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Christian Käselau: Der Kartell-Convent der Tendenzverbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens als ein Beispiel für jüdische Korporationsverbände im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik


2.2.3 Das Eindringen des Antisemitismus in die politischen Parteien und in die Bildungsschichten

Die antisemitische Bewegung im Wilhelminischen Deutschland erlebte ab 1878 einen ersten Höhepunkt, eine Welle von judenfeindlichen Schriften und Kundgebungen überflutete das Land. Im Januar 1878 gründete der Hofprediger Adolf Stoecker in Berlin dann auch die erste antisemitische politische Partei, die "Christlich-soziale Arbeiterpartei", die insbesondere sozialdemokratische Arbeiterkreise ansprechen sollte.(53)

Bereits 1879 folgte die zweite Gründung einer antisemitischen Partei. Der bereits erwähnte Wilhelm Marr gründete die "Antisemitenliga".(54) Beide Versuche einer politischen Organisierung schlugen fehl; es läßt sich aber erkennen, daß der Antisemitismus schon soweit zum Bestandteil des gesellschaftlichen Gesprächs"(55)geworden ist, daß immerhin erste politische Zusammenschlüsse stattfanden.

Größere Bedeutung für den gesellschaftspolitischen Einfluß des Antisemitismus hatte ein Ereignis im November 1879. Am 15. November 1879 veröffentlichte der Historiker Heinrich von Treitschke in den Preußischen Jahrbüchern einen Artikel, in dem er Stellung zur innenpolitischen Lage des Deutschen Reichs nahm und in dem er seinen eigenen politischen Standpunkt darlegte.(56) Insbesondere formulierte v.Treitschke hierin einen offenkundig antisemitischen Standpunkt. Von Treitschke griff hier die oben schon herausgestellten Bilder des Antisemitismus auf, die die Juden als Personifizierung des profitorientierten Kapitalismus hinstellen. Gleichzeitig bediente er sich aber eben auch des Bildes von den Juden, das tradiert durch den alten christlichen Judenhaß in den Köpfen der Menschen fest verankert war: "(...) aber unbestreitbar hat das Semitenthum an dem Lug und Trug, an der frechen Gier des Gründer-Unwesens einen großen Antheil, eine schwere Mitschuld an jenem schnöden Materialismus unserer Tage, der jede Arbeit nur noch als Geschäft betrachtet und die alte gemüthliche Arbeitsfreudigkeit unseres Volkes zu ersticken droht; in tausenden deutscher Dörfer sitzt der Jude, der seine Nachbarn wuchernd ausverkauft." (57)

Diese Ausführung v.Treitschkes verdeutlicht noch einmal sehr gut die von Greive dargestellte Verbindung der neuen antisemitischen Argumentation mit den tradierten Judenbildern, die ihren Ursprung in der religiösen Judenfeindlichkeit haben. (58)

An anderer zentraler Stelle schreibt v. Treitschke: "Bis in die Kreise höchster Bildung hinauf, unter Männern, die jeden Gedanken kirchlicher Unduldsamkeit oder nationalen Hochmuths mit Abscheu von sich weisen würden, ertönt es heute wie aus einem Munde: die Juden sind unser Unglück!" (59)

Die Reaktionen liberaler Professoren ließen nicht lange auf sich warten, und es kam zu einem öffentlichen Disput über die von v.Treitschke aufgeworfene Judenfrage, der allgemein als Berliner Antisemitismusstreit (60) bezeichnet wird. Insbesondere die folgende, öffentlichkeitswirksame Auseinandersetzung zwischen Heinrich von Treitschke und dem Historiker Theodor Mommsen stellte einen Höhepunkt in diesem Streit dar, aber auch zahlreiche andere liberale Wissenschaftler drückten ihren Widerstand gegen den von Treitschke formulierten Standpunkt in einer veröffentlichten und unterzeichneten Erklärung aus.(61)

Mommsen, der erstmals in einem Artikel unter dem Titel Auch ein Wort über unser Judenthum zu den Ausführungen von Treitschkes Stellung nahm, machte diesem insbesondere den Vorwurf, daß der Artikel durch die gesellschaftliche Stellung von Treitschkes als Professor der antisemitischen Bewegung Vorschub leisten und von Treitschke sich dieser Bewegung so als Autorität und Vorreiter zur Verfügung stellen würde. Mommsen schrieb unter anderem: "Das unvermeindliche und unvermeindlich ungerechte Generalisieren wirkt verstimmend und erbitternd, während es selbstverständlich eine Lächerlichkeit sein würde, von solchen Schilderungen eine Besserung der bezeichneten Schäden zu erwarten. Darin vor allem liegt das arge Unrecht und der unermeßliche Schaden, den Herr v. Treitschke mit seinen Judenartikeln gemacht hat.(...) Was er sagte, war damit anständig gemacht. Daher die Bombenwirkung jener Artikel, die wir alle mit Augen gesehen haben. Der Kappzaum der Scham war dieser "tiefen und starken Bewegung" abgenommen; und jetzt schlagen die Worte und spritzt der Schaum.(...) Herr v. Treitschke hat mit gutem Recht einen politischen und moralischen Einfluß auf seine Nation wie heute kein zweiter Publicist; er wird, wie es üblich ist, für seine hohe Stellung bestraft durch die Wirkung seiner Fehler." (62)

Der Vorwurf, den Antisemitismus durch sein Vorgehen salonfähig gemacht zu haben, den Mommsen hier gegen von Treitschke erhob, sollte sich im weiteren Verlauf in der Tat als die entscheidende Konsequenz aus dem Antisemitismusstreit und der von von Treitschke entfesselten Diskussion herausstellen.

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Zurück zum Text  53. Ebenda, Seite 46

Zurück zum Text  54. Ebenda, Seite 48

Zurück zum Text  55. Vergleiche dazu: Anmerkung 48

Zurück zum Text  56. Siehe dazu: Walter Boehlich (Hrsg.): Der Berliner Antisemitismusstreit, Frankfurt a.M. 1965

Zurück zum Text  57. Ebenda, Seite 11

Zurück zum Text  58. Vergleiche dazu: Anmerkung 41

Zurück zum Text  59. Boehlich, Seite 13

Zurück zum Text  60. Ebenda

Zurück zum Text  61. Ebenda, Seite 205/206

Zurück zum Text  62. Ebenda, Seite 221-223

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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