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Christian Käselau: Der Kartell-Convent der Tendenzverbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens als ein Beispiel für jüdische Korporationsverbände im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik


Auch wenn dieser Aufruf nicht ausdrücklich antisemitisch geprägt war, so enthielt er doch alle die Adjektive, die den Juden zugeschrieben wurden. Der Aufruf konnte auf diese Weise eine möglichst breite Schicht an Studenten ansprechen, die sich alle darin wiederfinden sollten.

Auf dem eigentlichen Kyffhäuserfest dann wurden die Hauptredner, Diederich Hahn und Robert Wagner, sehr viel deutlicher und stellten in ihren Reden den Antisemitismus als zentrales Element der Bewegung heraus.

Aus der Rede, gehalten von Diederich Hahn am 6. 8.1881 auf dem Kyffhäuserfest:
"Es gilt zu arbeiten für die innere Gestaltung unseres Volkes und Vaterlandes. Wir haben ein Reich, wir lassen Gut und Blut dafür. Vieles in ihm ist noch mangelhaft, Judentum, Franzosentum, wohin wir blicken. Es ist die Aufgabe der christlich-germanischen Jugend, das auszurotten, denn uns gehört die Zukunft. (...) Es war im vorigen Winter, da fiel"s wie eine Bombe hinein in die Studentenschaft, und es hat mächtig gezündet. Wir begeistern uns wieder für die alten Ideale des Christentums und des Deutschtums." (70)

Robert Wagner stellte in seiner Rede erneut die Verbindung zwischen der Judenfrage und einer sozialen Frage her: "Der größte Teil der Studentenschaft ist jetzt der Überzeugung geworden, daß die soziale Frage die Lebensfrage des deutschen Volkes ist, daß wir in einer der schlimmsten, aber gewiß der segenreichsten Krisis stehen, einer Krisis, die mit Aufbietung aller Kräfte durchkämpft werden muß zum Heile unseres Volkes. (...) Gar mancher von uns steht an der Schwelle des bürgerlichen Lebens, wo wir unsere Worte werden in die Tat verwandeln können und müssen."(71)

Die gesellschaftliche Bedeutung dieser Entwicklung innerhalb der Studentenschaft, die jetzt eine verstärkte Politisierung erfuhr und deutsch-nationale Ideale gepaart mit Kaisertreue als eigene Ideologie entwickelte, liegt in der von Wagner in seiner Rede angesprochenen Tatsache, daß diese Studenten nach einigen Jahren akademischer Ausbildung in verantwortungsvolle Positionen übergehen würden, wo sie als Beamte, Richter oder Lehrer dem Antisemitismus Vorschub leisten und zugleich noch eigene Gesinnungsgenossen begünstigen konnten. Jochmann spricht in diesem Zusammenhang von einer "Umkehrung der Verfassung durch die Verwaltung".(72)

Außerdem hatten Akademiker dadurch großen gesellschaftspolitischen Einfluß im Wilhelminischen Deutschland, daß viele Menschen sich in diesen Zeiten zunehmender Bildung und Politisierung an den Bildungsschichten orientierten. Antisemitische Einstellungen unter Lehrern, Juristen, Ärzten, Pastoren oder Apothekern hatten so gute Chancen, von breiten Bevölkerungsteilen übernommen zu werden.(73)

Kampe schreibt in diesem Zusammenhang: "Das primär politische Interesse in den Reihen der Vereine Deutscher Studenten setzte sich in Karrieren mit hoher propagandistischer Multiplikationswirkung um (Pfarrer, Lehrer), mit Abstand gefolgt vom Justizdienst." (74)

Dem Kyffhäuserverband der Vereine Deutscher Studenten (KV), der auf dem Kyffhäuserfest als Zusammenschluß der bestehenden Vereine Deutscher Studenten gegründet wurde, schreibt Kampe eine zentrale Rolle für die Entwicklung des Antisemitismus in der Studentenschaft zu. Er sieht diese Bedeutung darin, "den Antisemitismus seit 1880 mit enormer Hartnäckigkeit und verblüffender Konsequenz in die Studentenschaft eingeführt zu haben, bis er in der ersten Hälfte der 1890er Jahre in weiten Kreisen der Korporierten wie der Nichtkorporierten zum verbindlichen Bestandteil "nationaler" Haltung wird." (75)

Auffallend an der skizzierten Entwicklung an den deutschen Universitäten ist vor allem, daß die "Judenfrage" und der Antisemitismus insbesondere unter den Studenten auf große Resonanz stieß, während die Professorenschaft sehr viel verhaltener reagierte. Für diese Wirkung der durch v. Treitschke initiierten Diskussion lassen sich zwei Hauptgründe anführen.

Zum einen spielen die Hauptakteure Heinrich v. Treitscke und Adolf Stoecker hier eine ganz wesentliche Rolle.(76)

Stoecker, der - wie oben erwähnt - seit 1879 politisch für den Antisemitismus tätig war, war bekannt für seine mitreißenden und von leidenschaftlichem Haß erfüllten Reden, die einen immer größeren Zuhörerkreis erreichten. Insbesondere die Studentenschaft war dann auch empfänglich für diese Gedanken und es bildete sich ein fester Kreis von Zuhörern, die unter dem Einfluß der Reden Stoeckers standen. Jochmann schreibt zu der Bedeutung des Hofpredigers in dieser Zeit: "Da Stoecker und sein ihm treu ergebener und stets wachsender Anhang aber nicht nur zehn, sondern 25 Jahre immer wieder das Bildungsbürgertum ansprachen, trugen sie zu der völkisch-antisemitischen Ausformung des deutschen Nationalismus erheblich bei." (77)

Wie Stoecker, so beeinflußte auch Heinrich von Treitschke die Studenten durch seine Schriften zur "Judenfrage" und seine Ausführungen in Vorlesungen. Er prägte so ebenfalls das politische Denken der Studenten und trug dazu bei, den Antisemitismus aus einer primitiv-vulgären Rolle herauszuholen und als Bestandteil einer anerkannten Ideologie zu etablieren. Von Gerlach schrieb denn auch: "Hofprediger Stöcker und Professor von Treitschke waren die beiden Götter des V.d.St."(78)

Der zweite Grund für die große Resonanz in der Studentenschaft liegt in der besonderen Situation an den deutschen Universitäten in diesen Jahren.(79)

In den Jahren nach 1880 setzte nun allgemein eine "Krise der akademischen Bildung" (80) ein. Die starke Zunahme der Studentenzahlen, die sogenannte "Frequenzexpansion" (81), bei der die Universitäts-Studentenzahl von reichsweit ca. 20.000 im Jahr 1880 auf 60.235 im Jahr 1914 anstieg, (82) führte zu einem erheblichen Überschuß an Akademikern auf dem Arbeitsmarkt und zur Bildung des sogenannten "akademischen Proletariats". Der hohe Anteil jüdischer Studenten, die sich besonders an den medizinischen oder juristischen Fakultäten konzentrierten, schürte so mit das "Konkurrenzsyndrom deutscher Studenten" (83), die den Juden die Schuld an dieser Situatuion zuschrieben.

Der Antisemitismus war so zu einem integralen Bestandteil einer neuen Kultur geworden, die besonders unter Studenten Fuß gefaßt hatte.(84) Auch wenn die Betonung der "Judenfrage" hierbei unterschiedliches Gewicht erhielt, so war sie doch immer untrennbar als Gegenpol zu den Idealen des Deutschtums miteinbezogen. Die Konsequenzen aus dieser Tatsache für die deutsche Studentenschaft sollen Thema des nächsten Kapitels sein.

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Zurück zum Text  70. Ebenda, Seite 48

Zurück zum Text  71. Roos-Schumacher, Seite 39/41

Zurück zum Text  72. Jochmann, Seite 60

Zurück zum Text  73. Ebenda, Seite 60/61

Zurück zum Text  74. Kampe, Seite 124

Zurück zum Text  75. Ebenda, Seite 139

Zurück zum Text  76. Siehe dazu: Jochmann, Seite 17-23,
und auch: Greive, Seite 60/61

Zurück zum Text  77. Jochmann, Seite 19

Zurück zum Text  78. Greive, Seite 61

Zurück zum Text  79. In Kapitel II.1.3 wurde kurz der überdurchschnittlich hohe Anteil jüdischer Studenten an der Gesamtstudentenschaft skizziert.

Zurück zum Text  80. Kampe,Kapitel 1.2: Strukturelle Rahmenbedingungen: Die Krise der akademischen Bildung 1880-1900, Seite 52-70

Zurück zum Text  81. Ebenda

Zurück zum Text  82. Siehe dazu: Konrad H. Jarausch: Deutsche Studenten 1800 - 1970, Frankfurt a.M. 1984, Seite 72,
und auch: Kampe, Seite 56

Zurück zum Text  83. Jarausch, Seite 90

Zurück zum Text  84. Siehe dazu: Volkov: Jüdisches Leben und Antisemitismus, Seite 33

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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