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Christian Käselau: Der Kartell-Convent der Tendenzverbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens als ein Beispiel für jüdische Korporationsverbände im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik


3 Allgemeine Korporatisierungstendenzen und die Entwicklung des Antisemitismus zur sozialen Norm

Die Stärkung des Korporatismus innerhalb des studentischen Verbindungswesens soll in in einem ersten Teil dieses Kapitels dargestellt werden. Hier soll außerdem ein Überblick über das Spektrum der bestehenden Studentenverbindungen gegeben werden.

Eine wichtige Rolle in diesem Zusammenhang spielt die Verbindung traditioneller Elemente mit neuen, antisemitischen Elementen zu einer neuartigen sozialen Norm der Wilhelminischen Akademikerschaft. Der zweite Teil dann behandelt den Ausschluß jüdischer Studenten aus den traditionellen Studentenverbindungen als Konsequenz aus den erörterten Entwicklungen.

3.1 Entwicklungen innerhalb des studentischen Verbindungswesens im Kaiserreich

Die Organisationsstruktur der akademischen Jugend im deutschen Kaiserreich erfuhr eine deutliche Veränderung im Vergleich zu der liberal geprägten deutschen Studentenschaft des Vormärz. Jarausch spricht in diesem Zusammenhang von einer Tendenzwende der akademischen Jugend, die sich in einem Korporatisierungsprozeß befand. (85) Besonders der starke Traditionalismus und die große Bedeutung studentischen Brauchtums wurden zu zentralen Merkmalen dieses Prozesses. Im zweiten Teilabschnitt dieses Kapitels, der sich mit dem Ausschluß jüdischer Studenten befaßt, wird darüber hinaus auch der Einfluß der Korps auf andere studentische Verbindungen deutlich, die sich direkt an dem Verhalten der Korps orientierten. Kampe spricht in diesem Zusammenhang davon, daß antijüdische Grundhaltungen hier sehr stark mit noch bestehenden oder neu übernommenen Normen des studentischen Traditionalimus zu einer "neuen Einheit" verschmolzen.(86)

Die Korps waren die bedeutendste Gruppe der studentischen Organisationen. Sie gingen aus den regionalen studentischen Landsmannschaften des frühen 19. Jahrhunderts hervor. In dieser Tradition stehend, waren die Korps allgemein sehr konservativ, verstanden sich als grundsätzlich apolitisch und waren sehr traditionalistisch. Ab 1855 waren die Korps organisiert in dem Kartell des Kösener Senioren-Convent-Verbands (KSC-V). Daneben blieben die alten Landsmannschaften aber auch weiterhin in dem seit 1868 bestehenden Coburger Landsmannschaften-Convent organisiert. (87)

Zu den wichtigsten Merkmalen der Korps, in denen um die Jahrhundertwende fast 50% der Studenten organisiert waren(88), zählten neben dem bereits erwähnten starken Traditionalismus ein ausgeprägter Ritualismus und Ehrenkodex sowie als zentrales Element die Bestimmungsmensur, die getrennt von dem Duell zu einem eigenständigen "akademischen Kastenzeichen" (89) wurde.

Neben den Korps waren die Burschenschaften die zweitgrößte studentische Organisationsform. In der Tradition der studentischen Burschenschaftsbewegung aus der Zeit nach den Befreiungskriegen 1813/14 waren die Burschenschaften grundsätzlich politisch im Sinne einer nationalen Idee. Das Bild der Burschenschaften war aber uneinheitlich und reichte von radikal-demokratisch über weltbürgerlich-aufklärerisch oder liberal-konstitutionell bis hin zu deutsch-national. Organisiert waren die Burschenschaften ab 1881 im Allgemeinen Deputierten - Convent (ADC). (90)

Als christlich konzentrierte Abspaltungen von der Burschenschaftsbewegung gab es auf protestantischer Seite ab 1850 die Kartellvereinigung Wingolfsbund, die ab 1885 in den Schwarzburgbund überging, und auf katholischer Seite den Cartell-Verband (CV) sowie den farbentragenden und stärker traditionell orientierten Kartell-Verband (KV).(91)

Eine weitere Spielart der Burschenschaftsbewegung waren die Reformburschenschaften, die ab 1883 im Allgemeinen Deutschen Burschenbund (ADB) organisiert waren und sich stark an den liberalen Idealen der 1848-Bewegung orientierten.

Als letztes sei noch die akademische Turnbewegung erwähnt, die sich ebenfalls ab 1883 im Kartell des Akademischen Turn-Bundes (ATB) zusammenschloß.(92)

Für das gesamte Spektrum der Burschenschaftsbewegung läßt sich festhalten, daß die klassischen Burschenschaften trotz der erwähnten Vielfalt an politischen Einstellungen um die Idee der nationalen Einheit konvergierten, während die im CV, KV oder Schwarzburgbund organisierten Burschenschaften stärker das christliche Prinzip in den Vordergrund rückten und die Reformburschenschaften eine grundsätzlich liberale Ausrichtung beibehielten.

Die große Bedeutung des Korporationswesens und Traditionalismus für die deutsche Studentenschaft dieser Zeit läßt sich neben dem hohen Grad an studentischer Organisation auch daran ablesen, daß die neugegründeten Vereine Deutscher Studenten sehr schnell ihren, wie Kampe es bezeichnet, "überkorporativen Anspruch" (93) aufgeben und sich in das bestehende Korporationssystem eingliedern mußten. Die VDSt übernahmen so mit Ausnahme der Mensur und des Farbentragens einen Großteil studentischen Brauchtums und unterwarfen sich dem bestehenden Traditionalismus. Gleichzeitig banden sie sich in die bestehende Prestigehierarchie ein und versuchten, in ihrer Bedeutung mit den Burschenschaften gleichzuziehen.

Kampe sieht in den tradionalistischen Elementen, die hier auf die Vereine Deutscher Studenten einwirkten, eine entscheidende Konsequenz für die Entwicklung der deutschen Studentenschaft, wenn er schreibt: "Der Traditionalismus wurde dadurch auf politisch interessierte studentische Kreise ausgedehnt, die sonst kaum je intimere Berührung damit erhalten hätten."(94)

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Zurück zum Text  85. Jarausch ,Abschnitt II.5: Die Tendenzwende der akademischen Jugend 1867-1917. Verbindungswesen und Korporatismus im Kaiserreich, Seite 59-70

Zurück zum Text  86. Kampe, Seite 185

Zurück zum Text  87. Siehe zu diesem Abschnitt: Kampe, Teil 2, 2.1: Vorbemerkung zum studentischen Traditionalismus und Korporationswesen, Seite 111-124

Zurück zum Text  88. Siehe dazu: Jarausch, Seite 69

Zurück zum Text  89. Kampe, Seite 114

Zurück zum Text  90. Ebenda, Seite 118/119

Zurück zum Text  91. Ebenda, Seite 120

Zurück zum Text  92. Ebenda, Seite 120

Zurück zum Text  93. Ebenda, Seite 121

Zurück zum Text  94. Ebenda, Seite 121

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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