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Christian Käselau: Der Kartell-Convent der Tendenzverbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens als ein Beispiel für jüdische Korporationsverbände im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik


2.2.2 Die Entstehung des modernen "Antisemitismus"

Die einsetzende Phase erneuter Judenfeindlichkeit wird in der Literatur allgemein als Phase des "modernen Antisemitismus"(39) bezeichnet. Wie oben erwähnt, benutzt auch Arendt diese Formulierung, und ebenso trennt Massing die neuen Formen der Judenfeindlichkeit ab Mitte der siebziger Jahre von der alten, religiös motivierten Judenfeindlichkeit.(40)

Greive betont in seiner Arbeit über den modernen Antisemitismus aber auch, daß trotz aller Versuche, sich von einer rein religiösen Argumentation in der Ablehnung der Juden zu lösen und damit eine neuartige antijüdische Bewegung zu schaffen, weiterhin eine "Anknüpfung an Befangenheiten und Animositäten des alten religiösen Gegensatzes" (41)deutlich zu erkennen blieb.

Offenkundig wurde der neue Charakter dieser einsetzenden Bewegung schon dadurch, daß der von dem Journalisten Wilhelm Marr erstmals aufgebrachte Begriff Antisemitismus sehr schnell zu einem Synonym für die neue antijüdische Haltung wurde. Der direkte Bezug auf das Semitentum macht deutlich, daß Juden hier erstmals nicht als religiöse Gruppe, sondern als eine Rasse angesehen wurden. Der Begriff implizierte eine wissenschaftliche, rassentheoretische Erklärung für jüdische Eigenarten und verhalf so gleichzeitig "einer sich herausbildenden germanischen Ideologie" (42) zu größerer Bedeutung.

Marr stärkte den neuen, rassisch geprägten Antisemitismus auch durch seine Schrift Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum: Vom nicht confessionellen Standpunkt aus betrachtet, die 1879 erstmals verlegt wurde und innerhalb eines Jahres in zwölf Auflagen erschien. Marr konnte hier einem breiten Publikum seine neue Argumentationsweise vorlegen.(43)

Volkov bezeichnet den in dieser Zeit aufkommenden Antisemitismus als einen "kulturellen Code" (44), der auf rationaler Ebene und auf einer Ebene der Werte und Normen den Menschen die Möglichkeit einer kulturellen Identität gab. Der Begriff wurde zu einem Sammelbecken für all diejenigen, die den Problemen der Zeit eine typisch deutsche Ideologie als Antwort entgegenstellen wollten und die in dem emanzipierten Judentum den vermeintlichen Grund für diese Probleme sehen wollten. Inhalte, die mittels des Antisemitismus transportiert wurden, waren zum Beispiel eine antimoderne Grundhaltung, die Verklärung historisch-deutscher Ideale, Antiliberalismus, -kapitalismus oder -sozialismus und auch starker Nationalismus. Grundpfeiler dieser Ideologie wurden das Christentum und das deutsche Junkertum. (45) Volkov sieht so im Wilhelminischen Deutschland zwei gegensätzliche politische Kulturen bestehen, die Judenemanzipation als liberal-moderne Kultur und den Antisemitismus: "Der Antisemitismus ist zum konstitutiven Element des Nationalismus und - in Verbindung mit Konservativismus und Kulturpessimismus - zum integrierenden Bestandteil einer neuen, imperialistischen Tendenz in Deutschland geworden." (46)

Jochmann bezeichnet den Antisemitismus ebenfalls in diesem Sinne als "erste bürgerliche Gegenbewegung gegen die Prinzipien der modernen Gesellschaft." (47)

Eine Erklärung für die Empfänglichkeit vieler Menschen für eine solche Ideologie mag zum einen darin liegen, daß der Antisemitismus trotz seiner neuen rassischen Komponenten fast nahtlos an die Tradition des alten Judenhasses anknüpfen konnte und viele intuitive Einstellungen gegenüber den "fremdartigen" Juden bereits vorhanden waren.

Goldhagen spricht in diesem Zusammenhang von einem "gesellschaftlichen Gespräch", das bestimmte Wertvorstellungen und Normen einer Gesellschaft tradiert, so daß diese auch über mehrere Generationen hinweg als Grundeinstellungen oder Verhaltensmuster erhalten bleiben können. Er bezeichnet solche kulturellen Traditionen als "kognitive Modelle (...). die dem Denken der Deutschen über die soziale Welt, die Politik und insbesondere über die Juden zugrunde lagen." (48)

Ein anderer Grund kann darin liegen, daß der Antisemitismus sich zu einer Sammelbewegung entwickelte, die in ihrer Ablehnung gegen alles Moderne viel Spielraum für die unterschiedlichsten Motive ließ. Allein die Projektion der Verantwortung für die bestehenden Verhältnisse auf die Juden wurde zum gemeinsamen Nenner. Volkov spricht so auch davon, daß der Antisemitismus in den neunziger Jahren "zu einer einzigartigen, weitverbreiteten Kultur"(49) wurde.

Nicht zuletzt muß die Entstehung dieser antisemitischen Grundstimmungen auch im Zusammenhang mit der konservativen Wende in der Politik und dem Wiedererstarken konservativer Gruppen und Zirkel gesehen werden.

Norbert Kampe spricht im Zusammenhang mit der konservativen Wende von der "Zweiten" oder "Konservativen Reichsgründung" als einem in der Fachliteratur anerkannten Begriff. (50)

Im Gegensatz zu Goldhagen sieht Jochmann den Antisemitismus mehr als ein von oben gesteuertes Phänomen. Seiner Ansicht nach machten sich die konservativen Gruppen die allgemeine Politisierung der Arbeiterschaft und Landbevölkerung (51) zunutze, indem sie versuchten, bestimmte Interessengruppen für ihre politischen Ziele zu gewinnen. Der moderne Antisemitismus war somit "keine spontane Bewegung benachteiligter Volksschichten, die gegen soziale Ungerechtigkeiten protestierten, sondern primär ein Instrument der Führungs- und Bildungsschichten zur Erhaltung und Stärkung der bestehenden politischen Ordnung."(52)

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Zurück zum Text  39. Volkov: Die Juden in Deutschland 1780 - 1918, Seite 47

Zurück zum Text  40. Vergleiche dazu: Anmerkung 32 und 34

Zurück zum Text  41. Greive, Seite 48

Zurück zum Text  42. Volkov: Jüdisches Leben und Antisemitismus, Seite 26

Zurück zum Text  43. Greive, Seite 64f.

Zurück zum Text  44. Volkov: Jüdisches Leben und Antisemitismus, Seite 13

Zurück zum Text  45. Ebenda, Seite 20

Zurück zum Text  46. Ebenda, Seite 18/19

Zurück zum Text  47. Jochmann, Seite 52

Zurück zum Text  48. Daniel Goldhagen: Hitlers willige Vollstrecker, Berlin 1996, Seite 67

Zurück zum Text  49. Volkov: Jüdisches Leben und Antisemitismus, Seite 33

Zurück zum Text  50. Kampe, Seite 17

Zurück zum Text  51. Jochmann, Seite 18/19

Zurück zum Text  52. Ebenda, Seite 19

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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