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Christian Käselau: Der Kartell-Convent der Tendenzverbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens als ein Beispiel für jüdische Korporationsverbände im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik


Neben einer jüdischen Oberschicht, die sich in gesellschaftlichen Führungspositionen wie etwa dem Großunternehmertum, dem Bankierswesen oder in der Politik befand ( Albert Ballin, Familie Rothschild, Emil Rathenau u.a.) und dafür einen Teil ihrer jüdischen Identität und Tradition aufgab, gab es ein relativ breites jüdisches Großbürgertum und ein weites Spektrum an Juden, die den mittleren Einkommensklassen angehörten. Trotz eines starken Zugehörigkeitsgefühls zu dieser bürgerlichen Gesellschaft des Kaiserreiches blieben die Juden weitestgehend isoliert von dem allgemeinen Bürgertum. Ihre Assimilationsbemühungen stießen auf ein breites Feld von Ablehnung und Widerständen. Volkov schreibt dazu: "Während die Juden - und dessen waren sie sich nur zu gut bewußt - im Hinblick auf einige wichtige Aspekte ein integraler Bestandteil der Wilhelminischen Gesellschaft und Kultur waren, entwickelten sie gleichzeitig eine neue, gemeinsame jüdische Identität, wobei sie allerdings die Eigenart der Entwicklung oft nicht verstanden und manchmal ausdrücklich verneinten. Während sie alte Merkmale traditioneller jüdischer Lebensart verloren und diese durch ein wahres Deutschtum" zu ersetzen glaubten, nahmen sie in Wirklichkeit an einem Prozeß teil, in dem sie eine andere, besondere soziokulturelle Existenz entwickelten, die modern, nicht traditionell, aber trotzdem jüdisch war." (28)

Neben dem Fortbestehen der besonderen Berufsstruktur meint Volkov hiermit insbesondere die Art und Weise der jüdischen Akkulturation. Während viele Juden bemüht waren, ihr äußeres Erscheinungsbild, also ihre Kleidung und ihre der Öffentlichkeit zugänglichen Bräuche, der Gesellschaft anzupassen, konzentrierte sich ihre spezifisch jüdische Eigenart auf den Familienkreis. Die Familie wurde zu einem Refugium, in dem traditionelle, jüdische Bräuche gepflegt werden konnten. Viele religiöse Traditionen wie etwa die Einhaltung des Sabbats oder der starke Bezug auf die jüdische Gemeinde als Lebensmittelpunkt verloren nun allerdings an Bedeutung, und es wurden auch in diesem intimen Familienumfeld immer mehr Merkmale der jüdischen Kultur und Tradition abgelegt.

Auch Lowenstein sieht die Juden im Kaiserreich einem starken Transformationsprozeß unterworfen. Demnach waren es insbesondere die in den Städten lebenden Juden, die immer weniger Interesse für religiöse Inhalte des Judentums zeigten und sich vielmehr über familiäre oder kulturelle Traditionen mit dem Judentum identifizierten. So entstand dort eine solche Situation, daß die Mehrheit der dort lebenden Juden immer stärker säkularisiert wurde - sich also auch in diesem Punkt dem modernen deutschen Bürgertum weiter anglich - während sich nur noch ein kleinere Gruppe der Juden dem orthodoxen oder religiös-liberalen Judentum zugehörig fühlte. In Hamburg z.B. machte dieser Teil des deutschen Judentums, der im orthodoxen "Synagogenverband" oder im liberalen "Tempelverband" organisiert war, weniger als ein Drittel aller in Hamburg verzeichneten Juden aus.(29)

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Zurück zum Text  28. Shulamit Volkov: Jüdisches Leben und Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert , München 1990, Seite 132

Zurück zum Text  29. Steven M. Lowenstein: Das religiöse Leben, Seite 105/106, in: Meyer, Seite 101-122

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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