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Christian Käselau: Der Kartell-Convent der Tendenzverbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens als ein Beispiel für jüdische Korporationsverbände im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik


2.2 Zur Vorgeschichte: Der moderne Antisemitismus im Kaiserreich und sein Vordringen in die Studentenschaft

2.2.1 Der Wandel in der Beantwortung der entstandenen deutschen "Judenfrage"

Die Stellung der Juden in der deutschen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts war geprägt von einigen einschneidenden Veränderungen.

Wie oben angesprochen gab es zu Beginn des 19. Jahrhunderts in einzelnen deutschen Staaten erste Ansätze einer Gleichstellung der Juden. Die gesellschaftliche Außenseiterrolle, die die Juden bisher hatten einnehmen müssen, wurde hier erstmals thematisiert, vorher war sie selbstverständlich und wurde nicht hinterfragt. (30) In der Literatur wird die Zeit vom Aufkommen einer solchen "Judenfrage" bis zur vollständigen rechtlichen Gleichstellung der Juden im Kaiserreich als "Zeitalter der Emanzipation" (31) bezeichnet.

In diesem Sinne unterscheidet auch Massing die von liberalen Tendenzen geprägte Phase der Judenemanzipation von dem in den Jahren nach der Reichsgründung einsetzenden Antisemitismus.(32)

Allgemein kennzeichnend für diese Phase war, daß die Diskussion um die "Judenfrage" sich parallel mit der bürgerlich-liberalen Bewegung und der Entwicklung eines modernen Rechtsstaats entwickelte, so daß mögliche Lösungen für die gesellschaftliche Außenseiterrolle der Juden in deren Emanzipation und nicht etwa in einem Schüren des alten religiösen Judenhasses und einer Ausgrenzung der Juden gesucht wurden: "Solange sich die bürgerliche Bewegung im Aufstieg, in der historischen Offensive befand, solange war die "Judenfrage" Emanzipationsfrage." (33)

Die Jahre nach der Reichsgründung 1871 bewirkten nun einen Wandel in der Art und Weise, wie die aufgeworfene "Judenfrage" zu beantworten sei. Nicht mehr die Emanzipation, sondern alte Judenfeindlichkeit wurde verstärkt betont. Arendt sieht in dem entstandenen modernen Nationalstaat, in dem die Juden aufgrund ihrer rechtlichen Gleichstellung und ihrer oben erwähnten eigenen Mobilität eine besondere Rolle einnahmen, den Ursprung des modernen Antisemitismus, der sich in seinem Charakter von der alten, zumeist religiös begründeten Judenfeindlichkeit deutlich absetzt.(34)

Voraussetzung für diesen Wandel von der Emanzipation hin zum Antisemitismus waren verschiedene Faktoren. Rürup spricht in diesem Zusammenhang von einer durch die politischen und gesellschaftlichen Transformationsprozesse von einer ständisch-korporativen Gesellschaft in eine industriell - kapitalistische Konkurrenzgesellschaft erzeugten nationalen und kulturellen Identitätskrise. (35) Verstärkt wurde diese Entwicklung noch durch einen allgemeinen Niedergang des Liberalismus seit Mitte der Siebziger Jahre, deutlich erkennbar in der konservativen Wendung der Regierung unter Bismarck.(36)

Insbesondere die 1873 einsetzende wirtschaftliche Depression und der "Gründerkrach" führten dazu, daß ein Bewußtseinswandel in der deutschen Bevölkerung einsetzte: "Die vielfältigen strukturellen Probleme, die sich für weite Bevölkerungsschichten während dieser Übergangszeit stellten, verbanden sich nun mit den besonderen Schwierigkeiten, die durch das Auftauchen jüdischer Konkurrenten in ihnen zuvor verschlossenen Berufen wie auch in ihnen zuvor versperrten Landschaften und Gemeinden verursacht wurden. (...) Der Jude wurde zur Symbolfigur der bürgerlich-kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft, freilich nicht bei ihren Trägern, sondern bei ihren Kritikern."(37)

Schnell wurden kausale Zusammenhänge zwischen der Entwicklung des modernen Kapitalismus und der Judenemanzipation propagiert. Eine Folge war, daß sich besonders in den Bildungsschichten die Erkenntnis verbreitete, daß Gewinnstreben einem "jüdischen Charakter" entspräche und die negativen Aspekte des modernen Nationalstaates auf den neuen Einfluß jüdischer Kreise zurückzuführen seien. Forderungen nach Rücknahme von Erfolgen der Judenemanzipation waren die logische Konsequenz.(38)

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Zurück zum Text  30. Reinhard Rürup: Emanzipation und Antisemitismus, in: Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Band 15, Göttingen 1975, Seite 75ff.

Zurück zum Text  31. Volkov: Die Juden in Deutschland 1780 - 1918, Seite 102
Der Begriff des Emanzipationszeitalters" findet sich ebenso bei Reinhard Rürup (vgl. Anmerkung 30 )

Zurück zum Text  32. Paul W. Massing: Vorgeschichte des politischen Antisemitismus, Frankfurt a. M. 1986

Zurück zum Text  33. Rürup, Seite 81

Zurück zum Text  34. Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Frankfurt a.M. 1955

Zurück zum Text  35. Rürup, Seite 123 f.

Zurück zum Text  36. Ebenda

Zurück zum Text  37. Rürup, Seite 83

Zurück zum Text  38. Jochmann, Seite 16/17

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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