen 1988

Zurück zum Text  8. Adolph Asch: Geschichte des K.C. (Kartellverband jüdischer Studenten) im Lichte der deutschen kulturellen und politischen Entwicklung, London 1964

Zurück zum Text  9. Schindler: Studentischer Antisemitismus und jüdische Studentenverbindungen 1880 - 1933

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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