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Christian Käselau: Der Kartell-Convent der Tendenzverbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens als ein Beispiel für jüdische Korporationsverbände im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik


5 Der Kartell-Convent als Beispiel eines jüdischen Korporationsverbandes

Dieses fünfte Kapitel soll im wesentlichen dazu dienen, die Grundgedanken der KC-Verbindungen von ihrer Entstehungsgeschichte her zu verdeutlichen.

Daneben soll in einem zweiten Teil das Verhältnis des KC zu den wesentlichen innerjüdischen Bewegungen skizziert werden, um so ein erstes Verständnis der grundsätzlichen KC-Positionen für die weiteren Betrachtungen in Kapitel VI. zu erleichtern.

5.1 Die Entstehung des Kartell-Convents

Wie oben beschrieben, war für viele jüdische Studenten der Beitritt zu sogenannten paritätischen Korporationen die einzige Möglichkeit, trotz zunehmender antisemitischer Anfeindungen am Studentenleben teilzunehmen.

Als erste solche Verbindung entstand 1881 in Berlin die Freie Wissenschaftliche Vereinigung, die als Reaktion auf die antisemitischen Vereine Deutscher Studenten gegründet wurde. (141) Später folgten weitere wissenschaftliche Vereinigungen dieser Art auch an anderen Universitäten.

Zum Hauptproblem aller paritätischen Studentenverbindungen wurde in der Folgezeit eine weitestgehende Isolation von den übrigen Korporationen, da der hohe Anteil an jüdischen Mitgliedern das Bild der Verbindungen dominierte und diese als "Judenverbindungen" verpönt wurden.(142)

Vor diesem Hintergrund kam es 1886 in Breslau zur Gründung einer ersten rein jüdischen Verbindung: Am 23. Oktober wurde die Viadrina, freie Verbindung durch vierzehn jüdische Studenten gegründet.

In einer anläßlich der Gründung veröffentlichten Denkschrift legen die Gründer ihre Motivation dar: Die Verbindung sollte jüdischen Studenten die Möglichkeit geben, selbstbewußt für ihr Judentum einzustehen, ohne von dem studentischen Leben ausgeschlossen zu werden. Zu diesem Zweck widmete sich der Verein zum einen dem "Studium der jüdischen Geschichte" (143) und zum anderen Leibesübungen, wie Turnen, Fechten, Rudern oder Schwimmen. Zur Begründung für die Betonung des Sports innerhalb der Vereinstätigkeit heißt es in der Denkschrift: "Wir müssen das Odium der Feigheit und Weichlichkeit, das auf uns lastet, mit aller Energie zurückweisen." (144)

Mit dem zweiten Semester ihres Bestehens legte die Viadrina dann auch Couleur und eigene Waffen an, um als gleichberechtigte Verbindung anerkannt zu werden und um auf antisemitische Beleidigungen mit der Forderung nach Genugtuung durch Austragung einer Säbelmensur reagieren zu können.

Die Mitglieder der Viadrina machten von dem Duellrecht so ausgiebig Gebrauch, daß sich der Vorwurf der Feigheit bald in sein Gegenteil verwandelte und die Viadrina als sehr aggressive Verbindung galt. (145)

Als entscheidenden Verdienst der Viadrina als erste rein jüdische Verbindung bezeichnet Goldschmidt das selbstbewußte Eintreten für das eigene Judentum, das über ein reines Selbstverteidigungsgehabe hinausging: "Durch die Viadrina ist zuerst der Gedanke der Selbstachtung und des Selbstbewußtseins der Juden als Forderung für die Gesamtheit ausgesprochen und in beherztem Beispiel durch straffe Schulung betätigt worden." (146)

Auf diese erste Gründung folgten in kurzer Zeit weitere jüdische Studentenverbindungen mit ähnlichen Motiven: 1890 die Badenia in Heidelberg, 1894 die Sprevia in Berlin, 1895 die Licaria in München und 1896 die Friburgia in Freiburg.

Diese fünf jüdischen Korporationen gründeten am 8. August 1896 gemeinsam den "Kartell-Convent jüdischer Corporationen" (147), wie sich der Verband zuerst nannte.

Auch in den Jahren nach der Gründung des KC 1896 erfolgten weitere Verbindungsgründungen, u.a. in Bonn, Darmstadt, Leipzig oder Königsberg. Überall war die Gründungsidee dieselbe, nämlich jüdischen Studenten einen eigenen Platz innerhalb des deutschen Korporationswesens zu geben. Asch formuliert die Konsequenz aus der Gründung des KC folgendermaßen: "Dem Ausschluß jüdischer Studenten von den deutschen Studentenkorporationen stand das selbstbewußte Eigenleben der jüdischen Korporationen gegenüber." (148)

Ganz ähnlich urteilte auch Graetzer in einem Artikel des KC-Jahrbuchs 1908, wo er schreibt: "Das ist ja auch das lebenskräftige Prinzip des K.C., daß er die alten deutschen Studentensitten in dem Kreise von deutschen Juden pflegt, und daß er in keinem Nichtjuden die Befürchtung aufkommen läßt, der deutsche Jude könne gar nicht in der althergebrachten Weise mitwirken, könne nicht, weil er früher einmal ausgeschlossen war, jetzt in gleicher Weise wie der Nichtjude mitwirken und mitleben." (149)

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Zurück zum Text  141. Siehe dazu: Thomas Schindler: Studentischer Antisemitismus und jüdische Studentenverbindungen in Deutschland unter besonderer Berücksichtigung Bayerns von 1880 bis1914, Wissenschaftliche Arbeit zur Erlangung des akademischen Grades eines Magister artium (M.A.), Würzburg 1987, Seite 42/43

Zurück zum Text  142. Ebenda, Seite 44

Zurück zum Text  143. Zitiert aus der Denkschrift, abgedruckt in: Asch, Seite 50

Zurück zum Text  144. Ebenda

Zurück zum Text  145. Ebenda, Seite 52

Zurück zum Text  146. Alfred Goldschmidt: Zur Geschichte der freien Verbindung Viadrina und ihrer Nachfolgerinnen, Seite 37, in: Bruno Weil (Hrsg.): K.C. Jahrbuch 1906, Strassburg und Leipzig 1906

Zurück zum Text  147. Asch, Seite 59

Zurück zum Text  148. Ebenda, Seite 72

Zurück zum Text  149. Walter Graetzer: Zur Frage der gesellschaftlichen Stellung der Juden, Seite 81, in:
Bruno Weil (Hrsg.): K.C. Jahrbuch 1908, Strassburg und Leipzig 1908

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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