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Christian Käselau: Der Kartell-Convent der Tendenzverbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens als ein Beispiel für jüdische Korporationsverbände im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik


2.1.2 Bevölkerungsentwicklung

Die allgemeine Lebenssituation der Juden wurde aber nur geringfügig durch die rechtliche Gleichstellung beeinflußt. Tatsächlich führten die historisch bedingten, spezifischen Lebensumstände und die anhaltenden Vorbehalte gegen Juden dazu, daß die Juden in Deutschland trotz aller Emanzipationsbemühungen eine soziokulturelle Minderheit darstellten, die sich in zahlreichen Faktoren von der übrigen Gesellschaft abhob. (12)

Zur zahlenmäßigen Entwicklung der deutschen Juden in der Zeit nach der Reichsgründung läßt sich sagen, daß ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung rückläufig war, da die allgemeine Bevölkerungsvermehrung größer war als die Zunahme der jüdischen Bevölkerungsteile. Anzumerken ist hierbei noch, daß die jüdische Bevölkerung mehr durch Einwanderung als durch natürliche Vermehrung wuchs. Die folgende Tabelle verdeutlicht noch einmal die Bevölkerungsentwicklung in den Jahren 1871 bis 1910: (13)

Jahr Allg. Bevölkerung
in Millionen
Juden Prozent
1871 41,06 512153 1,25
1880 45,23 561612 1,24
1890 49,42 567884 1,15
1900 56,32 586833 1,04
1910 64,92 615021 0,95

Richarz nennt in ihrem Text verschiedene Gründe, die zu dieser rückläufigen Entwicklung geführt haben. Zum einen ist hier die geringe Geburtenrate anzuführen, die 1908 bei 17 pro 1000 Einwohnern und somit um fast 50 % unter der allgemeinen Geburtenrate von 33 pro 1000 Einwohnern lag.(14)

Daneben spielten aber noch die Auswanderung deutscher Juden vor allem in die USA, Richarz spricht von 70.000 bis 80.000 - zumeist jungen - Emigranten während des Kaiserreichs,(15) sowie der Abfall durch Mischehe oder Taufe eine entscheidende Rolle. Konversion wurde insbesondere für diejenigen Juden interessant, die eine akademische Laufbahn anstrebten, da viele Berufe weiterhin für Juden kaum zugänglich waren.

Mischehen zwischen Juden und Christen waren auch nach der erfolgten Emanzipation vorerst nicht möglich, da die christliche Kirche diese verbot. Erst mit Einführung der Zivilehe im Deutschen Reich im Jahre 1875 konnten Ehen zwischen Juden und Christen geschlossen werden, ohne daß ein Ehepartner konvertieren mußte. Obwohl viele Juden die Mischehe weiterhin ablehnten, da sie darin eine Gefahr für die jüdische Gemeinschaft als, wie Richarz schreibt, "soziokulturelle Gruppe, die eine lange Geschichte verband"(16) , sahen, nahm die Zahl an Mischehen in den folgenden Jahren doch merklich zu. Waren es zwischen 1876 und 1880 noch 4,4% der heiratenden Juden in Preußen, die eine Mischehe eingingen, so stieg dieser Anteil zwischen 1906 und 1910 schon auf 13,2% und zwischen 1916 und 1920 auf 20,8%. (17) Die demographischen Unterschiede werden noch abgerundet durch die Tatsache, daß unter den Juden im Kaiserreich eine besonders starke Mobilität festzustellen ist. Diese begründet sich historisch dadurch, daß Juden nie ein Heimatrecht durch Geburt besaßen, sondern immer abhängig von einem landesherrlichen Privileg und somit zu einer permanenten Mobilität gezwungen waren.(18)

Der hohe Grad an Mobilität führte dazu, daß viele Juden sehr schnell auf die gesellschaftlichen Entwicklungen im Kaiserreich reagierten und unter ihnen eine rasche Wanderungsbewegung in die Städte und in die industrialisierten Regionen einsetzte. Insbesondere das politische und wirtschaftliche Zentrum Berlin verspürte einen solchen Zustrom jüdischer Bürger, ihre Zahl stieg zwischen 1871 und 1910 von 36.325 auf 144.043. Der Urbanisierungsprozeß im Deutschen Reich und die verstärkte Abwanderung von Juden in größere Städte wird aus der folgenden Tabelle deutlich: (19)

Ortsgrößenklasse 1871 1910
Juden (%) Gesamtbev. (%) Juden (%) Gesamtbev. (%)
unter 20.000 70,4 87,7 31,8 65,3
20.000 - 50.000 6,2 3,5 8,0 7,9
50.000 - 100.000 8,8 4,0 7,0 5,5
über 100.000 14,6 4,8 53,2 21,3

Zusammenfassend bezeichnet Richarz die jüdischen Bevölkerungsteile im deutschen Kaiserreich aufgrund der demographischen Entwicklung als im "Resultat eine sehr städtische, sehr mittelständische und zunehmend geburtenschwache Minderheit. Die jüdische Minorität nahm früh demographische Kennzeichen der Modernisierung vorweg - höhere Lebenserwartung, niedrigere Geburtenrate und die Konzentrierung in den Großstädten. Diese Merkmale bildeten gleichzeitig Symptome der fortgesetzten Verbürgerlichung." (20)

2.1.3 Berufs- und Sozialstruktur

Besondere Auffälligkeiten zeigen sich auch in der Berufsstruktur und der sozialen Stellung der deutschen Juden im Kaiserreich. Die unterschiedliche Berufsstruktur wird aus folgender Tabelle ersichtlich, die eine prozentuale Verteilung der Erwerbstätigen auf verschiedene Berufsfelder angibt:(21)

1895

1907

Gesamtbev. Juden Gesamtbev. Juden
Landwirtschaft 37,5 1,6 35,2 1,6
Handwerk/Industrie 37,5 22,5 40,0 26,5
Handel / Verkehr 10,6 65,2 12,4 61,4
freie Berufe/ öff. Dienst 6,4 7,1 6,2 7,9
häusliche Dienste 8,0 3,6 6,2 2,6

Die Zahlen verdeutlichen, daß ein Großteil der Juden im Handel tätig war, während ihr Anteil an den traditionell noch starken landwirtschaftlichen Berufen sehr gering war. Zum einen läßt sich dieses historisch begründen. Die Handelstätigkeit war in der voremanzipatorischen Zeit eines der wenigen Berufsfelder, das für Juden offen war. Das Verbot, Land zu besitzen, verstärkte diese Entwicklung. Von besonderer Bedeutung waren hier der Waren- und Produktenhandel, Vermittlungsgeschäfte als Makler und Kommissionäre oder Geld- und Kreditgeschäfte.(22) Zum anderen spielt hier aber auch die oben angesprochene Mobilität unter Juden eine Rolle. Allgemein waren Handel und Industrie diejenigen Wirtschaftssektoren, die im späten 19. Jahrhundert immer größere Bedeutung erlangten, während der landwirtschaftliche Sektor in dem anbrechenden Industriezeitalter immer weiter zurückgedrängt wurde.

Viele Juden reagierten sehr schnell auf diese neuen wirtschaftlichen Verhältnisse und erwiesen sich flexibel in ihrer Berufswahl, konnten sie doch auf lange Traditionen in diesen jetzt florierenden Gewerben zurückgreifen. Richarz schreibt dazu: "Die jahrhundertelange Handelstätigkeit der Juden unter repressiven Bedingungen hatte zur Ausprägung eines eigenen Wirtschaftsverhaltens geführt, das auch nach der Emanzipation noch erkennbar blieb.(...) Kennzeichnend für das erworbene Wirtschaftsverhalten waren vor allem der Mut zum Risiko, die Bereitschaft zu Innovationen, die Werbung um den Kunden und das Handeln in einem Netzwerk von Beziehungen mit anderen jüdischen Firmen im In- und Ausland.(...) Solches Wirtschaftsverhalten war entstanden als Überlebensstrategie einer Minderheit unter dem finanziellen Druck der deutschen Landesherren." (23)

Ein weiteres Merkmal spezifisch jüdischer Sozialstruktur ist der hohe Stellenwert, den höhere Bildung und akademische Berufe einnahmen. Motiviert durch die im Kaiserreich gegebene rechtliche Gleichstellung sahen viele Juden für sich oder ihre Kinder in einer qualifizierten Bildung die Chance, sich endgültig zu assimilieren.

So besuchten 1906/07 in Frankfurt a.M. 86% und in Hamburg sogar 96% der jüdischen Kinder weiterführende Schulen (24); an den preußischen Hochschulen machte der Anteil jüdischer Studenten im Jahr 1886/87 9% aus, was fast dem zehnfachen ihres Gesamtbevölkerungsanteils entsprach.(25)

Die akademischen Berufe, die von jüdischen Studenten angestrebt wurden, waren im wesentlichen die des Anwalts, Journalisten oder Arztes, also freie Berufe, da es für Juden noch immer schwierig war, in den Staatsdienst als Richter, Lehrer o.ä. übernommen zu werden.

Die starke Konzentration auf akademische Berufe wird an anderer Stelle noch einmal aufgegriffen werden, da hierin eine Wurzel des in den achtziger Jahren aufkommenden Antisemitismus liegt, der die Übersättigung des Arbeitsmarktes mit Akademikern in hohem Maße den Juden zur Last legte.(26)

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die Juden im Kaiserreich in hohem Maße versuchten, die durch die rechtliche Gleichstellung erhaltenen Möglichkeiten für sich zu nutzen. Dadurch wurden sie zu einer wichtigen Trägerschicht der gesellschaftlichen Modernisierungen und Transformationen. Gleichzeitig orientierten sie sich dabei sehr stark an bürgerlich - liberalen Ideen und Grundsätzen, gehörten doch ca. zwei Drittel der deutschen Juden dem Bürgertum an.(27)

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Zurück zum Text  12. Die folgende Darstellung basiert im wesentlichen auf den Beiträgen von Monika Richarz über Die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung" und Berufliche und soziale Struktur" in:
Meyer (Hrsg): Deutsch-jüdische Geschichte in der Neuzeit

Zurück zum Text  13. Tabelle und Angaben über die jüdische Bevölkerungsentwicklung nach:
Richarz: Die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung, Seite 13

Zurück zum Text  14. Ebenda, Seite 15

Zurück zum Text  15. Ebenda, Seite 17

Zurück zum Text  16. Ebenda, Seite 19

Zurück zum Text  17. Ebenda, Seite 19

Zurück zum Text  18. Ebenda, Seite 28

Zurück zum Text  19. Ebenda, Seite 31

Zurück zum Text  20. Ebenda, Seite 38

Zurück zum Text  21. Tabelle nach:
Richarz: Berufliche und soziale Struktur, Seite 41

Zurück zum Text  22. Ebenda, Seite 49

Zurück zum Text  23. Ebenda, Seite 47

Zurück zum Text  24. Ebenda, Seite 57

Zurück zum Text  25. Ebenda, Seite 58

Zurück zum Text  26. Vergleiche dazu auch: Abschnitt II.2.4

Zurück zum Text  27. Richarz: Berufliche und soziale Struktur, Seite 66

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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