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Christian Käselau: Der Kartell-Convent der Tendenzverbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens als ein Beispiel für jüdische Korporationsverbände im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik


5.2 Der KC im Spektrum der jüdischen Verbände und Studentenverbindungen

Schindler schlägt in seiner Arbeit eine Einteilung der jüdischen Korporationen in drei Hauptrichtungen vor.

Dies sind die paritätischen Verbindungen, die sich wie erwähnt durch ihren hohen Anteil an jüdischen Kommilitonen auszeichnen, die deutsch-jüdischen Korporationen, die wie die im KC organisierten Korporationen auf dem Boden der deutschen studentischen Traditionen stehen und schließlich die jüdisch-nationalen Korporationen, die in einer zionistischen Tradition stehen. Neben diesen drei Hauptrichtungen nennt Schindler den Bund Jüdischer Akademiker als vierte, konfessionelle Verbindung.(150)

Ich schließe mich in der folgenden Betrachtung diesem Schema an, da über die Verbindung zum Centralverein sowie über die Abgrenzung des KC gegenüber den jüdisch-nationalen Korporationen und dem Bund Jüdischer Akademiker der Charakter des KC verdeutlicht werden kann. Die inhaltliche Beziehung zu den paritätischen Verbindungen ist schon aus der Entstehungsgeschichte der Viadrina und des KC deutlich geworden.(151)

5.2.1 Der KC und sein Verhältnis zum Centralverein

Die enge inhaltliche Verbindung zwischen KC und CV wird schon aus einem Vergleich der Verbandsziele deutlich. Sowohl KC als auch CV sind als Reaktion jüdischer Bürger auf antisemitische Entwicklungen innerhalb der Gesellschaft bzw. innerhalb der Studentenschaft entstanden. Beide verstanden sich dabei als Vertretung einer liberalen und säkularen Mehrheit der deutschen Juden. Der CV bezog sich hier allerdings auf die Gesamtheit deutscher Juden, der KC nur auf die jüdische Studentenschaft.

Die selbstbewußte Berufung auf eigene, jüdische Identität geschah, wie Schindler schreibt, beim KC dann auch "auf dem Boden des deutsch-nationalen Programms, das auch vom Centralverein getragen wurde." (152)

Sowohl CV als auch KC sprachen sich für eine weitere Integration der deutschen Juden in die gesellschaftlichen oder studentischen Mehrheiten aus und bejahten die damit zusammenhängenden Traditionen.

Auch Asch spricht von einer engen Verbindung zwischen diesen beiden Verbänden, die sich nicht nur in den inhaltlichen Zielen der Verbandstätigkeit ausdrückte, sondern darüber hinaus in der Person Ludwig Holländers niederschlug.

Holländer war Mitbegründer der ersten jüdischen Korporation Licaria in München, einer der geistigen Väter des Kartell-Convents und Mitglied des Geschäftsführenden Ausschusses des KC. Daneben wurde er nach der Gründung des CV 1893 Leitender Geschäftsführer des Centralvereins. Holländer verkörperte somit die enge Verbindung zwischen beiden Verbänden. (153)

Beide Verbände können zusammenfassend als Interessenvertretungen deutsch-vaterländisch gesinnter Juden angesehen werden.

Eine genauere Untersuchung des beiderseitigen Verhältnisses wird in Abschnitt V.3. erfolgen.

5.2.2 Die Stellung des KC zu zionistischen und konfessionellen jüdischen Verbindungen

Dieser Abschnitt soll im wesentlichen einen Überblick über die verschiedenen zionistischen und konfessionellen jüdischen Verbindungen verschaffen, deren Beziehung zum KC dann in Kapitel VI.4. und VI.5. im Spiegel der KC-Blätter genauer untersucht werden wird.

Ein erster zionistischer Studentenverein, der Verein Jüdischer Studenten (VJSt), wurde 1895, also ein Jahr vor der Veröffentlichung von Herzls Buch, in Berlin gegründet. Bereits sechs Jahre später, im Jahr 1901, bildete sich aus diesem und drei weiteren Vereinen aus Breslau, Leipzig und München der Bund Jüdischer Corporationen (BJC) als nicht-farbentragender Kartellverband.

Im Jahr 1914 schließlich kam es zur Fusion des BJC mit dem bereits bestehenden Kartell Zionistischer Verbindungen (KZV) zum bereits erwähnten Kartell Jüdischer Verbindungen (KJV).

Das KJV trat in den ersten Jahren für eine Verbindung des Zionismus mit studentischem Korpsgeist ein. Nach einer Verbandsreform 1919 wurde allerdings der studentische Traditionalismus in den Hintergrund gedrängt und ein allgemeines Satisfaktionsverbot für KJV-Mitglieder ausgesprochen. Gleichzeitig wurde ein stärkeres Gewicht auf zionistische Inhalte gelegt.(154)

Ähnlich dem Centralverein versuchte der KC sich in den ersten Jahren der zionistischen Bewegung gegenüber neutral zu verhalten. Mit der Radikalisierung der zionistischen Bewegung nahm aber auch die Abwehrhaltung des KC gegenüber dem Zionismus zu. (155)

Von zionistischer Seite wurde dem KC insbesondere mangelnde jüdische Identifikation und mangelndes Eintreten für spezifisch jüdische Interessen vorgeworfen. So heißt es in einer Flugschrift des KZV: "Er [der KC] betrachtet sich selbst als eine vorübergehende Verlegenheitserscheinung, denn ihm erscheint der Zusammenschluss der Juden einzig gerechtfertigt aus der antisemitischen Tendenz der andern.(...) Nicht weil der K.C. nicht zionistisch, oder offiziell antizionistisch ist, stehen wir ihm so ablehnend gegenüber, sondern weil er seine Mitglieder von jedem tieferen jüdischen Problem absichtlich fernhält, weil die K.C.-Erziehung sie auf viele Jahre hinaus gegen Nachdenken immun macht, und so jenen Indifferentismus züchtet, der das schlimmste Symptom der politischen Degeneration der Judenheit ist." (156)

Als letzte Richtung jüdischer Studentenverbindungen sei hier der Bund Jüdischer Akademiker (BJA) als konfessioneller Bund erwähnt. Der BJA zeichnete sich durch die Ablehnung vieler studentischer Traditionen wie des Fechtens, des Farbentragens oder der Kneipe als Zentrum studentischen Lebens aus. Außerdem waren im BJA Aktive und alte Herren gleichberechtigte Mitglieder, so daß der Bund an den Universitäten nicht als Korporation anerkannt wurde. (157)

Schindler bezeichnet als Ziel des BJA die Hinwendung sowohl "zur modernen Kultur und Wissenschaft als auch zur jüdischen Religiosität" (158). Der BJA selbst formulierte sein Selbstverständnis in einer Flugschrift folgendermaßen: "Das Selbstbewußtsein des BJA ist ein religiös-nationales." (...) Auf der Fahne des BJA steht die Treue. Treue gegen die Väter, Treue gegen das Judentum, Treue gegen sich selbst, Treue auch gegen die Bundesbrüder."(159)

Die Kritik, die von Seiten des BJA an der Arbeit des KC formuliert wurde, ging in dieselbe Richtung wie die Kritik von zionistischer Seite, allerdings mit dem Unterschied, daß der BJA von einem stärker konfessionellen Standpunkt aus ein stärkeres Eintreten für jüdische Werte forderte: "Der Begriff des Judentums ist daher beim K.C. ein inhaltlich leerer. Er ist nichts als eine Kampfesorganisation mit aller Einseitigkeit einer solchen. Im Kampf gegen den Antisemitismus erschöpft er sich vollkommen. Ihm fehlt das lebendige, zukunftsfrohe jüdische Ideal." (160)

6 Der Kartell-Convent im Spiegel der "KC-Blätter" zwischen 1910 und 1933

Der Kartell-Konvent besaß ab dem Oktober 1910 ein verbandseigenes Nachrichtenblatt, das bis 1924 unter dem Titel "KC - BLÄTTER. Monatsschrift der im Kartell-Convent vereinigten Korporationen." (162) herausgegeben wurde und ab 1924 entsprechend dem zu dieser Zeit ebenfalls veränderten Verbandsnamen unter dem Titel "K.C.-BLÄTTER. Zeitschrift der im Kartell-Convent der Verbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens vereinigten Korporationen." erschien.

In diesem Kapitel sollen zahlreiche Artikel von Verbandsaktiven oder alten Herren aus den KC-Blättern im gesamten Erscheinungszeitraum herangezogen werden, um dadurch verschiedene Positionen des Verbandes und auch verbandsinterne Diskussionen über bestimmte Themen analysieren zu können. Hierbei werde ich im wesentlichen nicht chronologisch vorgehen, sondern die Artikel nach inhaltlichen Gesichtspunkten auswählen. Die Artikel stellen zwar jeweils eine Einzelmeinung dar, integriert in den jeweiligen Gesamtzusammenhang lassen sich daraus aber Aussagen über die jeweils zu behandelnde Einzelfrage ableiten und ggf. auch verbandsinterne Kontroversen offenlegen.

Die verbandsinternen Mitteilungen, Veranstaltungsankündigungen etc., die neben den themenbezogenen Aufsätzen den zweiten Teil der KC-Blätter ausmachten, werden im Rahmen dieser Arbeit keine Beachtung finden, da sie nicht das Thema der Arbeit betreffen.

Die zu behandelnden Themen befassen sich also mit Fragen des Verhältnisses zu anderen Organisationen und Bewegungen oder mit Fragen der eigenen Tendenzen und Stellung zu konkreten Themen wie dem gesellschaftlichen Antisemitismus oder dem studentischen Traditionalismus.

6.1 Zum Selbstverständnis des KC: Gründungsmotivationden und interne Diskussionen um die Verbandstendenz

Die Grundtendenz des KC ist u.a. bereits im Zusammenhang mit dem Centralverein in Abschnitt V.2.1 behandelt worden. Als Grundziel ergab sich die Vollendung der Emanzipation und die Gleichberechtigung der Juden als Bürger, die sowohl auf ihr deutsches Vaterland als auch auf ihr Judentum stolz sein können. Asch sieht die Hauptaufgabe des KC "in der Stärkung der sittlichen Kräfte und in der Erziehung seiner Mitglieder zur mannhaften Haltung."(163)

In einem Artikel in den KC-Blättern aus dem Jahre 1911 schreibt der Autor in diesem Zusammenhang, daß der KC sich zwar als Verband etablieren und auch zu einigem Ansehen kommen konnte, daß sein Grundziel aber noch unerreicht sei: "Denn tatsächlich ist es heute noch einem anständigen Juden unmöglich, in eine christliche Corporation zu kommen. Dies zu erreichen, dieser endliche Abschluß unseres Kampfes ist noch ein Ziel, das tüchtiger Arbeit bedarf." (164)

Von zentraler Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die Betonung des jüdischen Selbstbewußtseins, das immer wieder als ein erklärtes Erziehungsziel des Verbands auftauchte und sich auch praktisch in dem unbedingten Willen niederschlagen sollte, die eigene Ehre im Duell zu verteidigen.

Ein zweiter wichtiger Punkt, der die Grundtendenz des KC ausmachte, war die Betonung der Einheit der jüdischen Gemeinschaft und damit verbunden der Anspruch des KC, das gesamte deutsche Judentum zu repräsentieren. Ludwig Holländer schrieb dazu in einem Artikel aus dem Jahr 1913: "Durch Einsicht in das Wesen der Dinge will der KC zu geistiger, innerer Festigkeit führen. Darum muß es ihm willkommen sein, wenn alle Richtungen innerhalb des Judentums in seinen Reihen arbeiten." (165)

Diese Grundziele des KC wurden zusammengefaßt in dem sogenannten "Tendenzparagraphen" in der Verbandssatzung. Der Paragraph war für den KC von so zentraler Bedeutung, daß er auf der Titelseite jeder Ausgabe der KC-Blätter direkt unter dem eigentlichen Titel abgedruckt wurde. Im Wortlaut heißt der Tendenzparagraph:

"Die Verbindungen des KC stehen auf dem Boden deutschvaterländischer Gesinnung. Sie haben zum Zweck den Kampf gegen den Antisemitismus in der deutschen Studentenschaft und die Erziehung ihrer Mitglieder zu selbstbewußten Juden, die im Bewußtsein, daß die deutschen Juden einen durch Geschichte, Kultur- und Rechtsgemeinschaft mit dem deutschen Vaterlande unlöslich verbundenen Volksteil bilden, jederzeit bereit und imstande sind, für die politische und gesellschaftliche Gleichberechtigung der Juden einzutreten.
Zu politischen und religiösen Sonderbestrebungen innerhalb des Judentums, sofern sie der Tendenz von Absatz 1 nicht widerstreben, nehmen die Verbindungen im K.C. keine Stellung."
(166)

Als Einschränkung des Gesamtvertretungsanspruchs des deutschen Judentums enthält dieser Paragraph jedoch den Zusatz, daß der KC sich nur gegenüber solchen Tendenzen neutral verhält, die den eigenen Tendenzen nicht widersprechen. Konkret bedeutete dies, daß zionistische Tendenzen aufgrund ihrer ablehnenden Haltung gegenüber dem deutschen Nationalbewußtsein von Juden durch den KC abgelehnt wurden.

Diese Abgrenzung gegenüber der zionistischen Bewegung ist vor dem zeitlichen Hintergrund zu verstehen. Das Erscheinen der KC-Blätter 1910 fiel genau mit der Phase der Radikalisierung der zionistischen Bewegung zusammen.

Lowenstein spricht in diesem Zusammenhang von einem "tiefen Schisma" (167), das zwischen liberalem Judentum und der zweiten Generation zionistischer Führer entstanden ist.

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Zurück zum Text  150. Schindler, Studentischer Antisemitismus und jüdische Studentenverbindungen, Seite 133

Zurück zum Text  151. Vergleiche dazu auch: Abschnitt V.1.

Zurück zum Text  152. Ebenda, Seite 121

Zurück zum Text  153. Asch, Seite 72

Zurück zum Text  154. Siehe dazu: Schindler, Studentischer Antisemitismus und jüdische Studentenverbindungen, Seite 126-132

Zurück zum Text  155. Vergleiche dazu auch: Abschnitt VI.5

Zurück zum Text  156. Der zionistische Student. Flugschrift des KZV, ohne Angabe von Ort und Erscheinungsjahr, Seite 5-6

Zurück zum Text  157. Schindler, Studentischer Antisemitismus und jüdische Studentenverbindungen, Seite 133-135

Zurück zum Text  158. Ebenda, Seite 136

Zurück zum Text  159. Was will der Bund jüdischer Akademiker? Flugschrift an die jüdischen Studenten, ohne Angabe von Ort und Erscheinungsjahr, Seite 23 und Seite 28

Zurück zum Text  160. Ebenda, Seite 17

Zurück zum Text  162. K.C.-BLÄTTER. Monatsschrift der im Kartell-Convent vereinigten Korporationen, Jahrgänge 1 (1910/11) bis 14 (1923/24), sowie ( von 1924 bis 1933): K.C.-BLÄTTER. Zeitschrift der im Kartell-Convent der Verbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens vereinigten Korporationen.

Zurück zum Text  163. Asch, Seite 137

Zurück zum Text  164. Fritz Maier: K.C.-Reflexionen, in: KC-Blätter, Mai 1911, Seite 126

Zurück zum Text  165. Ludwig Holländer: Gedanken über das Wesen des K.C., in: KC-Blätter, März 1913, Seite 118

Zurück zum Text  166. KC-Blätter, Titelseite jeder Ausgabe

Zurück zum Text  167. Lowenstein: Ideologie und Identität, Seite 300, in: Meyer, Seite 278-301

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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