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Christian Käselau: Der Kartell-Convent der Tendenzverbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens als ein Beispiel für jüdische Korporationsverbände im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik 4 Reaktionen auf jüdischer SeiteIn diesem Kapitel soll kurz erörtert werden, wie jüdische Studenten im Kaiserreich auf die Anfeindungen und Ausgrenzungen reagierten. Das Thema wird zwar in Kapitel V.1. im Zusammenhang mit dem Kartell-Convent noch einmal aufgegriffen werden, allerdings soll hier im direkten Zusammenhang mit dem beschriebenen Ausschluß jüdischer Studenten schon kurz darauf eingegangen werden. Daneben wird in einem zweiten Teil über die Gründung jüdischer Studentenverbindungen hinaus das Spektrum jüdischer Vereine und Organisationen skizziert. Hierbei sollen auch unterschiedliche Reaktionsmuster auf die antisemitischen Anfeindungen dargestellt werden. 4.1 Die Gründung jüdischer KorporationenFür jüdische Studenten allgemein bedeutete die oben skizzierte Entwicklung innerhalb der deutschen Studentenschaft, daß es für sie immer schwieriger wurde, einem studentischen Bund als gleichberechtigtes Mitglied beizutreten. Dies wog doppelt schwer, da zum einen ein Großteil der Studenten organisiert war und die Mitgliedschaft in einem studentischen Bund somit integraler Bestandteil des Studentenlebens in der Wilhelminischen Gesellschaft war.(113) Zum anderen war diese Entwicklung ein empfindlicher Rückschlag für die deutschen Juden, die sich nach der rechtlichen Gleichstellung 1871 als zumindestens ansatzweise gleichberechtigt fühlten und nun feststellen mußten, daß die antisemitische Bewegung im Begriff war, die Erfolge der Emanzipation zu überrollen. Jüdische Studenten bemühten sich dennoch weiterhin, ihren Platz im Verbindungswesen zu finden. Eine häufig genutzte Möglichkeit war der Beitritt zu Freien Wissenschaftlichen Vereinigungen, zu neutralen fachwissenschaftlichen Vereinen oder zu paritätischen Verbindungen. Diese Studentenorganisationen wurden aber aufgrund des großen Andrangs jüdischer Studenten sehr schnell zu fast rein jüdischen Organisationen, was nicht nur bei den nicht-jüdischen Mitgliedern sondern auch bei den um Assimilation bemühten jüdischen Mitgliedern Widerstand hervorrief. Eine andere Möglichkeit bestand in der Gründung eigener jüdischer Korporationen. Eine solche Gründung erfolgte erstmals 1886 in Breslau, wo die Viadrina als schlagende Verbindung gegründet wurde.(114) Ein zentraler Bestandteil dieser neugegründeten Korporation war der Versuch, das eigene Deutschtum mit den Abwehrmaßnahmen gegen die antisemitische Bewegung zu vereinen. Daraus resultierte ein auch nach außen getragenes, studentisches Traditionsbewußtsein und ein striktes Festhalten an studentischem Brauchtum. Lowenstein schreibt in diesem Zusammenhang über Studenten in dem 1896 gegründeten Kartell-Convent deutscher Studenten jüdischen Glaubens (KC): "Gemäß den Gebräuchen in nichtjüdischen Verbindungen traten KC- Mitglieder in Band und Mütze auf, sangen Kommersbuchlieder, fochten Mensuren und forderten antisemitische Kommilitonen zum Duell heraus." (115) Eine genauere Behandlung dieser Entwicklung findet sich in Abschnitt V.1.. 4.2 Das Spektrum jüdischer Organisationen und Vereine, die das jüdische Leben im Deutschen Kaiserreich repräsentiertenAllgemein läßt sich für die Wilhelminische Zeit eine verstärkt säkularisierte Organisationsgründung innerhalb der jüdischen Gemeinden Deutschlands feststellen. Die religiösen Interessengruppen verloren an Bedeutung im Vergleich zu politischen Organisationen. Hauptgründe für diese Entwicklung waren zum einen die allgemeine Tendenz innerhalb der deutschen Gesellschaft, sich stärker politisch zu organisieren, die sich auch in den jüdischen Bevölkerungsteilen niederschlug. Nationale Organisationen mit verstärkt politischen Zielen waren die Folge dieser Entwicklung.(116) Ein weiterer Grund lag zum anderen in der aufkommenden antisemitischen Bewegung, die auf jüdischer Seite eine verstärkte Abwehrhaltung und "Geste der Selbstverteidigung"(117) provozierte, die sich in solch Organisationsgründungen niederschlug. So entstand eine breite Bewegung, für die, wie Paucker schreibt, "der Antisemitismus bewirkte, daß viele dem Judentum schon stark entfremdete Menschen in der Selbstwehr den Weg zurück fanden." (118) Auch Lowenstein sieht in diesem äußeren Druck einen wichtigen Grund für eine neue jüdische Identität, wenn er schreibt: "Für viele deutsche Juden wurde in der Zeit des Kaiserreichs die organisierte Betätigung zur wichtigsten Form jüdischer Identifikation.(...) Demonstration ihres Jüdischseins durch Kampf für die Rechte der Juden, Unterstützung von Glaubensgenossen und sozialer Verkehr mit anderen Juden - dies ersetzte vielen ein jüdisches Leben, dessen Mittelpunkt die Synagoge gewesen war." (119) Im folgenden Abschnitt soll das Spektrum der jüdischen Organisationen im Deutschen Kaiserreich skizziert werden.(120)
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