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Christian Käselau: Der Kartell-Convent der Tendenzverbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens als ein Beispiel für jüdische Korporationsverbände im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik


Die Frage nach der Tendenz des KC und der Auslegung des Tendenzparagraphen führte innerhalb des Verbands zu einer breiten Diskussion in den ersten Jahren der Weimarer Republik. Als zentrale Frage kristallisierte sich dabei heraus, ob in der Arbeit stärkeres Gewicht auf die jüdische Kultur gelegt werden sollte oder ob die erzieherische Arbeit des KC stärker an deutsch-studentischen Traditionen orientiert sein sollte.

In der verbandsinternen Diskussion sind in diesem Zusammenhang die Begriffe Tendenz und Comment als Synonyme für die beiden Richtungen benutzt worden. (168)

Als ein Befürworter der Comment-Betonung trat Ludwig Holländer in dem bereits zitierten Artikel in Erscheinung. Hierin schrieb er u.a.: "Wir lieben die alten, deutschen studentischen Sitten und üben sie. (...) Und zwar stellt er [der KC] eine spezifisch akademische Organisation mit ihren eigensten Einrichtungen dar, die getragen ist vom Optimismus zum Judentum und geleitet von den Worten der alten Burschenschaft: Ehre, Freiheit, Vaterland!" (169)

Im Gegensatz dazu werden in einem Artikel aus dem Jahr 1911 besonders die "positive jüdische Erziehung" und die "methodische Schulung des Charakters" (170) als Leistungen des KC erwähnt, durch die der jungen KC-Generation ein gestärktes jüdisches Selbstbewußtsein und Ehrgefühl vermittelt werden konnte.

In den ersten Jahren der Weimarer Republik kam es aufgrund einer erneuten antisemitischen Welle in der deutschen Gesellschaft, die, wie Asch schreibt, "das, was der KC durch seinen Kampf erreicht hatte, offenbar zu vernichten drohte," (171) innerhalb des KC zu verstärkten Reformbemühungen.

Die neue Situation führte dazu, daß an fast allen deutschen Universitäten den im KC organisierten Studenten die Satisfaktion verweigert wurde. Außerdem kam es zu zahlreichen Verrufen jüdischer Studenten durch völkische Studenten. Für die KC-Studenten, die traditionell den Ehrbegriff besonders hoch schätzten(172), war dies ein schmerzlicher Verlust der studentischen Ehre. Die Bedeutung des Ehrbegriffes wird deutlich in einem Artikel aus dem Jahr 1911. Ein zentraler Satz darin lautet: "Wer zum KC gehört oder wie dieser empfindet muß also ein hervorragendes, ein geradezu dreifaches Ehrgefühl haben: ein persönliches als Mensch, ein nationales als Deutscher, ein geistig-ethisches als Jude." (173)

Die Frage nach der Ausgestaltung der KC-Tendenz erlangte nun große Bedeutung innerhalb des Verbandes und wurde kontrovers diskutiert.

Von Seiten einiger alter Herren kam die Forderung nach völliger Aufgabe des Fechtens auf. Statt dessen sollten die Studenten in anderen Sportarten geübt werden, um sich auf diese Weise im Kampf verteidigen zu können. Als Begründung für den totalen Verzicht auf das Fechten hieß es unter anderem: "Es tut uns alten K.C.ern wehe, die jungen K.C.er in Couleur zu sehen, weil der Waffenverkehr diesen doch nicht mehr möglich ist. (...) Unser System ist falsch: wir müssen die Umstellung, die ich schon 1920 vom Verbande gefordert habe, schnellstens vornehmen: Der KC muß wieder leistungsfähig werden.(...) Jedes Mitglied des Verbands soll erst allgemein körperlich durchgebildet und dann nach individueller Eignung zu Wettkämpfen trainiert werden." (174)

Asch macht als Reaktion unter den jungen KC-Studenten auf die zahlreichen Satisfaktionsverweigerungen auch eine verstärkte Zuwendung zum "positiven Judentum" aus.(175) Der Begriff positives Judentum" geht auf das KC-Mitglied Hirsch zurück, der dieses von der negativen Richtung in der Tendenzdiskussion unterscheidet: "Hirsch behauptet, "die negative" Richtung oder die Trutzjuden hätten kein Interesse daran "sich mit Dingen zu befassen (Studium der jüdischen Geschichte), die die Liebe zum Judentum stärken." Der positiven Richtung sei aber der Wunsch eigen, ein erhöhtes Interesse für das Judentum zu hegen." (176)

Im Gegensatz dazu gab es aber auch Stimmen, die als Reaktion auf die neue antisemitische Welle ein verstärktes Festhalten an Komment-Traditionen vorschlugen und ein Zurückweichen als Fehler ansahen. In einem Artikel aus dem Jahr 1919 hieß es dazu: "Es wird den meißten K.C.ern klar sein, daß eine Reform des Fecht- und Kommentbetriebes, wie es einige unter uns wollen, schon deswegen unbedingt verfrüht sein muß, weil die andern deutschen Studentenverbindungen, mit denen wir uns auf eine Stufe stellen, vorläufig an eine solche Reform nicht denken und wir es uns als der einzige große Verband, der nur Angehörige der jüdischen Glaubensgemeinschaft umfaßt, nicht leisten können, in solchen Sachen voranzugehen, ohne unseren Feinden die Gelegenheit zu falschen Behauptungen zu geben."(177)

In einem Artikel aus dem Jahr 1923 wurde erstmals versucht, einen Schlußstrich unter diesen Streit um eine Verbandsreform zu ziehen und zu einem versöhnlichen Resultat zu kommen. Der Streit, so der Autor, erschütterte den KC in seinen Grundfesten, und letztlich sollte keine von beiden Seiten allein Recht behalten. Und weiter: "Wir ordnen uns dem Comment nicht nur unter aus Tradition, (...) für uns ist der Comment nicht Selbstzweck, er ist ein Mittel zum Zweck.(...) Die Tendenz ist die Seele des K.C., Comment und Couleur nur der Körper, in dem sie wohnen soll. Ohne Seele aber ist der Körper tot. Darum liegt Gegenwart und Zukunft des K.C. in den Händen der Fuxmajore für Tendenz." (178)

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Zurück zum Text  168. Siehe dazu u.a.: Kurt Braun, Der Tendenzunterricht, in: KC-Blätter, April/Mai/Juni 1923, Seite 14-17

Zurück zum Text  169. Ludwig Holländer: Gedanken über das Wesen des K.C., in: KC-Blätter, März 1913, Seite 120

Zurück zum Text  170. Felix Goldmann: Die Bedeutung des K.C. für das deutsche Judentum, in: KC-Blätter, Oktober 1911, Seite 3

Zurück zum Text  171. Asch, Seite 97

Zurück zum Text  172. Die Erhaltung der jüdischen Ehre war einer der Hauptgründe für die Entstehung der jüdischen Verbindung Viadrina 1886 in Breslau als Grundlage des KC.

Zurück zum Text  173. Adolf Leon: Die innere Ursache der Entstehung des KC, in: KC-Blätter, Juni 1911, Seite 135

Zurück zum Text  174. Erich Bukofzer: Ein letzter Versuch, in: Vertrauliche Beilage der KC-Blätter, Juli-September 1922, Seite 15

Zurück zum Text  175. Asch, Seite 116

Zurück zum Text  176. Kurt Alexander: Zur KC-Tendenz, in: Interne Beilage der KC-Blätter, November 1913, ohne Seitenzählung

Zurück zum Text  177. Oscar Goetz: Neuorientierung, in: Vertrauliche Beilage der KC-Blätter, Mai 1919, Seite 7

Zurück zum Text  178. Kurt Braun: Der Tendenzunterricht, in: KC-Blätter, April/Mai/Juni 1923, Seite 14 - 15

 

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Stand der letzten Aktualisierung: 16. August 1999
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