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Christian Käselau: Der Kartell-Convent der Tendenzverbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens als ein Beispiel für jüdische Korporationsverbände im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik


2.2.4 Das Eindringen des Antisemitismus in die Studentenschaft

Zwei wesentliche Konsequenzen ergaben sich aus von Treitschkes Vorgehen. Zum einen sorgte er dafür, daß die antisemitische Agitation, die sich bislang noch immer ohne eine verbindende Ideologie oder Organisation als eine Vielzahl von Einzelaktivitäten und Einzelmotiven zeigte, nun durch seine Artikel eine theoretische Grundlage und einen Orientierungspunkt erhielt. Volkov sieht die Bedeutsamkeit von Treitschkes für die Entwicklung des Antisemitismus darin, daß er es durch seine Schriften ermöglichte, "die geistigen, politischen und moralischen Grenzen einer neuen Ideologie abzustecken und die Umrisse einer Kultur zu skizzieren, in der diese Ideologie gedeihen konnte." (63)

Die zweite, sehr viel konkretere Konsequenz aus von Treitschkes Schriften lag in ihrer Wirkung auf die Studentenschaft. Wenn auch der Großteil der Professoren und Wissenschaftler wie erwähnt seinen Standpunkt ablehnte, so war die Wirkung dieser an die Universitäten getragenen deutschen Judenfrage auf die Studenten doch sehr viel brisanter.

Erstmals sichtbar wurde eine solche antisemitische Politisierung der Studenten im Sommer 1880, als die schon in den siebziger Jahren aufgetretenen Antisemiten Bernhard Förster, Max Liebermann v. Sonnenberg, Ernst Henrici und Prof. Friedrich Zöllner eine Antisemitenpetition initiierten, in der sie Zuwanderungsbeschränkungen, Berufsverbote im Justiz- oder Schuldienst sowie die Wiedereinführung einer Judenstatistik forderten. Die Petition wurde im April 1881 Reichskanzler von Bismarck mit etwa 265.000 Unterschriften vorgelegt. Darunter waren Unterschriften von ca. 4000 Studenten, was einem Anteil von etwa 19% der gesamten Studentenschaft entsprach.(64)

Insbesondere unter den Studenten in Berlin fand die Antisemitenpetition sehr schnell Anklang. Bereits im Sommer 1880 bildete sich hier unter Führung des Jurastudenten Paul Dulon ein Akademisch Rechtswissenschaftlicher Verein, der sich der Verbreitung der Antisemitenpetition widmete. Im November 1880 setzte Dulon seine Arbeit in Leipzig fort, wo er ein Komitee zur Verbreitung der Petition unter der Studentenschaft gründete.(65)

Ausgehend von den Zentren Berlin und Leipzig konnten nun hauptsächlich an norddeutschen Universitäten Anhänger für die Petition gefunden werden; vor allem in Halle, Kiel und Rostock fanden sich viele Unterzeichner. (66)

Angespornt durch die große Resonanz, die die Petition und allgemein die aufgeworfene "Judenfrage" erfuhren, kam unter den Studenten nun rasch die Idee einer Vereinsgründung zur Festigung der im Aufbau befindlichen antisemitisch-nationalen Strukturen auf. Innerhalb eines halben Jahres bildeten sich an verschiedenen Universitäten die neuen Vereine Deutscher Studenten (VDSt). Ausgehend von Berlin, wo sich der Verein im Dezember konstituierte, entstanden Vereine Deutscher Studenten im Februar 1881 in Halle, Leipzig und Breslau, im März in Göttingen, im Mai an der TH-Charlottenburg und im Juni in Kiel und Greifswald.(67)

Über die inhaltliche Ausrichtung dieser VDSt geben die beiden ersten Paragraphen der im Dezember 1880 in Berlin ausgearbeiteten Satzung Aufschluß:

1 Der Zweck des Vereins ist die Hebung und Pflege des Deutschen Nationalbewußtseins.
2 Jeder auf hiesiger Hochschule immatrikulierte Student Deutscher Abstammung, ohne Rücksicht auf Staatsangehörigkeit, kann Mitglied des Vereins werden. (68)

Auffallend hieran ist, daß an erster Stelle nicht der Antisemitismus genannt wird, sondern die Pflege des Nationalbewußtseins. Hierin läßt sich wieder die dahinterstehende Ideologie erkennen, die mittels des Antisemitismus transportiert werden sollte. Auch in der weiteren Entwicklung der Vereine Deutscher Studenten wird deutlich, daß ein starkes Gewicht auf das Herausarbeiten und Konkretisieren einer Grundideologie gelegt wurde.

Im Juli 1881, als sich mittlerweile an sieben deutschen Universitäten Vereine Deutscher Studenten gebildet hatten, entstand die Idee, diese Vereine in einem Kartell zusammenzufassen. In einem entsprechenden Aufruf , ausgehend von dem VDSt Leipzig, hieß es: Kommilitonen! Auf neuem Boden erwachsen neue Aufgaben. Heute droht der Feind nicht von außen: heute gilt"s einzutreten für deutsche Art und deutsche Sitte, für deutsche Treue und deutschen Glauben. Die unheimlichen Mächte der nackten Selbstsucht und der weltbürgerlichen Vaterlandslosigkeit, der Entsittlichung und der Entchristlichung unterwühlen den uralt festen Boden unseres Volkstums.(...) Kommilitonen! Kommt am Jahrestage der Siege von Wörth und von Spicheren, kommt am Sonnabend, den 6. August mit uns auf den Kyffhäuser.
Freut Euch mit uns des wiedererstandenen Kaisers und des deutschen Reiches deutscher Nation!" (69)

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Zurück zum Text  64. Kampe, Seite 23

Zurück zum Text  65. Ebenda, Seite 24-26

Zurück zum Text  66. Ebenda, Seite 31

Zurück zum Text  67. Ebenda, Seite 33

Zurück zum Text  69. Kampe, Seite 44

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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