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Christian Käselau: Der Kartell-Convent der Tendenzverbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens als ein Beispiel für jüdische Korporationsverbände im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik


4.2.1 Die Entstehung jüdischer Gemeindeverbände

Ein erster überregionaler Zusammenschluß jüdischer Gemeinden erfolgte bereits 1869 zwei Jahre vor der Reichsgründung. In diesem Jahr wurde der Deutsch-Israelitische Gemeindebund (DIGB) gegründet. Der DIGB sah seine Aufgabe in den folgenden Jahren im wesentlichen darin, Gemeinden aus finanziellen oder ähnlichen Schwierigkeiten zu helfen oder gegenüber dem Staat für die Interessen der jüdischen Gemeinden einzutreten.

Eine weitere Organisation, die die jüdischen Gemeinden repräsentierte, war der 1904 gegründete Verband der deutschen Juden (VdJ). Der VdJ war stärker politisch orientiert als der DIGB und setzte sich mit der Regierung über Fragen der Diskriminierung oder die Juden betreffende Gesetzgebung auseinander.

Beide Verbände beanspruchten für sich, das deutsche Judentum in seiner Gesamtheit zu repräsentieren, und waren daher um parteipolitische Neutralität bemüht. Gleichwohl standen die Verbände in den Augen vieler Juden aber dennoch für die akkulturierte, religiös-liberale Mehrheit der deutschen Juden.(121)

4.2.2 Jüdische Studentenorganisationen und Jugendorganisationen

Ein weiteres Indiz für die Veränderungen innerhalb der jüdischen Gemeinden und des jüdischen Lebens in Deutschland allgemein ist die Entstehung von Jugendorganisationen.

Auslöser dieser Entwicklung war wiederum der gesellschaftliche Antisemitismus, den besonders die jüdischen Studenten zu spüren bekamen. Aus diesem Grunde waren die jüdischen Studentenverbindungen auch die erste Form jüdischer Jugendorganisationen in Deutschland.(122)

Seinen Anfang nahm diese Entwicklung 1886 mit der bereits erwähnten Gründung der jüdischen Verbindung Viadrina in Breslau, die sich zum Zwecke der Antisemitismusabwehr gründete und zum Grundstein des 1896 gegründeten Kartell-Convents deutscher Studenten jüdischen Glaubens (KC) wurde. Die Entstehungsgeschichte des KC sowie eine genauere Untersuchung seiner Stellung innerhalb der jüdischen Organisationen soll Thema des nächsten Kapitels sein.

Diese ersten studentischen Verbindungen sind im wesentlichen aus den paritätischen Studentenverbindungen hervorgegangen und stehen für eine Mischung aus deutschem Nationalbewußtsein und jüdischer Kulturzugehörigkeit sowie für den Glauben an eine mögliche Integration der Juden in die deutsche Gesellschaft.

Die zweite studentische Gruppe, die sich organisierte, waren die zionistisch geprägten Studenten. Im Jahr 1914 entstand hier das Kartell Jüdischer Verbindungen (KJV), ein Kartellverband, der in der Tradition der zionistischen Bewegung stand, gleichwohl aber wie auch der KC sich stark an der deutschen studentischen Tradition orientierte. (123)

Neben den studentischen Organisationen entstand insbesondere eine organisierte jüdische Jugendkultur in der Tradition der völkisch-nationalen und romantisierenden deutschen Jugendbewegung wie etwa des Wandervogels. Zu nennen ist hier vor allem der 1912 gegründete Jüdische Wanderbund Blau-Weiß, der im wesentlichen zionistisch geprägt war und den "Zurück-zur-Natur" - Gedanken der Wandervogelbewegung mit starken jüdisch-nationalen Elementen verband.(124)

Auf orthodoxer Seite sind als Jugendorganisationen noch zu nennen der Bund Jüdischer Akademiker von 1903 und der Bund gesetzestreuer Jugendvereine von 1907.

Lowenstein charakterisiert die Situation der jüdischen Gemeinden und Jugendorganisationen abschließend wie folgt: "Ideologische Unterschiede in der deutschen Judenschaft fanden ihren Ausdruck in konkurrierenden Organisationen auf lokaler und nationaler Ebene. Jugendarbeit und unabhängige Jugend- und Studentenorganisationen spielten eine immer größere Rolle im Leben der Gemeinde."(125)

4.2.3 Abwehrvereine gegen den Antisemitismus

Eine zweite antisemitische Welle zu Beginn der neunziger Jahre war der Aufhänger für organisierte Abwehrmaßnahmen gegen die Rücknahme der Emanzipation.

Zuerst gründete sich im Jahr 1891 ein überkonfessioneller Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Diesem Verein gehörten zahlreiche liberal Gesinnte, unter anderem auch der oben erwähnte Historiker Theodor Mommsen, an, die sich für die Integration der Juden aussprachen. Dieser Verein war in erster Linie ein christlicher Zusammenschluß mit protestantischer, bürgerlich-liberaler Prägung, dessen Tätigkeit im wesentlichen darin bestand, öffentlich für die Interessen der deutschen Juden einzustehen oder Diskriminierungen anzuprangern.

Diese beiden Faktoren, das erneute Anwachsen des Antisemitismus und die Gründung eines Abwehrvereins auf christlicher Seite, sieht Paucker als die entscheidenden Impulse an, die dann zur Gründung eines ersten jüdischen Abwehrvereins geführt haben. Die organisierten jüdischen Studenten, die als selbstbewußte geistige Elite auftraten, unterstützten diese Entwicklung.(126)

Am 26.3.1893 wurde dann schließlich der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (CV) gegründet. Der Centralverein wurde schnell zur bedeutendsten politischen Organisation der deutschen Juden, er zählte 1914 bereits 40.000 Mitglieder.(127)

Die politische Prägung des CV führte sehr bald zu einem inneren Widerspruch innerhalb des Vereins. Auf der einen Seite erhob der CV immer wieder Anspruch auf die Vertretung des gesamten deutschen Judentums und bemühte sich aus diesem Grunde um parteipolitische Neutralität, auf der anderen Seite aber hatte der CV eine eindeutig liberale Prägung, so daß die Mehrheit der assimilierten und religiös-liberalen Juden in ihm ihre politische Heimat sahen, während vor allem orthodoxe Juden und Zionisten sich immer weiter vom CV entfernten.(128)

Die Grundposition des CV bestand darin, den Assimilationsgedanken voranzutreiben, der CV strebte eine Kombination von nationalem Stolz mit dem Stolz auf die eigene jüdische Tradition an. Der patriotische deutsche Jude im Wilhelminischen Reich wurde so zum Sinnbild des CV.

Paucker kommt in diesem Zusammenhang zu dem Schluß, daß besonders der Nationalstolz teilweise in überheblichen Nationalismus mündete, während die eigene jüdische Kultur immer skeptischer betrachtet wurde und immer weiter in den Hintergrund gedrängt wurde. (129)

Die Wirksamkeit der Arbeit des CV im Abwehrkampf gegen den Antisemitismus blieb aber trotzdem gering, da die gesellschaftliche Funktion dieser Bewegung, die religiösen und psychologischen Wurzeln der Judenfeindschaft, nicht wirklich erkannt wurde (130) und man sich im wesentlichen darauf beschränkte, die antisemitischen Vorwürfe argumentativ oder durch Betonung des eigenen Deutschtums zu widerlegen. Paucker sieht so auch einen "naiven Fortschrittsglauben des neunzehnten Jahrhunderts" (131) in den Reihen des CV als wesentlichen Kritikpunkt an dessen Arbeit an. Diese Grundannahme, so Paucker, habe den Antisemitismus als gesellschaftliches Phänomen grundsätzlich unterbewertet und eine erfolgreiche Auseinandersetzung erschwert.

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Zurück zum Text  121. Lowenstein: Die Gemeinde, Seite 136 - 139, in: Meyer, Seite 123-150

Zurück zum Text  122. Ebenda, Seite 143/144

Zurück zum Text  123. Ebenda, Seite 144-146

Zurück zum Text  124. Ebenda, Seite 146/147

Zurück zum Text  125. Ebenda, Seite 150

Zurück zum Text  126. Paucker, Die Abwehr des Antisemitismus, Seite 146/147

Zurück zum Text  127. Pulzer: Die Reaktion auf den Antisemitismus, Seite 253/254, in: Meyer , Seite 249-277

Zurück zum Text  128. Ebenda, Seite 254,
und auch: Paucker, Die Abwehr des Antisemitismus, Seite 148

Zurück zum Text  129. Paucker, Die Abwehr des Antisemitismus, Seite 150

Zurück zum Text  130. Vergleiche dazu auch: Abschnitt II.2.2

Zurück zum Text  131. Paucker, Die Abwehr des Antisemitismus, Seite 152

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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